Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1927)
- Date
- 1927-09-26
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT illiilllllllllllilillillilll Seite 25 diese unsere Initiative wären fast alle von ihnen, die heute bereits ihr Brot zu verdienen wieder in der Lage sind, ohne Erwerb. Ein weiterer Baustein im Gebäude unserer produktiven Fürsorge ist die sogenannte „Brockemsammlun g'\ durch welche wir einer nicht geringen Anzahl erwerbslosen Glaubensgenossen Arbeit und Verdienst zu verschaffen in der Lage sind. Fast in jedem jüdischen Haushalte befinden sich getragene Kleider, alte Möbel und sdnstiger Hausrat, der nicht mehr benützt wird und deshalb nur im Wege steht. Durch einen von uns organisierten Sammeldiemst werden nun diese „Brocken" eingesammelt und in unseren Werkstätten wieder gebrauchsfähig gemacht. Das auf diese Weise gewonnene Material erspart uns die Neuanschaffung mancher Gegenstände, welche wir an arme jüdische Familien abgeben oder bei der Ausstattung mittelloser jüdischer Bräute benötigen. Auf diese Welse macht sich die Arbeit der Einsammler sowie die Arbeit in unseren Werkstätten, welche einer großen Zahl arbeitsloser Glaubensbrüder erlne, wenn auch bescheidene Verdienstmöglichkeit bietet, reichlich bezahlt. Zur Illustration des Gesagten möchte ich erwähnen, daß jedem armen jüdischen Jungen zu seiner Barmizwah von.unserer Gemeinde ein Anzug geschenkt wird. Ein wichtiges Mittel zur Bekämpfung der jüdischen Arbeitslosigkeit bilden die Notstandsarbeiten, für welche: Staat und Stadt Beiträge zu leisten von Gesetzes wegen verpflichtet sind. Diese Notstandsarbeiten dienen uns auch dazu, jüdische Arbeitslose im neue Berufe überzuführen. Ich hoffe gezeigt zu haben, schloß Herr Adler-Rudel seine hochinteressante Ausführung, daß wir trotz aller widrigen Umstände Mittel und Wege gefunden haben, um jüdische Not und jüdisches Elend zu lindern und die steigende Arbeitslosigkeit unter unseren Glaubensbrüdern einzudämmen. Mag unsere Arbeit auch eine schwere sein, so muß sie doch als eine schöne und wertvolle bezeichnet werden, und wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Lebhafter Bejifall lohnte den Vortragenden für seine ausgezeichneten Ausführungen, der sich noch steigerte, als Herr Adler-Rudel' einige an ihn gerichtete Fragen in treffender Weise beantwortete. Vizepräsident Dr. Ornstein sprach sodann dem Berliner Gaste in warmen Worten den Dank für seine lehrreichen Ausführungen aus und erklärte, daß zwar die Wiener israelitische Kultusgemeinde gegenwärtig leider nicht in der Lage sei, eine so großzügige produktive Fürsorge zu entfalten, wie dies der Berliner Schwestergemeinde gelungen ist, gab aber seiner Ueberzeugung dahingehend Ausdruck, daß der soeben gehörte Vortrag dazu beitragen werde, die jüdische Wohltätigkeit auch hi Wien in Bahnen zu lenken, wie sie in Berlin in so erfolgreicher Weise beschritten worden sind. „Montefiore", Allgemeiner Kranken, und Unterstützungs-Verein (II. Ferdinandstraße 19). Dieser rührige, seit 45 Jahren bestehende Verein wird wie alljährlich auch heuer zu den hohen Feiertagen unter Leitung seines verdienstvollen Bethausvorstandes einen nach jeder Richtung hin würdigen Gottesdienst zugunsten der humanitären Institutionen des Vereines im Festsaale des „Cafe Astorla", II., Praterstrafie 60. veranstalten. Die kantorale Funkton versieht heuer der aus seiner Tätigkeit in der Rembrandtschul bestbekannte Oberkantor Elias Regner. Restliche Karten sind im Vereinslokale erhältlich. Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Lina Morgenstern. Nach einer Skizze von Ediih Cohn. Lina Morgenstern, am 20. November 1830 in Breslau als Tochter von Adolf Bauer, der mit der zweiten Tochter des Senators Adler verheiratet war, in efcem stattlichen Hause der Elisabethstraße geboren, erzählt selbst von ihrer Kindheit: „Mein Vater war Fabrikant und Kaufmann, sein Geschäftshaus lag auf der Kurfürstenseite am Ring. In meinem Geburtshause brachte ich. die ersten zwölf Jahre meines Lebens zu. Wir wuchsen in einem sehr behaglichen Leben auf. Gediegen war alles, was uns umgab, von den feingeschnitzten Möbeln in den Stuben bis in die mit Kupfergeschirr reichlich ausgestattete Küche. Wir selbst wurden an keinen Luxus gewöhnt, einfach gekleidet, aber zur größten Sauberkeit angehalten. Zu unseren Eltern blickten wir mit zärtlicher Liebe und Ehrerbietung auf. Es war ein schönes Menschenpaar, der Vater freundlich und heiter, die Mutter von mildernstem Wesen; lächelte sie, so verklärte dies auch uns alle mit Freudigkeit; hatten wir Ursache gegeben, sie traurig zu sehen, so ruhten wir nicht, bis wir ihre Verzeihung erlangten. Die geliebte Mutter strafte uns für Unarten nur durch Ausschließen aus ihrer Nähe, durch Versagen ihres Kusses, niemals erhielten wir eine körperliche Züchtigung. Die Eltern gaben uns ein herrliches Vorbild der Liebe und Eintracht, niemals hörten wir sie streiten. Ihre gegenseitige Aufmerksamkeit lehrte uns, wie wir selbst unter uns Geschwistern sein sollen." Mit echtem Gefühl erzählt Lina von ihrer Einsegnung: Da heißt es im März 1846: „Heute begann unser Konfirmandenunterricht bei Dr. Geiger. In zehn Wochen werde ich vor den Altar treten, um mein Glaubensbekenntnis abzulegen, um als Mitglied der jüdischen Gemeinde aufgenommen zu werden. Wir haben bis jetzt einen zweijährigen Religionsunterricht als Vorbereitung für die Einsegnung; er bestand in Bibelkunde, Geschichte und Literatur des Judentums und in der Lehre von den Pflichten gegen Gott, die Menschen und die Natur. Außerdem lernten wir hebräische Grammatik und Ueber» setzen dieser kräftigen, gedrungenen Sprache. Was mir diesen Unterricht so überaus teuer macht, ist Dr. Geigers von allem Fanatismus und von konfessionellem Vorurteil freie Auffassung. Er hat uns die Lehre von der Menschenliebe und dem Glauben an eine dereinstige Menschenverbrüderung eingeprägt." Auch der Einsegnungstag selbst wird von ihr in aller Ausführlichkeit mit vielen Betrachtungen, Wünschen und Gefühlen geschildert. Charakteristisch für das Judenrum ihres Milieus sind die Worte: „Meine Eltern und die Schwestern begleiteten mich nach der Wohnung unseres Dr. Geiger, wo schon alle Mitschüler versammelt waren. Unser ehrwürdiger Lehrer trat zu uns herein, erteilte uns den Segen und führte uns in den nahen Tempel. Ihm folgten zuerst die Jünglinge, dann die Mädchen in weißen Gewändern. Als wir die Tempelräume betraten, die unten dicht mit Männern, auf der Galerie mit Frauen besetzt waren, leitete uns Dr. Geiger zu dem mit Blumen geschmückten Altar, vor welchem auf der einen Seite Sitze für die Knaben, auf der anderen Seite für Mädchen angebracht waren, während unsere Eltern so saßen, daß sie uns ins Antlitz sehen konnten. Als Dr. Geiger auf der Empore am Altar stand, gab uns Chordirektor D, ein Zeichen und wir sangen: „Ewig wird Deine : ■ t : 3 Der Bund Jfldlsffler Eltern im ll. Wiener oeraeinacbezirk eröffnet am Montag, den 3. Oktober seine Bibelschule in der Tempelgasse 3. Den Tendenzen des Vereines gemäß ist der Elternbund bestrebt, die jüdische Jugend zu fördern, ihr Kenntnisse zu vermitteln und sie zu guten, aufrechten Juden und Menschen zu erziehen, sowie die Liebe und Achtung zum Judentume in der heranwachsenden Geheration wachzurufen, welche erforderlich ist, um auch für die Zukunft Festigkeit und Dauer zu verbürgen und zu bewahren. Einschreibungen: 29. und 30. September von 2 bis 4 Uhr und 2. Oktober von 10 bis 12 Uhr. Unterricht: 3. Oktober, 3 Uhr, Tempelgasse 3. ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ »■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■aBHMUMUBI SieziilvilMie mm JK" für Erziehung, Unterricht und Berufsausbildung taubstummer, schwerhöriger, schwer lernender und schwer erziehbarer Kinder und Jugendlicher beider Geschlechter Wien, III. Bezirk, Juchgasse Nr. 22 (Straßenbahnlinie F, O, 71) 8pr«chzaltt Taglich von 2 bis 4 Uhr (Telephonisch wird keine Auskunft erteilt) fteglerunjlsral Dir. Phil. Dr. s. Hrenbcrger ■■■■■■■■■■■■■■■■■■ml B i ■ ■ s