Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1927)
- Date
- 1927-09-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 ffllffi iura DIE WAHRHEIT verzeihe, so gib du allen Menschen ein, mir zu verzeihen . . Das raunt, wie das Raunen eines Baches in einer fernen, tiefen Schlucht, gedämpft und verhalten und leidenschaftlich, von Schluchzen und Seufzen Unterbochen; aus der Frauensynagoge droben kommt herzzerreißendes, rhythmisches Klagen. Die große und unvergleichliche Stimmung des Versöhnungstages beschleicht langsam die Versammelten und nimmt Besitz von ihnen. Jetzj: tritt auf einmal tiefe Stille ein, zwei der Aeltesten steigen auf die Stufen zur Heiligen Lade hinan, schieben den weißen, silbergestickten Vorhang beiseite und öffnen die Pforte. Darinnen stehen die Thorarollen in ihren Mäntelchen mit den Kronen auf den Häuptern und senden ein sanftes Leuchten heraus über die Menge. Und mitten im tiefen Schweigen erwacht es und steigt herauf, ganz leise und schüchtern: „Kol Nidre". Halb ist es Gesang und halb Rezitativ, ein Flehen und Bitten, wie von einer Schar schuldbewußter Kinder, die bangend den beleidigten Eltern nahen; bald, wie frohlockend jauchzt es auf in einer Aufwallung tröstlicher Zuversicht, um dann wieder demütig und zerknirscht sich zu ergießen und dazuströmen und leise zu verklingen, wie in eine Unendlichkeit. Jetzt tritt eine kurze Pause ein, nur einen Augenblick lang, dann steigt der Sänger in die Tiefen des eigenen Gewichtes hinab, und wie von einem leisen Schauer erfaßt, schreit er laut auf und ruft den Unsichtbaren dort hoch oben an. Und darauf antwortet es, wie eine Stimme aus fernen Welten, tröstend und liebreich, feierlich und kraftvoll, mächtig zu tragen und zu verzeihen. Hoffnungsvolle Töne erklingen jetzt, wie Seufzer der Erlösung und Befreiung schwellen immer kräftiger an, kosen, hüpfen, weinen und girren, um mit einem starken Hall, der wie ein Schwur oder eine Verheißung klingt, abzuschließen. Dreimal wiederholt sich der Gesang, immer lauter und fester und schließt mit einem dreifachen, großen, in die Höhe empordringenden Ruf: „Es möge vergeben werden der ganzen Gemeinde Israel und dem Fremdling, der unter ihnen wohnt, denn das ganze Volk hat aus Irrtum gesündigt!" Die Melodie des Kol Nidre sowie der ganze danach benannte abendliche Gottesdienst übt einen ganz unbeschreiblichen Zauber auf jedes jüdische Gemüt aus. Die ausgedörrtesten Seelen und verhärtetsten Sünderherzen schmelzen dahin und werden wenigstens für zwei, drei Stunden aus dem Pfuhl der Gemeinheit und der Laster herausgehoben. Für so manche ist der Abend vielleicht der einzige, an dem sie mit der Welt des Reinen in Berührung kommen und einen fernen leisen Hauch des Göttlichen verspüren, und ihm verdankt es vielleicht mehr als einer, daß er im Drange der Begierden, von der eigenen Schwäche hinabgezogen, doch nicht ganz zum Tiere geworden ist . . . An diesem Abend kann man längst getaufte Juden und Jüdinnen heimlich die Synagoge umschleichen und sich behutsam ins Innere stehlen sehen, um einen der alten und lieben ergreifenden Töne zu erhaschen. In Osteuropa besuchen gebildete Christen und Christinnen die Synagogen am Kol Nidre-Abend in Scharen, überlassen sich häufig den starken religiösen Emotionen, die ihn durchschauern. In Lemberg habe ich einmal den Oberstkommandierenden Herzog von Württemberg, einen greisen Soldaten, beim KoL- Nidre in der großen Synagoge vor Ergriffenheit weinen sehen wie ein Kind. Keiner beachtet den Text, alle sind von der Melodie verzaubert. Aber der fremdartige und feierliche Klang des aramäischen Idioms trägt noch zur Erhöhung der Wirkung bei, etwa wie die lateinischen Sätze in den katholischen Gebeten. In Wirklichkeit ist der Text nüchtern und trocken, eine einfache juristische Formel nach Art des „Kol chamira wachamia", bei welchem das Gesäuerte am Rüsttag des Pesach verbrannt wird: Alle Gelübde, Verbote, Verschwörungen (Gelöbnisschwüre), Bannungen, Verzichtungen, Versagungen und deren Kinnujim, die wir geloben oder verschwören oder bannen oder verbieten werden auf unsere eigene Person von diesem bis zum nächsten Versöhnungstag, der über uns komme zum Guten — sie alle bereuen wir, alle mögen aufgelöst sein, erlassen und erlaubt, annulliert und aufgehoben, nicht bindend, nicht bestehend, unsere Gelübde seien keine Gelübde, unsere Verbote keine Verbote und unsere Gelöbnisschwüre keine Gelöbnisschwüre. Wie ist es gekommen, daß die wundervolle ergreifende Melodie, welche die tiefsten und sehnsüchtigsten religiösen Gefühle ausdrückt, einer so farblosen, alles Intim-Religiösen entbehrenden Formel unterlegt wurde? Wann ist diese Formel entstanden? Darauf hat die wissenschaftliche Forschung noch keine Antwort gefunden. Ueber den Ursprung der Melodie wissen wir nichts. Um so besser sind wir über die Wandlungen, wenn auch nicht über die Entstehungszeit des Kol Nidre unterrichtet. (Fortsetzung folgt) Über die Festtagsgebete. Nachstehende geistvolle Ausführungen sind dem Vorwort zu dem äußerst empfehlenswerten Werk: Die Piutim für Rosch-Haschonoh, übersetzt und erklärt von Dr. Joseph Breuer, Frankfurt a. M., 1919, entnommen. Als stolze, beredte Zeugen einer großen Zeit grüßen uns die Piutim. Danken wir der Halacha, die sie trotz manchei Bedenken zu einem festen Bestandteil unseres Gottesdienstes hat werden lassen. Wir möchten sie nicht missen. Sie singen von der unvergleichlichen Kraft und Ausdauer unseres Volkes, dem Stolz seiner in sich gefestigten Lebensanschauung, seinem von unverwüstlicher Hoffnung getragenen Idealismus, von Gott erfülltem Lebensmut und seiner Gott geweihten Lebensführung. Solche Dokumente einer zurückliegenden Zeit tragen die ewige Mahnung für jede Gegenwart in sich, nicht zurückzustehen hinter Errungenschaften, die unsere Väter mit ihrem Lebensblut einst sich erkämpft. Es gilt das Erbe anzugreifen, das sie uns vermacht, das Vermächtnis zu erfüllen, für dessen Verwirklichung sie sterbend ihre Enkel geweiht. Laßt uns nicht gleichgültig solchen Forderungen gegenüberstehen, nicht roh verschmähen, was die Väter mit ihrem Herzblut sich erworben. Mit unseren Vätern rüsten auch wir uns im Gebet für unsere gottgewollte Lebensaufgabe. Die Aufgabe ist die gleiche geblieben. Ewig jung tritt sie an jedes neue Geschlecht heran und erwartet von ihm immer erneute Lösung. Laßt uns nicht zurückstehen hinter unseren Vätern. Warum sollen wir nicht die Erben sein ihrer Kraft? Ihnen floß die Kraft aus dem Gebet. Denn das Gebet war ihnen Bereicherung ihres Geistes, Selbstläuterung, Stählung ihres Willens, Erquickung ihres Herzens und Erhebung ihres Gemütes durch den köstlichen Schatz göttlicher Wahrheiten und göttlicher Anschauung von Weltgeschehen und Menschengeschichte und Lebensberuf. Sie wußten, daß wir vor allem göttlichen Daseinsforderungen zu entsprechen und uns für sie immer von neuem zu weihen