Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1927)
- Date
- 1927-09-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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M£ WAHRHEIT habung seines Amtes als Regierungschef versprochen hat, so haben wir keinen Grund, an der Ehrlichkeit seiner Zusage zu zweifeln. Es gäbe dann aber für die judenfeindliche Praxis unserer Regierung nur eine Erklärung, und die wäre: Dr. Seipels Ohnmacht. Und an die können wir nicht glauben. Zur Zeit ist Oesterreich der reaktionärste aller Staaten. Seit geraumer Zeit wird in keinem staatlichen Betriebe ein Jude angestellt. So weit hat es selbst Rumänien nicht gebracht. Weil naheliegend, sei nur darauf hingewiesen, daß Wien einen rumänischen Generalkonsul aufweist, der sein Judentum offen bekennt und betätigt, wie auch einen Konsul, der zugleich eine höhere Charge im rumänischen Heer bekleidet. Das Polen Pilsudskis rehabilitiert sich, Horthys Ungarn beginnt einzulenken. Oesterreichs Regierung geizt nach dem Rekord im Judenhaß. Das strahlt auch auf andere Gebiete über. Die Handelskammer, bekanntlich nichts weniger als judenrein, stellt keinen jüdischen Beamten mehr an. Eine einzige Oase in dieser Wüste bildet, das Unterrichtswesen. Hier hat nämlich der Stadtschulrat ein Wort mitzureden. Zwischen seinem Vorsitzenden Glöckel, dessen Gerechtigkeitssinn es zu danken ist, daß das trostlose Elend des ewigen jüdischen Supplenten endlich behoben wurde, und dem Unterrichtsministerium kann man ein Fingerziehen beobachten, das den Boykott auch der jüdischen Mittelschulanwärter, bisher glücklich verhindert hat. Wie es mit den Hochschulprofessoren bestellt ist, wurde schon gerichtsnotorisch. Dementis beim Selbstmorde eines präterierten jüdischen Gelehrten, Fernbleiben bei Feiern für einen jüdischen Forscher, der, wie einst Sonnenthal, Wien an seinem Weltrufe teilnehmen läßt, und ähnlichen durch diese Zustände gedem hellbeleuchteten Freitagabend, bei uns und der Dunkelheit bei den Samaritanern ist ein ungeheuerer. Eine bis anderthalb Stunden vor Tagesanbruch beginnt in der Synagoge der Morgengottesdienst. Auch Greise und Kinder nehmen an ihm teU. Er beginnt sehr geräuschvoll. Als ich* die dunkle Synagoge betrat und die weißgekleideten Gestalten erblickte!, erschienen sie mir gleich Geistern in Totengewändern. Bei Sonnenaufgang gewahrte ich, daß auch Frauen in ihrer Abteilung anwesend waren. Der Hohepriester entnimmt der Lade die Thorarolle und hebt sie vor aller Augen auf. Die Versammelten küssen sie, worauf der Priester den Abschnitt vom Segensspruch der Priester (Bamidbar 6, 22—27) vorliest Darin besteht die ganze Thoravorlesung am Sabbath und Jomtow. Dann beginnen wieder mehrstündige Gebete. Im Hause wird dann noch der Wochenabschnitt gelesen. Hierauf werden Lieder gesungen, deren Inhalt mit dem des Wochienabschnittes zusammenhängt. Nach dem Gebet ißt man kalte Speisen und trinkt selbstbereiteten Schnaps. Die Samaritaner enthalten sich des Genusses von Jajin Nessach (von Nichtjuden bereiteter Wein, zu welchem sie auch den von Juden bereiteten rechnen'). Den ganzen Sabbath verlasset die Samaritaner nicht das Haus, m. strenger Befolgung; dies Bibelgebotes. Nach dem Essern wird, da man vor Tagesanbruch aufgestanden ist, gewöhnlich ausgeruht. Gegen 12 Uhr geht man zum Mussafgebet wieder zur Synagoge, wobei der Wochenabschnitt verlesen wird. Nach dem Mussafgebet stattet man Freunden imd Bekanaiten Besuche ab. Die Unterhaltung pflegt sich um religiöse Dinge zu drehen. Eine Stunde vor Sonnenuntergang wird das Minchagebet verrichtet. Inzwischen wird von den Frauen zu Hause Feuer angemacht, um die Männer mit Kaffee zu empfangen. Dieser nebst einer Pfeife Nargileh bilden die „Hawdalah". KUNEROL Verbürgt reines Feit ans Kokos» nassen. Die Kokosnüsse werden bei der Ktmerolwerke Ä. G., Wien» Atzgersdorf, gepreßt und die Er» zeagung sieht bis zur Verpackung des fertigen Fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrab» bitters S. Ehrenfeld zuMattersbnrg. Kunerol kann daher von jedem Sireng» glaubigen ohne Bedenken zur Zuberei* tung der Speisen verwendet werden. zeitigten Blamagen sind natürlich billig wie Brombeeren. Braucht man aber dann das jüdische Kapital des Auslandes, so bietet man jüdische Zeitungsleute auf. Die machen auf Kommando dienstwillig die Mauer. Auch haben ja die Wahlen, in denen jüdische Gruppen der Reaktion das Rückgrat zu stützen Opfer brachten, den Mut der Judenfeinde bis zum Uebermut gesteigert. Es waren Opfer nicht nur an Geld und Charakter, sondern vor allem des Intellekts. Die Kinder und Enkel dieser jüdischen Kreuzritter gegen die Sozialdemokratie werden büßen, was die Väter gesündigt haben. Nicht nur durch Ausschluß von allen staatlichen Stellen, auch nicht allein dadurch, daß man sie bei den Prüfungen parteiprogrammgemäß wird durchfallen, vielleicht gar nicht einmal eine Hochschule wird besuchen lassen. Vielmehr dadurch schon, daß der ins Ungemessene aufgepeitschte Judenhaß in Handel und Wandel, vor Gericht, im Spital und an allen anderen Berührungsflächen mit der „arischen" Umwelt Schranken errichten wird, gegen die das Leben im alten Ghetto als beneidenswert erscheinen muß. Uns bleibt bei alledem nur eines unverständlich, nur die eine Frage: „Seipel?" Woher dieser plötzliche Wandel? Eine solche Intelligenz kann doch nicht grundlos über Nacht aus einem sachlichen Staatsmann willenloser Mitläufer einer Partei werden! Ein Seipel läßt sich doch nicht, wie ein Lueger, zum Trompeter seiner früheren Trabanten machen. Und selbst Lueger individualisierte auch unter den Juden und half, wo nur irgend die Maschen des Parteinetzes, in das er selbst sich m