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Die Wahrheit · 1927-09-26 · Heft 39-40 (26.9.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 39-40 (26.9.1927)
Date
1927-09-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT HHÜHSS HS Seite 5 suchen am Horizonte das ferne Ziel, dem er nunmehr zuzustreben beabsichtigt, das ganze. Tal aber, die unendlich weite und schöne Welt liegt vor ihm ausgebreitet, so ist auch für uns der Monat Tischri jene Zeit, in welcher sich Vergangenheit und Zukunft treffen, jene Zeit, wo unser bisheriges Leben vor uns ausgebreitet liegt und wir erwartungsvoll die Nebel, mit welchen die Zukunft verhüllt ist, zu durchdringen bestrebt sind. Die Mühen und Sorgen, die Erfolge und Mißerfolge eines Jahres lassen wir an unserem geistigen Auge vorbeiziehen, wir stellen fest, was wir erreicht haben und was wir nicht erreichen konnten. Aber noch mehr, nicht allein unsere eigene Person steht nunmehr im\ Mittelpunkte unserer Betrachtungen, sondern gerade das, was uns erst zu Menschen macht, nämlich das Verbundensein mit dem Göttlichen und mit unserem Nebenmenschen gewinnt an diesem Tage die Herrschaft über unser Fühlen und Denken. Kein Monat ist daher besser dazu geeignet, daß wir unsere Stellung in Familie, Volk und Gemeinde, unsere Beziehungen zu unseren Nebenmenschen einer eingehenden Prüfung unterziehen als der Monat Tischri, denn nur dadurch können wir — und dies ist einer der schönsten, erhabensten Gedanken, die das Judentum der Menschheit gebracht hat — ein Teil des Göttlichen, des Unvergänglichen werden, daß wir unserem Anteile am Menschlichen, am Vergänglichen und Irdischen voll und ganz gerecht geworden sind. Und so bist du heiliger Tischri zunächst der Monat der Versöhnung! Denn Versöhnlichkeit, das ist die Parole, unter welcher wir die Beziehungen zu unseren Mitmenschen in Ordnung bringen müssen. Versöhnlichkeit und Menschenliebe, diese von einander nicht zu trennenden Begriffe, die das Gegenteil von Haß und Feindschaft sind, bilden die glänzenden Symbole des heiligen Monates. Dann aber und nur dann, wenn wir versöhnlich gestimmt sind, wenn wir die Welt, das Leben und die Geschichte gewissermaßen sine ira et studio betrachten, dann werden wir auch mit klarem Blicke und geschärftem Geiste den Ablauf der Geschichte verstehen, dann werden wir in diesem Monate der Erinnerung trotz all des Furchtbaren, das wir im Laufe der Jahrhunderte zu erdulden hatten, trotz der entsetzlichen Qualen und Martern, die unser armes Volk um seines Gottes und seines Glaubens willen ertragen müßte, nicht mit verbittertem, haßverzerrtem Antlitze, sondern in milder Abgeklärtheit die Vergangenheit betrachten und, was immer an Schmerzvollem und Leidvollem uns selbst im abgelaufenen Jahre zugestoßen sein mag, innehaltend in unserem Kümmerndem Allmächtigen danken, daß er uns hat erleben lassen das neue Jahr. Und wir werden hoffnungsvoll in die Zukunft blicken! Denn nur dort, wo Hoffnung und Vertrauen ist, kann es Fortschritt und Wiederaufbau l geben, nur dort, wo Versöhnlichkeit und Friede L herrscht, ist der sichere Grund gegeben, auf Iwelchem die Menschen ihre Hütten zu errichten in Ider Lage sind. Und darum ist es ein schönes und ■erhabenes Symbol, das uns der heiligste unter den ■Monaten vor Augen führt, wenn auf die Versöhnung ■der Hüttenbau fällt. Möge es jedem, der in diesem jMonat seine innigen Gebete zu Gott emporsendet. gelingen, auf diesem Grunde der Versöhnung seine Hütte zu errichten, möge Freude und Friede in alle Hütten Israels einziehen und die heißen Wünsche Erhörung finden, mit welchen wir an diesem heiligen Momente vor den erhabenen Weltenlenker treten. Dr. W. Kol Nidre. (Seine Bedeutung, seine Entstehung, seine Entwicklung.) Von Binjamin Segel.*) In den nächsten Tagen wird man es erleben. Am 5. Oktober abends, überall auf Gottes weiter Erde, wo Juden wohnen, werden sie sich in tausenden und tausenden von prächtigen, ragenden Synagogen oder unscheinbaren, engen Bethäusern versammeln, um den heiligen Tag, den Tag der Versöhnung mit Gott einzuleiten, wie sie es seit vielen, vielen Jahrhunderten, jahraus, jahrein, getan haben. In weiße Gewänder gehüllt, von zahllosen Kerzenlichtern umstrahlt, stehen sie da auf nackten Sohlen, in ihren Gesichtern ist Erregung und Spannung, Wehmut und Bangigkeit und freudige Erwartung zu lesen. Wie viele Male haben sie schon diesen Abend erlebt, aber jedesmal zittern sie ihm von neuem entgegen. Streng und hart, und mild und süß ist er; er tritt sie an als schonungsloser Mahner und bringt ihnen Versöhnung und Verzeihung; sie kosten an diesem Abend und an dem folgenden Tag die Schrecknisse des Gerichtes und die Wonnen der göttlichen Barmherzigkeit. Soeben haben sie beim Eingang einander die Hände geschüttelt, Feinde haben sich ausgesöhnt und einander die Kränkungen und Beleidigungen verziehen, und nun beugen sie die Häupter über die Gebetbücher und murmeln leise, jeder für sich, das „Lautere Gebet": „. . . und da ich weiß, daß kein Mensch auf Erden gerecht ist, daß er nicht sündige, namentlich gegen seinen Nächsten an Gut oder an Leib, durch Tat oder durch Rede, darum tut das Herz mir weh, denn die Sünden zwischen Mensch und Mensch werden ja am Versöhnungstage nicht vergeben, bis nicht der Sünder seinen Nächsten versöhnt hat; und darob bricht mein Herz und es zittern meine Glieder, denn solche Sünden sühnt auch der Tag des Todes nicht, darum geht mein Gebet zu dir, daß du dich meiner erbarmst und mir Anmut und Gnade gibst in deinen Augen und in den Augen der Menschen. Ich verzeihe mit vollkommener und absoluter Verzeihung jedem, der mir gegenüber gesündigt hat, an Leib oder an Gut, oder indem er mir Uebles nachsagte, sogar indem er mich verleumdete, ebenso jedem, der mir geschadet hat an Leib oder an Gut, auch allen sonstigen menschlichen Vergehungen, die zwischen einem und seinem Nächsten vorkommen können, ausgenommen Dinge, zu denen mir einer gerichtlich verpflichtet ist, und außer einem, der sich gegen mich zum Trotz vergangen hat, indem er sagte: ich tu's ihm an, er wird mir schon verzeihen; alles andere verzeihe ich mit rückhaltloser Verzeihung, auf daß kein Mensch meinehalben von dir bestraft wird. Und gleichwie ich allen Menschen *) Vergleiche den Artikel „Schwüre und Eide und deren Heiligkeit nach jüdischer Lehre" in Nr. 33 der Wahrheit.

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