Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1927)
- Date
- 1927-09-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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öfE WAEffineti m Süffl Seite 7 haben, wenn wir das Recht gewinnen sollen, mit unseren menschlichen Anliegen vor Gott hinzutreten. Erst wenn wir göttliche Lebensziele erkannt, unser Lebensweg göttlichem Willen entspricht, wir auch im Leben Gott uns weihen, ist Gott auch im Gebet uns nah und neigt unserem Flehen sein Ohr. Unsere Väter haben gelebt, denn sie haben zu beten verstanden, sie verstanden zu beten, denn sie wußten zu leben. Deshalb gewährte ihnen auch das tägliche Gebet den geheimnisvollen Schlüssel, zum Leben, trocknete das Sabbatgebet die Träne des Schmerzes, löste die Fesseln der Knechtschaft und verscheuchte die finsteren Schatten eines historischen Jammers. Und wie ihr Gebet die Tischobeawträne ihnen entlockte, und selbstverschuldetes Unglück doppelt sie fühlen ließ, so wurde es ihnen auch zum beglückenden Boten der Gewißheit göttlicher Lenkung und Fürsorge, wenn es an den Wendepunkten des Jüdischen Jahres zur Besinnung und Prüfung, zur Weihe und Heiligung, zum Vertrauen und zur Freude, zum Leben und zum Frieden sie lud. Im Gebet wurden die Väter zu Dichtern, deshalb wurde ihnen auch das Leben zum Gedicht. Wenn wir die Piutim unserer Väter lesen, folgen wir den Spuren, auf denen das Gebet ihnen zum Leben wurde. Denn aus ihnen pulst die Kraft, die das Leben gebar. Wer noch für dies Leben erglüht, für das kein Opfer zu groß ihnen schien, wird andächtig den Zeugen lauschen, die ihnen erzählen, wie die Väter zu beten verstanden. Wer noch Herz hat für seine jüdische Vergangenheit, wem die Großen seines Volkes nicht umsonst gelebt, wird nicht achtlos an ihren Piutim vorübergehen. Sie sind uns zum Teil fremd geworden. Sind uns vielleicht gar die Gefühle fremd, die aus ihren Dichtungen zu uns sprechen? Dann bedürfen wir ihrer dringender denn je. Der Mund der ältesten Piutdichter spricht zu uns. Ueber ein Jahrtausend ist verflossen, seitdem sie ihre lebenweckenden, von glühender Begeisterung getragenen Worte an ihr Volk gerichtet haben. Dichterfürsten sind's, Große ihrer Natiön, die mit ihrem Volke gelebt und gelitten, tief in seine Seele hineingeschaut und begriffen hatten sein Weh und seine Sehnsucht und erfüllt waren von der hohen Aufgabe, vor deren Lösung sie sich sahen: die Tage heiliger Sammlung und Erhebung den zu Gott Geladenen zur Quelle der -Lebensheiligung und Lebensfreude werden zu lassen. Kadisch vor Kol-Nidre in der Prager Altneuschul. Erzählt von S. K o h n. Es war ein stürmischer Freitagabend im Monat September des Jahres 1577. Es war schon spät, die freundlichen Schabbeslampen waren verglommen, und tiefe Stille herrschte in der Prager Judenstadt. Bloß in einem Hause brannte noch düster ein Tiegel, es war dies im dritten Stockwerke eines Hauses in der Schammesgasse, welches jetzt mit Nr. 115 bezeichnet ist, bei Rabbi Mordechai, dessen Weib in bangem Zagen der Entbindung entgegensah. Die achtzackige Lampe war schon verloschen. Rabbi Mordechai selbst saß daher an dem Tische, wo der Tiegel brannte, und las ,in einem großen Folianten. Die Hebapime und die alte Magd hatten sich auf eine Bank gekauert und plapperten ieise Gebete für die glückliche Entbindung. Das rötliche Licht warf riesige Schatten auf die Wand des ärmlichen Zimmers,. Der Wind und der Regen schlugen mit Macht am das kleine Fenster; im Zimmer selbst aber wurde die unheimliche Stille bloß von Zeit zu Zeit durch das Stöhnen der Köidbetterin unterbrochen. Rabbi Mordechai war ermüdet über seinem Folianten, dem er heute nicht die gebührende Aufmerksamkeit zuwenden mochte, eingeschlafen. Plötzlich entfuhr der schwergequälten Brust der Kreißerin ein lauter Schrei. Erschrocken fuhr Rabbi Mordechai aus seinem Schlummer auf und stieß bei dieser heftigen Bewegung den Tiegel, das einzige Licht im Zimmer, um. „Um Gott, was habt Ihr da getan!" schrie die Hebamme; „Ihr müßt Licht machen, Rabbi Mordechai, ich sag" es Euch, gleich müßt Ihr Licht machen; ich hab' es selbst gesehen, daß der Chosid, der fromme Rabbi Leb, am heiligen Schabbes Licht und Feuer gemacht hat, als sein Weib . . „Beruhigt Euch, Mirjam!" sprach Rabbi Mordechai, „ich weiß es auch, wenn Lebensgefahr droht, ist es erlaubt, ja sogar geboten, die nötigen Arbeiten zu verrichten; aber zuerst will ich es doch versuchen, auf der Straße einen Nichtjuden anzusprechen; vielleicht tut er mir's zu Gefallen; gebe es Gott! — komme ich aber allein zurück, so mache ich selbst Licht, so schreibt es das Gesetz vor. Jetzt gedulde dich einen Augenblick, liebes Weib! Ich komme so bald als möglich zurück; gehabt euch indes wohl." Dies sprechend, warf er seinen Mantel um und eilte die enge, finstere Stiege hinunter. Es war ein furchtbares Unwetter, der Regen goß in Strömen herab, ein ungewöhnlich stürmischer Wind durchfuhr heulend und pfeifend die menschenleeren Gassen, die er planlos durchirrte. Was Wunder, wenn er keinem Menschen begegnete. Schon wollte er verzweifelt heimkehren, als er bemerkte, daß er sich in der Nähe der kaiserlichen Wachstube befinde. Er eilte hinein und fand den Anführer der kleinen Rotte mitten in der Straße, unbekümmert um Sturm und Regen, dem Anscheine nach in tiefen Gedanken versunken, stehen. „Herr!" flehte Rabbi Mordechai, „schickt einen Mann mit mir, daß er mir Licht mache in meiner Stube, denn mein Weib liegt in Kindesnöten, und wir haben kein Licht und es ist Schabbes/* „Das kannten tun," sprach der Korporal; „Wenzel, geh mit dem Manne, mach' ihm Licht und Feuer und alles, was er will; Sonntag wird er dir deine Mühe bezahlen." „Dank, tausendfachen Dank, Herr! sprach Rabbi Mordechai; „Gott soll es Euch lohnen, Ihr tut ein gutes Werk." Kaum war Rabbi Mordechai mit dem Soldaten zu Hause angelangt, kaum hatte dieser Licht gemacht, so wurde die Frau von einem starken, gesunden Kinde entbunden. Rabbi Mordechai warf sich gerührt aufs Knie und dankte Gott aus der Tiefe seiner Seele. „Jetzt," sagte er zu dem Soldaten, „gehe, zünde dir ein Licht an, denn die Stiege ist finster und ich mag nicht von meinem Weibe gehen. Sonntag will ich dir zahlen." Der Soldat tat, wie ihm geheißen wurde und ging. Eine Viertelstunde später wollte die Hebamme eine Arznei aus der Apotheke holen, kaum hatte sie das Zimmer verlassen, kehrte sie totenbleich und zitternd gleich zurück. „Gott soll sich's erbarmen! Ein großes, schweres Unglück ist geschehen!" rief sie händeringend, „und Ihr, Rabbi Mordechai, seid schuld daran; warum habt Ihr nicht selbst Licht gemacht! Zu was mußtet Ihr den Bal-milchome heraufnehmen, der jetzt tot auf der Stiege liegt?" „Was?" rief Rabbi Mordechai erbleichend. „Was?" trug mit bebender Stimme die Wöchnerin. „Nichts, mein Kind, nichts, Chaüe!" sprach Rabbi Mordechai, die furchtbare Angst, die ihn erfaßt hatte, gewaltsam niederringend. „Der Soldat ist auf unserer Stiege gefallen. Vielleicht hat er des Abends zu viel getrunken. Ich muß nur hinuntersehen, ob er sich beschädigt hat." „Nein," jammerte die Hebamme, „nein, Rabbi Mordechai, er ist tot" „Schweigt, Törin!" rief dieser zitternd und eilte die Stiege hinunter. Der Soldat lag leblos da. Alle Versuche, ihn zu Bewußtsein zu bringen, waren fruchtlos. Der herbeigerufene Arzt erklärte alle Mühe für vergeblich, da der Soldat van einem Nervenschlag getroffen sei Wh* versuchen es nicht, dfie furchtbare Lage Rabbi Mordechais zu schildern. Ein solcher Vorfall war in jenen finsteren Zeiten das schwerste Unglück. Der Arzt eilte sofort zum Parneß, um ihn zu wecken und ihm den Vorfall zu melden; denn ein solches Unglück wurde bald das Gemeingut aller. Der Parneß erschien sogleich, und die drei Männer berieten nun, was zu tun sei. „Meine Meinung ist," sprach der Parneß, „Ihr Rabbi Mordechai, geht zu dem Korporal und erzählt ihm den Vorfall; er soll helfen, wie er kann, und er soll reich belohnt werden. Ihr müßt Euch aber sputen, damit wir die günstige Zeit nicht versäumen und Hilfe unmöglich werde." Rabbi Mordechai eilte zur Wache. Starr wie eme Bildsäule stand der Korporal noch an derselben Steile, wo er ihn verlassen hatte^. Rabbi Mordechai erzählte ihm den Vorfall. „Helft," rief er, als er geendet hatte, „um Gottes Willen — Ihr müßt uns helfen!" rief er in steigender Angst, in einer fast wahnsinnigen Aufregung, als er sah, daß ihm der Mann starr ins Auge blickte, als verstünde er ihn nicht. „Ihr seid gut und rnfld, Ihr habt Euch des armen Juden erbarmt, dessen Weib in Kindesnöten lag — Ihr könnt es nicht wollen, daß Menschenblut um nichts vergossen werde — und säumet Ihr mit Eurem