Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1927)
- Date
- 1927-09-26
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 23 Jüdische Sozialpolitik in Deutschland. Die soziale Frage ist eine der wichtigsten, die unser Jahrhundert bewegt, ja sie kann geradezu als die Schicksalsfrage unserer Zeit bezeichnet werden. Sie ist heute nicht mehr die Frage einer Partei oder einer Klasse, sondern sie geht alle Parteien, alle; Schichten der Bevölkerung, die einzelnen sowohl wie auch die Gesamtheit an. „Sozialpolitik kann daher", wie Bundeskanzler Dr. Seipel es jüngst auf dem Kongresse für Sozialpolitik gesagt hat, „niemals Parteisache sein." Doch weder die alten Methoden der Wohltätigkeit, die sich in bloßem Almosengeben und in gelegentlicher Unterstützung der Armen und Bedrängten erschöpfen, so hoch sie auch vom menschlichen Standpunkt aus gewertet werden müssen, reichen aus, um die Lösung der sozialen Frage oder, besser gesagt, der sozialen Fragen näherzukommen, noch auch scheinen uns die Methoden des Klassenkampfes, die von großen Parteien betrieben werden, geeignet, eine solche wirtschaftliche Konsolidierung und Harmonisierung der Gesellschaft zu schaffen, daß in ihr Not und1 Elend, Arbeits- und Erwerbslosigkeit ein Ende finden. Es muß vielmehr ein dritter Weg eingeschlagen werden und dieser Weg heißt zielbewußte Sozialpolitik, welche die Allgemeinheit nicht belastet, sondern entlastet, indem sie den Opfern der Wirtschaftskrisis und der sozialen Disharmonien auf die Beine hilft und sie als werktätige Glieder der menschlichen Gesellschaft harmonisch in den wirtschaftlichen Organismus elinordntet Dies ist auch das Ziel, das die Berliner jüdische Gemeinde in ihrer sozialen Fürsorge verfolgt, das ist der Geldanke, von welchem sich die Führer dieser Gemeinde haben leiten lassen, als sie neben anderen sozialen Institutionen die Hauptstelle fÜT jüdische Wanderfürsorge und Arbeitsnachweise geschaffen haben. Gewiß steht das Judentum der sozialen Frage nicht fremd gegenüber, bildet doch der soziale Gedanke einen wesentlichen Bestandteil der jüdischen Religion, und weitgehend! und tiefgreifend sind die Satzungen unserer Bibel — es sei nur an das Jubeljahr erinnert —Pwelche der Lösung der sozialen Frage gewidmet sind. Wir Juden können und dürfen daher bei der Lösung dieser Fragei nicht abseits stehen, sondern wir besitzen die heilige Pflicht, jene ewigen Wahrheiten, zu deren Verkündung wir auserkoren und berufen wurden, einer Menschheit dienstbar zu machen, die sich, von Haß und Parteileidenschaft umstrickt und von utopischen Ideen umnebelt, vergeblich bemüht, dem Ansturm der sozialen Probleme gerecht zu werden. Vorerst aber müssen wir gewissermaßen im eigenen Haus uns Ordnung zu machen bemühen und mit Mitteln, welche dem Zeitgeist undl den Erfordernissen der Gegenwart entsprechen, aber in den alten, univergänglichen Grundwahrheiten des Judentums verankert sind, unsere, d. h. die jüdische soziale Frage zu lösen versuchen. Mag diese auch ein Teil der allgemeinen sozialen Frage sein und durch die jeweiligen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse bedingt sein, so besitzt sie doch einen spezifischen Charakter, da die Judenschaft in den meisten Ländern infolge ihrer besonderen sozialen und ökonomischen Struktur vielfach auch aus politischen und kulturellen Gründen von Wirtschaft»- und Gesöllschaftskrisen viel schwerer betroffen ist als andere Bevölkerungsteile. Die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge und Arbeitsnachweis in Berlin ist nun ein wirksames Bollwerk gegen jüdische Not und jüdisches Elend, eine soziale Institution im wahrsten und schönsten Sinne des Wortes, ein Institut, das ähnlichen jüdischen und nichtjüdischen Einrichtungen als Vorbild dienen kann, und man kann der jüdischen Gemeinde in Berlin die Anerkennung dafür nicht versagen, daß es ihr hier gelungen ist, den richtigen Mann auf den richtigen Platz zu stellen, als sie den jungen, tatkräftigen und zielbewußten Sozialpolitiker S. Adler-Rudel zum Geschäftsführer der genannten Institution berufen hat. Gewiß ist es zum großen Teil auch sein Verdienst, wenn die von unseren Berliner Glaubensbrüdern geschaffene Anstalt so hervorragendes geleiset hat. Von den Arbeiten und Leistungen dieser Institution konnte man sich bei einem Vortrag ein Bild machen, welchen Herr S. Adler-Rudel selbst vorige Woche in Wien gehalten hat Ueber Einladung des Präsidiums der Wiener israelitischen Kultusgemeinde sprach nämlich der Genannte im Anschluß an die am Sonntag, den 11. September stattgehabte Enquete über Schaffung einer Organisation für Wanderfürsorge in Oesterreich, über welche wir bereits berichtet haben, im Sitzungssaale der Kultus gemeinde, I., Seitenstettengasse 4, über die .formen produktiver Fürsorge in Deutschland: Arbeitsnachweis, Berufsberatung, Lehrstellenvermittlung, Brockensammlung, Arbeitsstätten, Notstandsarbeiten etc." Das Präsidium der Wiener Kultus gemeinde hat zu diesem Vortrag eine große Anzahl von Wiener jüdischen Fürsorgeivexeinen eingeladen. Es war daher der Besuch des Vortrages ein ausgezeichneter, trotzdem man sehr viele gesehen hat, die nicht erschienen waren. Wir hätten z. B. geglaubt, daß speziell jene, denen das Wohl und Wehe der Wiener Kultusgemeinde anvertraut ist, für diese sicherlich auch für uns brennende Fragen, welche zur Erörterung kamen, ohne Unterschied der Parteirichtung hätten Interesse zeigen sollen, zumal aus den vortrefflichen Ausführungen des Vortragenden viel zu lernen war. Unter den Anwesenden bemerkte man die Vizeüräsidenten der Kultusgemeinde Dr. J. Ornstein und Doktor J. Löwenherz, den Obmann der Fürsorgesektion der Kultusgemeinde, Vorsteher Emil Engel, die Amtsdirektoren Regierungsrat Dr. Emil Adler und Regierungsrat Guido Fuchsgelb, Sekretär Meissner, sowie die Kultusvorsteher Dr. Bader, Jakob März, Kommerzialrat Markus und M. Scharfstein. Vizepräsident Dr. J. O r n s t e i n begrüßte die Anwesenden, denen er im Namen der Kultusgemeirrde für ihr Erscheinen dankte, und hob hervor, daß er selbst bei seiner letzten Anwesenheit in Berlin Gelegenheit gehabt habe, die musterhaften sozialen und humanitären Einrichtungen der Berliner Schwestergememde kennen und schätzen zu lernen. Als er sodann nach seiner Rückkehr dem Präsidium der Wiener Kultusgemeinde von dem Gesehenen Mitteilung machte, hat dieses den Beschluß gefaßt, den Leiter dieser Institution, Herrn S. Adler-Rudel, zu einem Vortrag in Wien einzuladen. Herr Adler-Rudel habe der an ihn ergangenen Einladung bereitwilligst Folge geleistet und er habe nun das Vergnügen, ihn der Versarrimlung vorzustellen Von den Anwesenden herzlichst begrüßt, begann sodann Herr Adler-Rudel seine Ausführungen damit, daß er die Verhältnisse in der Berliner Judenschaft, wie sie sich nach dem Krieg entwickelt haben, auseinanderlegte. Die wirtschaftliche und soziale Lage der deutschen und besonders der Berliner Judenschaft hat, wie der Vortragende ausführte, seit dem Krieg eine grundlegende Aenderung erfahren und mit ihr mußten auch die Methoden der jüdischen sozialen Fürsorge von Grund aus geändert werden. Während vor dem Kriege die zahlreichen Stiftungen nicht einmal voll m Anspruch genommen wurden, bzw. viele jüdische Alters- und Veirsorgungshäuser leer standen, könnte man heute fast in jeder größeren deutschen Stadt derartige Heime einrichten und diese würden kaum in der Lage sein, auch nur einen Teil der Versorgungsbedürftigen aufzunehmen. Denn der jüdische Mittelstand, gerade jene Schichten der jüdischen Bevölkerung, die vor dem Krieg eher Subjekte als Objekte der Fürsorge waren, sind durch den Krieg und die Umwälzungen der Nachkriegszeit derart verelendet, daß man mit den bisherigen Methoden all die Not, die nach Abhilfe schreit, nicht lindern kann. Gewiß gibt es auch in Berlin wie überall arme und reiche Juden, das Wesentliche jedoch ist, daß die breite Mittelschichte, neben wenigen, welchen der Aufstieg in dSe Klasse der Reichen geglückt ist, im überwiegenden Maße der Verarmung und Erwerbslosigkeit zum Opfer gefallen ist. Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II., GlOCkeiigaSSe 24 Tel. 48-4-79 Für Kultusbeamte und Verein sfunktionSre gegen Leiltlmetion WU Necfcla» B