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Die Wahrheit · 1927-09-26 · Heft 39-40 (26.9.1927) · page 24

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 39-40 (26.9.1927)
Date
1927-09-26
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Seite 24 HM DIE WAHRHEIT Aus diesem Grunde mußte an die Stelle der bisherigen ehrenamtlichen FürsorgetätigkeJt die -von beamteten Personen ausgeübte Fürsorge treten, da eim im Berufe stehender Fürsorger nicht die Zeit aufzubringen vermag, weiche eine erfolgreiche und umfassende Befürsorgung erfordert. Hierzu kommt, daß das Schicksal vieler tausender verarmter oder erwerbsloser Glaubensgenossen eine derartige Viefältigkeit der Fürsorgemaßnahmen, einen derart komplizierten und umfangreichen Apparat notwendig macht, daß derselbe von Personen, welche die Fürsorge ehrenamtlich vollziehen, nicht mehr bedient werden kann. Außerdem ist heute für eine wirksame Fürsorge ein derartiges Maß juristischen und nationalökonomischen Wissens, eine solche Kenntnis der einschlägigen Gesetz«, Verordnungen und internationalen Vereinbarungen notwendig, daß nur sozialpolitisch vollkommen ausgebildete beamtete Fürsorger die schweren Aufgaben, welche heute der Ausübung der Fürsorge erwachsen, zu erfüllen vermögen. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß die freiwillige, also ehrenamtliche Fürsorge nicht mehr erwünscht wäre, sie äst vielmehr als Ergänzung und Unterstützung der beamteten von um so größerer Bedeutung, als sie oft eine Brücke zwischen Amt und Bevölkerung zu bilden in der Lage ist Was eine jüdische soziale Fürsorge besonders notwendig macht, ist der Umstand, daß zahlreiche Glaubensgenossen, da sie kein Heimatrecht besitzen, aber auch aus vielen anderen Gründen für eine staatliche oder städtische Fürsorge überhaupt nicht in Betracht kommen. Wo aber Staat und Stadt versagen, da muß jüdische Wohltätigkeit einsetzen. Hierbei darf sich diese jedoch nicht auf bloße Geidunterstützungen beschränken, da diese eher demoralisierend als aufrichtend wirken, und „Berufsschnorrer" heranzüchten, sondern sie1 muß wahrhaft produktive Fürsorge sein, d. h. eine Fürsorge, die bestrebt ist, den Fürsorgebedürftigen wieder auf die Beine zu helfen und ihnen womöglich einen Erwerb zu verschaffen. Wir lassen uns hierbei von dem Gedanken leiten, daß die Vorbeugung eines wirtschaftlichen Zusammenbruches in der Regel leichter ist, als die Wiederaufrichtung einer bereits vernichteten Existenz. Aus diesem Grunde steht die soziale Prophylaxe im Mittelpunkte unserer Tätigkeit, d. h. wir suchen jene Vorbeugungsmaßnahmen rechtzeitig zu treffen, welche verhindern, daß wir in einem späteren Zeitpunkte weit größere Opfer bringen müssen. Unsere Fürsorgetätägkeit muß daher bereits im jenem Momente einsetzen, in welchem die heranwachsende Jugend die Schule verläßt, um sich einem Berufe zuzuwenden. In der entscheidenden Stunde, in welcher .der jüdische Junge, das jüdische Mädchen vor der Berufswahl stehen, müssen wir ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen undi uns bestreben, sie einem solchen Berufe zuzuführen, der es ihnen später einmal ermöglicht, zu wirtschaftlich unabhängigen und geachteten Gliedern der Gesellschaft sich heranzubilden. Wir haben daher eine Ber uf sb er atungs steile eingerichtet, weiche unter fachmännischer Leitung stehend, bereits eine emsige Tätigkeit entfaltet Es werden zum Beispiel Fragebogen an die Schulleiter ausgesendet und um eine genaue Beschreibung der der Schule entwachsenen Knaben und Mädchen ersucht Diese Beschreibung, eine genaue Qualifikationsprüfung, sowie ein eingehendes Studium des Arbeitsmarktes, dier Wirtschaftslage und der Zukunftsaussichten der einzelnen Berufe dienen uns dann als Richtschnur bei unseren Berufsberatungen. Hand in Hand mit der Berufsberatungsstelle arbeitet unsere l^bjlingsvermittlumgssteälei, die ein Teil des jüdischen Arbeitsnachweises ist, welche Institution zu dem Zwecke geschaffen wurde, um den jüdischen Arbeitnehmer zum geeigneten Arbeitgeber zu bringen. Bei der gegenwärtig in Deutschland herrschenden Arbeitslosigkeit ist es nämlich unendlich schwer, eine Anstellung, einen Erwerb zu finden. Während früher für einen Arbeitsuchenden etwa drei bis vier Posten in Betracht kamen, unter weichen er den geeignetsten aussuchen konnte, liegen heute bei uns die Verhältnisse so, daß auf jeden freien Posten mindestens dreißig Bewerber entfallen. Hierzu kommt noch ein für den jüdischen Arbeitnehmer ganz besonders schwer ins Gewicht fallender Umstand, die Tatsache nämlich, daß eine starke Propaganda gegen den jüdischen Arbeiter und Angestellten eingesetzt hat, welche nicht mit Unrecht als „kalter Pogrom" bezeichnet wird. Ohne Blutvergießen, ohne Gewalttätigkeit, ohne besondere Erregung in der Oeffentlichkeit hervorzurufen, werden in aller Stille jüdische Existenzen vernichtet, zahlreiche Glaubensbrüder wirtschaftlich entwurzelt. Dieser kalte Pogrom ist nicht minder gefährlich, nicht weniger furchtbar, als die Zusammenrottung eines aufgehetzten Pöbels, mag er auch nicht in so krasser Form in Erscheinung treten, wie das, was man gewöhnlich als Pogrom bezeichnet. Es gilt daher, dieser furchtbaren Gefahr, die vor allem unsere heranwachsende Generation bedroht, wirksam und* energisch entgegenzutreten. Denn nicht nur viele arische Firmen verhalten sich den jüdischen Arbeitnehmern gegenüber vollständig ablehnend, sondern es kann und darf leider nicht mehr verschwiegen werden, daß selbst jüdische Firmen nicht gerne Juden anstellen (!), da sie befürchten, hierdurch ihre christliche Kundschaft zu verlieren. Hier hat nun eine energische und umfassende Propagandatätigkeit für den jüdischen Arbeiter und Angestellten einzusetzen, eine Propagandatätigkeit, welche nicht nur Berlin und die großen Städte des Reiches, sondern auch die ganze Provinz umfaßt. Diese Propagandatätigkeit darf sich aber nicht darauf beschränken, die Not und das Elend der jüdischen Arbeitslosen in grellen Farben zu schildern, um auf diese Weise die Herzen vor allem der jüdischen Arbeitgeber zu erweichen, sondern sie muß durch Aufweisung der besonderen Qualifikation und der oft über den Durchschnitt himausreichenden Fähigkeiten und Kenntnisse der jüdischen Arbeitnehmer ihnen verschlossene Türen zu öffnen bestrebt sein Ein Umstand erschwert jedoch diese Propagandatätigkeit außerordentlich, die Tatsache nämlich, daß gerade die größten Unternehmungen Aktiengesellschaften sind, die mit anonymem Kapital arbeiten, so daß selbst, wenn gewaltige jüdische Kapitalien in einer Unternehmung angelegt sind, von einer, „jüdischen Unternehmung" nicht gesprochen werden kaita Immerhin sind wir bestrebt, den jüdischen Kapitalien nachzuspüren, um uns so über den Charakter der großen in Betracht kommenden Unternehmungen ein Bild machen zu können. Aber nicht nur auf Seite der Arbeitgeber ist der Hebel anzusetzen, soll der großen jüdischen Arbeitslosigkeit, der steigenden Not und Verelendung unserer erwerbslosen Glaubensbrüder wirksam entgegengetreten werden, sondern auch auf Seite der Arbeitnehmer sind verschiedene Maßnahmen zu treffen und manches Versäumte gibts nachzuholen. In eigenen Werkheimen werden Arbeitslose durch Umschulung für passendere und aussichtsvollere Berufe ausgebildet als es die waren, welche sie bisher ausgeübt haben; in diesen Werkheimen wird die Grundlage gelejrt, auf welcher sich jüdische Arbeitslose eine Existenz aufbauen können. Es kommen hierbei alle gewerblichen und industriel- 1 en Erwerbszweige in Betracht, von den landwirtschaftlichen Berufen vor allem die Gärtnerei, die Obstkultur und der Weinbau, da eine Unterbringung jüdischer Landarbeiter im Ackerbau für Deutschland in nächster Zeit aus verschiedenen Gründen nicht in Betracht kommt. Als praktisches Beispiel einer gelungenen Berufsumschulung möchte ich die Tatsache hervorheben, daß es uns möglich war, abgebauten Bankbeamten gut bezahlte Stelllungen als Auslagenarrangeure zu verschaffen, nachdem wir sie vorher durch einen tüchtigen Fachmann in diesem Berufe haben ausbilden lassen. Ohne MÖBELFABRIK SIGM. WIEN, 2. BEZ., PRA TERSTRASSE NR. 30 Reiche Auswahl solid gearbeiteter FERNSPRECH-NUMMER 45-1-91 Möbel zu billigsten Preisen

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