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Die Wahrheit · 1927-09-26 · Heft 39-40 (26.9.1927) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 39-40 (26.9.1927)
Date
1927-09-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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ganz, zutreffend den Dichter verbessern, des morschen, sondern des vielmehr unauflöslichen Bundes, der uns zusammenhält, und uns die Kraft verleiht, dieser verpestenden Seuche der sogenannten „Neuen Zeit", dem Antisemitismus die Stirne zu bieten. Ich selbst, wenn auch nach unseren heiligen Dogmen nicht religiös, doch bis in die innersten Fasern meines Herzens Jude, ich begrüße solche erhebende neubelebende Stimmen wie die Ihrige jederzeit mit dankbarem Enthusiasmus, wo ich selbst im stillen oder auch ganz laut mein Schärflein beitragen kann, tue ich es immer. Als ich vor-einigen Jahren zum ersten Male Lessings „Nathan" spielte; wurde mir von verschiedenen Seiten große Anerkennung zuteil, und auch eine fürstliche Gönnerin von mir ließ mich zu sich rufen und überschüttete mich mit lobenden Erhebungen; „Durchlaucht", erwiderte ich, „diesmal hat der Künstler weniger Anteil an dem Erfolg gehabt, als vielmehr der Jude in mir, der mich für meine Aufgabe begeisterte, es war mir geradezu eine Wollust, einmal von meiner Kanzel herab mein schmerzerfülltes Herz auszuschütten". Die Fürstin sah mich eine Weile überrascht an, dann drückte sie mir stumm die Hand — es war die Fürstin Pauline Metternich. Noch ganz besonderen Dank muß ich Hochwürden aber auch sagen, daß Sie in so warmen, schwungvollen Worten unserer unglücklichen Kaiserin gedachten, deren Schicksal wohl zu den entsetzlichsten und zugleich erschütterndsten unseres Jahrhunderts gehört. Nochmals Dank vom ganzen Herzen und empfangen Sie zugleich den Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung, mit welcher ich verbleibe Euer Hochwürden ganz ergebener A. Sonnenthal. Wien, 8. November 1898. Auch dieser Brief beweist uns also, mit welcher Inbrunst Adolf von Sonnenthal am Judentume hing, wie sehr er den Glauben seiner Väter über alles stellte und wie er bemüht war, durch seine Kunst, durch sein unerreichbares und unvergleichliches Können den erhabenen Idealen zu dienen, die in seiner edlen Seele schlummerten. Nein, sie schlummerten nicht, diese Ideale, sondern sie setzten sich um in die Tat, in höchstes Kunstschaffen; denn das muß wohl ein „Nathan der Weise" gewesen sein, der von einem wahrhaft Weisen gespielt wurde, einem Manne, dessen Kunst selbst „n a t h a n", das heißt von Gott gegeben war. Palästinas wirtschaftliche Entwicklung seit dem Kriege. Die Zeitschrift des Institutes für WeltwirtschaftundSeeverkehranderUniv e r s i t ä t K i e 1, die der bekannte und hervorragende Nationalökonom Prof. Dr. B. Harms herausgibt, bringt im Juiiheft dieses Jahres eine ausführliche Arbeit unter obigem Titel, die jedem, der für den Stand der Dinge in Palästina Interesse hat, gewünschte und erschöpfende Auskunft gibt. Ist schon die Tatsache, daß gerade das „Weltwirtschaftliche Archiv" eine solche Arbeit veröffentlicht, eine Art Verwendbarkeitszeugnis, so wird die Vorzüglichkeit und Objektivität der Darstellung von Anfang bis Ende jeden Leser für sich gewinnen. Dr. Kurt Grunwald, der der Autor des Aufsatzes ist, hat eine verdienstvolle und anerkennenswerte Leistung gebracht. Die Krise im Jahre 1923 und die in ihrem Gefolge seit Oktober 1925 herrschende wirtschaftliche Stagnation sind der Ausgangspunkt, von dem aus Grunwald alle Wege des Wirtschaftslebens abgeht. Er stellt fest, daß die Ursachen der Krise größtenteils im Ausland liegen. Die Krisen in Mittel- und Osteuropa, daß die Regierung durch das veraltete Zollsystem die Fortschritte der Industrie gehemmt, keine Aufwendungen, sondern Ersparungen gemacht hat. Bevölkerungsbewegung und Entwicklung der einzelnen Wirtschaftszweige gehen parallel. So brachten 1924 und 1925 die Hauptmassen der jüdischen Einwanderung, während 1926 bereits gegenüber 13.000 Einwanderern 7000 auswanderten, 1927 die Auswanderung die Einwanderung übersteigt. Bei alledem hat der Staatshaushalt Palästinas noch immer aktiv abgeschlossen. Sehr interessante Daten bringt die Handelsbilanz, deren Tabellen eine beredte Sprache sprechen, und für welche die sachliche Beleuchtung des Transithandels Palästinas mit Syrien, welches die Zölle zwischen beiden Ländern 1921 abgeschafft hatte, besonders instruktiv wirkt. Eisenbahn-, Schiffs- und Automobilverkehr widmet Grunwald objektive Behandlung, ohne die Schwierigkeiten zu verschweigen, die sich teils aus geographischen, teils klimatischen Umständen ergeben. Die Industrie zeigt eine erfreuliche Steigerung auf ihren verschiedenen Gebieten. Die den Aufschwung hemmenden Faktoren hat der Autor mit Kennerblick erkannt und in ruhiger Objektivität aufgezeigt. In offensichtlichen Aufschwünge befinden sich Seifen-, Mühlen-, Textilindustrie, die Spiritus- und Streichholz- sowie Lebensmittelfabriken. Was die Landwirtschaft betrifft, so ist der Getreide- und Gemüsebau in den Händen der Fellachen und versorgt den Eigenbedarf. Die Örangenpflanzer arbeiten hochrentabel und setzen ihre Ernte fast zur Gänze auf dem englischen Markte ab. Im Aufstiege befindet sich die Viehzucht. Den zionistischen Siedlungen und dem jüdischen Nationalfonds wird Grunwald verständnisvoll gerecht. Noch ein Ueberblick über das Bankwesen und die Arbeiterwirtschaft, der die Arbeit beschließt, und eine wohltuende Klarheit der Dinge breitet sich vor dem geistigen Auge desLesers aus. Man hat endlich einmal klar gesprochen und kann klar sehen. Dafür muß Grunwald besonderer Dank gesagt werden. Es ist kein Zweifel, daß diese Arbeit eine Grundlage für jedes Urteil — günstiges oder ungünstiges — sein darf. Der Wissenschaftler Grunwald geht der Lage der Dinge auf den Grund, ist gewohnt, wirtschaftliche Angelegenheiten wirtschaftlich zu behandeln. Dazu kommt eine hervorragende Gründlichkeit, Sachkenntnis und Unparteilichkeit. Der Aufsatz Grunwalds ist Aufklärungsarbeit bester Art. Dr. V. K u r r e i n. Glossen. Wer erinnert sich nicht an die „Deutsche Arbeiter-Presse", die anläßlich der Ermordung: Bettauers so oft genannt wurde? Herr Rothstock war ja vielleicht weniger durch die Lektüre der Bettauerschen Bücher, die er gar nicht näher kannte, als durch die „Deutsche Arbeiter-Presse", die er mit leidenschaftlichem Interesse las, auf die Idee gekommen, die in diesem Blatt in der aufreizendsten Weise mitgeteilte Adresse Bettauers als Einladung zu einem Besuche bei demselben zu betrachten, bei welcher Gelegenheit er statt einer Visitkarte fünf tödliche Schüsse auf den überraschten Schriftsteller abgab. Wer kennt nicht auch den an den frequen-

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