Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1927)
- Date
- 1927-09-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 MlllIHtlHIM tiertesten Plätzen unter markerschütterndem Geschrei dem Publikum angebotenen „Volkskampf", der das Andenken an die „Deutsche Arbeiter-Presse" dadurch in den Schatten stellen wollte, daß er seine Leser gleich mit einer längeren, sorgfältig zusammengesetzten Mordliste erfreute. Unerschütterliche Antisemiten durften wohl annehmen, daß diese beiden Blätter sich brüderlich in den Armen liegen, aber sie müssen nun aus der am 17. September 1. J. erschienenen „D. A. P." mit Entsetzen erfahren, daß sie sich nur in den Haaren liegen und den flüssigen Unrat, der ihre Tintenfässer füllt, gegen einander verspritzen. Heute mag eine kleine Blütenlese aus der „D. A. P." auch nichtantisemitischen Lesern zeigen, was alles dem „Volkskampf" ins Antlitz gespien wird. * * * " * Zunächst erfolgt die Vorstellung der zwei Macher der sogenannten „Volkskampfbewegung". Der eine war ein gewisser Willy S c h a y, was die „D. A. P." sicherlich genau weiß, seinerzeit ihr Angestellter, soll aber dann — wie sie behauptet — „in dieser Eigenschaft Vergehungen krimineller Natur sich haben zuschulden kommen lassen". Dem zweiten Macher, einem Herrn Josef Müller, wird nachgesagt, daß er von Dr. Walter Riehl als Sekretär aufgenommen und später zum Schriftleiter der „D. A. P." bestellt wurde und bis auf den heutigen Tag „in unbedingter Hörigkeit S c h a y" geblieben sei. Diese beiden waren es, ruft die „D. A. P." schmerzbewegt aus, die eines schönen Tages von allen Plakatwänden Wiens herunter „in den wüstesten, jeder Sachlichkeit entbehrenden radauantisemitischen Tönen zum Bezüge der neuen Zeitung ,Der Volkskampf aufforderten". Man traut seinen eigenen Augen und Ohren nicht: die „D. A. P." entrüstet sich über wüste radeuantisemitische Töne! Aber noch mehr. Sie wehklagt über den „gemeinen Sauherdenton" des „Volkskampfes"! Kein Zweifel, was die „D. A. P." in so zarter Weise von dem Ton des „Volkskampfes" sagt, ist nur die pure Wahrheit, der jeder ehrliche Mensch rückhaltslos beistimmen wird, aber man fragt sich doch verwundert, wie die „D. A. P." dazu kommt, die Nase über Töne zu rümpfen, in denen gerade sie als meisterhaftes Vorbild gelten dürfte. Man wird auch nicht unbedingt die Befürchtung der „D. A. P." teilen, daß dieser „Sauherdenton", wie sie meint, zur Diskreditierung des Antisemitismus führen könnte. Keine Sorge! Wäre dies denkbar, so wäre der Antisemitismus in Oesterreich längst mit Stumpf und Stiel ausgerottet. * * * Es ist im Grunde genommen auch unverständlich, weshalb es die „D. A. P." für bedauerlich hält, daß Leute, wie der Studentenführer Dr. Körber, Nationalrat Jerzabek und Dr. Walter Riehl sich zum Besuche der „Volkskampf"-Versammlungen hergegeben hatten. Ja, sollen diese Herren z. B. etwa die von der Ethischen Gesellschaft veranstalteten Vorlesungen besuchen und dort Ansichten hören, von denen sie wie von Keulenhieben getroffen würden? In den vom „Volkskampf" arrangierten Versammlungen durften die Herren Körber, Jerzabek und Riehl auf einen enthusiastischen Empfang rechnen, ihre Reden wurden mit einem „nicht endenwollenden Beifall" aufgenommen und wenn sie von den Hörern auf die Schultern gehoben wurden, mußten sie nicht IMW^^ DIE WAHRHEIT befürchten, bei dieser günstigen Gelegenheit auf die Straße gesetzt zu werden. Die Körber, Jerzabek und Riehl brauchen wirklich nicht bei der „D. A. P." Belehrung darüber zu suchen, welche Versammlungen sie meiden sollen. Und Herr Dr. Riehl am allerwenigsten. Er hat sich auch seinerzeit mit richtigem Takt, als er mit den Stimmen der Juden in die Nationalversammlung gewählt werden wollte, von allen jüdischen Versammlungen ferne gehalten. * * •fc Wenn die zwei erwähnten „Volkskampf'-Führer gutmütig genug wären, sich die Zurechtweisung über ihren „Sauherdenton" selbst von der „D. A. P." ohne weiteres gefallen zu lassen, so werden sie es doch schwerlich ruhig hinnehmen können, wenn ihnen das Blatt klipp und klar die Beschuldigung ins Antlitz schleudert, „sie hätten sich verpflichtet, für 8000 Schilling den Anschlußgedanken und den antisemitischen Gedanken schändlich zu verraten und zu verkaufen". Und zwar an einen Juden, dessen Namen die „D. A. P." nennt. Die „D. A. P." meint mit kaum verhülltem Bedauern, die Herausgeber des „Volkskampf" werden aus Schmerz über das Mißlingen ihres nur einem verkommenen Gehirn entsprungenen schändlichen Planes nicht zu dem gleichen Mittel wie Judas Ischariot greifen, der sich erhängte. Aber es ist anzunehmen, daß die Herausgeber des „Volkskampf" den Herausgebern der „D. A. P." einen Prozeß anhängen werden oder wenigstens eine solche Absicht ankündigen werden, was bekanntlich nicht immer dasselbe ist. * * * Ob sich wirklich so leicht ein Jude findet, der sich ohne Angst, sich die Finger zu beschmutzen, auch nur zum Ankauf einer einzelnen Nummer des „Volkskampf" entschließen kann? Und da soll einer gleich von dem Wunsche beseelt gewesen sein, der Eigentümer des ganzen Blattes zu werden? Die Zumutung ist keine allzu schmeichelhafte und man wird abwarten müssen, ob der Betroffene sie auf sich sitzen lassen wird. Der Käufer kann allerdings, wofür in der Zeitungswelt genug Beispiele zu finden wären, immer behaupten, daß er mit dem Blatte nicht auch dessen Gesinnung sich aneignen will, ganz im Geegnteil. Was kann aber der Verkäufer sagen? - * * * Ob die Herausgeber des „Volkskampf" Gelegenheit haben werden, auch in dem Blatte selbst der „D. A. P." zu antworten, scheint allerdings fraglich. Die in der „Dötz" für den 17. d. M. angekündigte „Volkskampf'-Nummer mit einem flammenden Aufruf an die „Völkischen Wiens" ist nicht erschienen. Die „D. A. P." bemerkt hierzu mit bitterem Groll, es scheine, „daß das Geld für diese Nummer noch nicht dagewesen", aber doch sei die Niedertracht enthüllt: „Mit der linken Hand will man 8000 Schilling aus jüdisch-faschistischen Händen nehmen und alles verraten, was man bisher scheinbar vertreten hat und mit der rechten Hand will man noch einmal an jene Kreise, die zu verraten man bereit ist, einen flammenden Aufruf richten". Die „Dötz" vermeidet bekanntlich immer peinlichst jede Erinnerung an das Evangelium, sonst hätte sie sich wirklich die Anspielung auf den Satz: Die Rechte soll nicht wissen was die Linke tut" gönnen dürfen. Ego.