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Die Wahrheit · 1927-09-26 · Heft 39-40 (26.9.1927) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 39-40 (26.9.1927)
Date
1927-09-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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5eite 4 iifiiitfiiufiniiiuiiimiiiiiiiiiiiiuuiiiEimifitiiiiiitiiiiiiinntttiiiiiHuitHiiii timiifiBiiiiBmiiiifiiffim&Qimi Mi DIE WAHRHEH eingesponnen, es durch- und zuließen. Der Pakt mit den Deutschnationalen war nicht unumgänglich. Gerade er hat ihnen vielmehr Mandate gebracht. Wir glauben in diesem Falle auch nicht an ein „Halb zog es ihn, halb sank er hin". Aber so ins Schlepptau zu geraten, das erinnert an jenen braven Ehemann, der versicherte: „Ich lebe mit meiner Frau in bestem Einvernehmen. Wir haben nämlich vereinbart: in allen wichtigen Dingen entscheide ich, in allen nebensächlichen meine Frau." „Nun, und wie steht 's mit den wichtigen Dingen?", fragte man ihn. „Die, die sind noch nicht vorgefallen." Ueber das Verhalten der Deutschnationalen waren wir uns stets im klaren. Auch sie verurteilen wir nicht in Bausch und Bogen. Wir können nicht vergessen, wie in deutschnationalen Gegenden die galizischen Flüchtlinge aufgenommen wurden. Auch kennen wir unter ihren Führern manchen, dem wir Willen zur Objektivität nicht absprechen dürfen. Doch die Partei muß ihre Gefolgschaft versorgen. Wie man früher dem armen Juden die Tür vor der Nase zuschlug mit dem guten Rat: „Geh' zum Rothschild!", so findet man sich jetzt mit dem Pflästerchen ab: „Der Jude kann ja zur Kommune gehen!" Aber immer wieder die Frage: „Und Seipel?" Wir haben für dieses Problem nur eine Lösung: Was er von und mit Wiener Juden in letzter Zeit erfahren hat, mag ihn zu einem solchen Stellungswechsel bewogen haben. Ein geborener oder prinzipieller Judenfeind kann er nicht sein. Wir halten ihn für zu klug und zu fromm dazu, auch nur zehn Gerechte mit den Sündern über einen Kamm zu scheren. Am Versöhnungstage, der uns unser Sündenregister vorhält, sollten wir Wiener Juden uns deshalb fragen: „Sind wir nicht mit Schuld an dieser Schwenkung Dr. Seipels? Haben wir nicht einen Teil unseres Loses verdient?" Wenn wir die jüdische Chronik des letzten Jahres, wenn auch nur an der Hand publizistischer Daten, durchmustern, dann müssen wir uns sagen: Achtung vor uns, geschweige denn Sympathie unserer Umgebung einzuflößen, war nicht alles geeignet, was da, oft ohne Verschulden ganzer jüdischer Gruppen, man sagt sogar, der Mehrheit der Wiener Juden, der Oeffentlichkeit aufgetischt wurde. Daß diese Kundgebungen aber der Außenwelt als Maßstab für das Urteil über uns dienten, weil keine wirksame Korrektur erfolgte, das ist und bleibt die Schuld aller derer, die sie hätten bieten müssen, anstatt die Faust im Sack zu ballen und jonglierenden Gernegroßen die Leiter zu halten. Die alten Römer zeichneten in ihrem Kalender einzelne Tage schwarz, andere rot an. Zwischen Schwarz und Rot lavierte auch unser Geschick im vergangenen Jahre, als zwischen zwei unversöhnlichen Gegensätzen. Unsere Aufgabe als Juden soll es aber im neuen Jahre sein, diese Gegensätze wenigstens auf politischem Gebiete soweit als möglich zu versöhnen. Es heißt, daß in beiden Lagern Juden nicht ganz ohne Einfluß seien. Diesen Juden sollte ihr jüdisches Gewissen sagen: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da". Die Macht der Presse steigert sich in demselben Maße, in dem selbständiges Denken und Handeln von der Parteidisziplin unterdrückt wird. Soweit Juden auf sie Einfluß nehmen können, sollten sie ihn ausüben, um der gegenseitigen Verhetzung Einhalt zu tun. Man mag noch so sozial empfinden, aber drakonische Auswirkungen eines Justamentstandpunktes werden unleidlich, wenn sie die Vernunft empören. Daß ein Hausbesitzer von einem Gastwirt in Friedenszeiten eine Jahresmiete von 1500 Kronen erhielt und jetzt, nach dem Grundsatz „Krone bleibt Krone", mit 15 Groschen (!) sich begnügen muß, während der Betrieb dem Mieter für jedes Zimmer pro Tag über das Zehnfache abwirft, oder daß ein Familienvater mit 6 Kindern eine zweite Hausgehilfin — ein Ausdruck übrigens, den schon der alte Laukhard statt „Dienstbote" vorschlug — genau ebenso versteuern muß, wie ein kinderloses Ehepaar, das sind doch Ungereimtheiten, über die man sich nicht weiter zu verbreiten braucht. Wenn jedoch die Erbitterung über diese und ähnliche Auswüchse von der Gegenseite für eine neue Judenhetze ausgeschrotet wird, so muß man denen, die nicht böswillig in dasselbe Horn stoßen und noch einer .Belehrung zugänglich sind, das Beispiel anderer Regierungen vor Augen führen, die nicht für jedes Unheil den Juden zum Prügelknaben herausgreifen, sondern aus der Geschichte gelernt haben, daß jedes Land die Juden hat, die es verdient, und daß die Judenfrage keine Macht-, sondern eine Rechtsfrage, nicht eine Angelegenheit des persönlichen Geschmackes, sondern der Kultur und der politischen Selbstachtung ist. Wir Juden unter uns sollten aber in diesen Tagen der Erinnerung und der Versöhnung uns die Schuldfrage vorlegen: „Ist der Kurs, in dem wir das letzte Jahr trieben, immer der richtige gewesen? Können wir ihn verantworten vor dem Andenken unserer Väter und vor der Sorge um die Zukunft unserer Kinder?" An fähigen Köpfen fehlt es uns nicht, auch nicht an gutem Willen. Zeigen wir uns fähig, auch die Kraft aufzubringen, um unsere bessere Erkenntnis und unseren guten Willen in Taten umzusetzen! Das nächste Neujahr wird dann unser Gewissen reiner, der nächste Versöhnungstag unser Schuldkonto erleichtert finden. Tischri. Tischri, du heiligster und erhabenster unter den Monaten, sei gegrüßt weihevolle Zeit, sei gegrüßt du Monat des Posaunenschalls, du Zeit der Erinnerung, der Versöhnung und des Hüttenbaues! Dies ist der Jubelruf, mit dem wir Juden den Monat Tischri begrüßen, gleich wie der Wanderer, der nach langem und beschwerlichem Aufstiege eine Höhe, einen Gipfel erreicht hat, sein Ziel begrüßt. Denn wahrlich, wir wandern das ganze Jahr über im Tale, in den Niederungen des Alltagslebens, aber in diesem Monate ersteigen wir die Höhe unseres Daseins, in diesem Monate fühlen wir uns dem Erhabenen, dem Unendlichen und Unvergänglichen besonders nahe, in diesem Monate treten wir aus unserem Ich heraus und unsere Seele erweitert sich, weltumfassend, menschheitsumfassend. Aber noch in anderem Sinne ist der Monat Tischri für uns Höhepunkt des Lebens, Gipfelpunkt des Daseins. Wie der Wanderer, wenn er einen hohen Gipfel erklommen hat, rückblickend den Weg betrachtet, den er zurückgelegt hat, seine Augen

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