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Die Wahrheit · 1927-09-26 · Heft 39-40 (26.9.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 39-40 (26.9.1927)
Date
1927-09-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT willig vertan! Aber wer hat hier, im klassischen Lande der Trauminits, den Mut, dem bösen Willen gewissenloser Hetzer die Stirn zu bieten, verschlagene Selbstsucht zu entlarven, ihr die Macht der Verführung lahmzulegen, dem ärmsten Volke der Welt den Weg zum Bürgerfrieden und damit den ersten Schritt zur wirtschaftlichen Gesundung zu weisen! Die Regierung eines Landes ist im modernen Staat zumeist nicht viel mehr als die Wetterfahne des Volkswillens. Im Oesterreich Seipels ist sie mehr, könnte sie jedenfalls mehr sein. Oesterreich ist der gegebene Boden für Personenkult. Und wie man sonst immer über Dr. Seipel urteilen ma?. er ist eine Persönlichkeit und wirkt als solche suggestiv. Er ist Priester und sieht in historischen Vorgängen sicherlich nicht ein blindes Spiel des Zufalls. Sollte er in dem innerpolitischen Chaos, das jetzt Oesterreichs Signatur bildet, nicht irgend eine Auswirkung seiner reaktionären Regierung und vielleicht auch seiner persönlichen Haltung erkennen? Daß man ein guter Katholik sein kann, ohne dem Antisemitismus die geringste Konzession zu machen, zeigen uns in Deutschland Marx und Wirth und so viele Vertreter der höchsten Kirchenwürden des Auslands, vor allem das Oberhaupt der Kirche selbst. Statt anderer öffentlicher Auslandsstimmen über die Vorgänge am 15. Juli finde hier Gehör das Urteil des „Abendlandes", einer vorzüglich geleiteten katholischen Zeitschrift, an der Dr. Seipel selbst mitarbeitet. In der diesjährigen August-Nn^ier dieser reichsdeutschen Monatsschrift, Seite 349, wurde beiden Parteien, wie der Sozialdemokratie, genau ebenso ihren Gegnern gleichmäßig die Schuld an diesen Unruhen beigemessen. „Auf beiden Seiten haben es die Parteien ängstlich vermieden, sich der radikalen Elemente zu entledigen. Daß die Führer der österreichischen Sozialdemokratie, an ihrer Spitze Bürgermeister Seitz" — der übrigens jetzt in Tirol die Gastfreiheit der Hakenkreuzler am eigenen Leibe erfahren hat — „alles getan haben, um die aufgeregten Massen zu beschwichtigen und die Bewegung in ruhigere Bahnen zu leiten, soll bei dieser Beurteilung nicht verkannt werden, wie wir überhaupt zwischen offizieller Parteipolitik und Hemmungslosigkeit eines radikalen Mitläufertums unterscheiden. Aber auch für die bürgerlichen Parteien Oesterreichs ergibt sich aus dieser blutigen Lehre die Notwendigkeit, Garantien gegen eine Wiederkehr ähnlicher Ereignisse zu schaffen. Wir glauben nicht, daß dieses auf rein machtpolitischem Wege möglich ist, und der im Nationalrat verschiedentlich angedeuteten Lösung, die Heimatwehren auf dem flachen Lande als Gegengewicht gegen die sozialistische Wiener Schutzwache zu verstärken, stehen wir nur sehr skeptisch gegenüber. Man soll nicht vergessen, daß gerade das Bündewesen durch die Zwischenfälle von Schattendorf der letzte Anlaß der Wiener Revolte gewesen ist." Wie stellt sich unser Bundeskanzler zu solcher Mahnung aus dem eigenen Lager? Wie beurteilt er aber auch hiernach rückschauend die Kandidatur Riehl für die Leopoldstadt? Wie sein öffentliches Bekenntnis zum Antisemitismus? Wenn er von einer seelischen Sanierung Oesterreichs gesprochen hat, wird er nicht, sofern er es mit dem Anschlüsse an Deutschland ernst meint, auch eine seelische Akklimatisierung an den deutschen Katholizismus mit seiner energischen Verwerfung der Judenhetze ins Auge fallen müssen? Einem Privatmanne, der aus seinem Antisemitismus kein Hehl macht, ist dieselbe Freiheit der Ueberzeugung zuzubilligen, die wir für uns in Anspruch nehmen. Ein leitender Staatsmann aber, der sich des Gewichtes seiner öffentlichen Stellungnahme wohl bewußt ist und öffentlich sich als Antisemit bekennt, erinnert an das Wort Bismarcks, daß es ein großer Unterschied ist, ob eine den Staatsgrundgesetzen zuwiderlaufende Gesinnung von einem einzelnen vertreten oder ob sie zum Regierungsprinzip erhoben wird. Und wenn unser Bundeskanzler trotz seiner parteimäßig antisemitischen Einstellung gerechte Handffcuilletoii Ein Sabbath bei den Samaritanern. Von David Je Hin. Während meines erstmaligen Besuches in Sichern (Nablus) verbrachte ich dort zehn Tage. Die Stadt ist gamz arabisch; die Häuser mit ihren Gitterfenstern, die vor ihren Läden mit verschränkten Beinen sitzenden Händler, die engen Gassen mit den Düngerhaufen vor den Häusern, die überall umherliegenden Lehm- und Ziegelstücke — alles das ist typisch arabisch. Die Samaritaner wohnen zusammengepfercht in der schmalen Samaritanergasse, wo ich sie an einem Werktage aufsuchte. Ich sah ihre armselige Lebensweise und hörte aus ihrem Munde, daß sie von ihren arabischen Nachbarn auf Schratt und Tritt drangsaliert werden. So war früher die Samaritanergasse bedeutend länger, doch wurde sie allmählich von dien Arabern Stück um Stück gekürzt. Dann hatten sie einen großen Platz, den aber eine mächtige arabische Familie an sich riß. Ihr Gebethaus ereilte dasselbe Geschick. Sichern liegt fern von jedem Kulturzentrum. Eine Straße führte damals, es sind heute 15 bis 20 Jahre her, nicht dahin. Kein Wunder, daß sich die Araber ajs die Herren der Stadt fühlten, gegen deren Uebermacht sich die Samaritaner oft verteidigen mußten. Ihr Hohepriester Jakob ben Ahron lud mich ein, den Sabbath in seinem Hause zuzubringen. Das Nahen des Sabbaths merkt man bei den Samaritanern bereits am Freitagmorgen. Ihre Frauen kochen dann die Speisen, um sie zum Sabbath kalt v/erden zu lassen. Einige Stunden nach Mittag setzen sich die Männer um einen nie- 'drigen Tisch auf die Erde, um zu speisen. Nach der Mahlzeit > waschen sie sich, legen Sabbathkleider an, um sich nunmehr ganz Gott zu weihen. Gegen Abend begeben sich die Männer in weißen Oberkleidern in die Synagoge. Die Oberkleider ähneln unseren „Kitteln" und dienen als „Talesim". Nur der Hohepriester trägt einen seidenen Tatis. Die angesehenen Samaritaner tragen auf dem Kopfe einen weißen „Streimel". Ihre Synagoge ist ein großes Zimmer im Erdgeschoß. Die Fenster werden durch große Oeffnungen in der Decke ersetzt, wo sich auch die Frauenabteilung befindet. Die Beter sitzen reihenweise auf Strohmatten, Tische und Bänke gibt es nicht. In einer Lade an der Wand befinden sich die Gesetzeisrollen. In einer zweiten, eisernen, wirdeine besonders heilige Gesetzesrolle, die angeblich von einem Urenkel 'des Hohepriestörs Ahron geschrieben worden ist, aufbewahrt. Vor dem Betreten der Synagoge legt man die Fußbekleidung ab. Der Eintretende bedeckt mit den Händen sein Gesicht und fällt auf die Knie. Dann setzt er sich mit verschränkten Beinen, zum Garisim gewandt. Die Samaritaner haben viele Gebete, die aus Versen und Piutim bestehen. Sie sind teils rein hebräisch, teils arabisch. An der Zusammensetzung der Verse erkennt man den arabischen Einfluß. Zum Gottesdienste gehört auch die Thoravorlesung. Die Einteilung der Thoraabschnitte ist eine andere als bei uns. Auch der Thoratext ist nicht überall derselbe. Das Freitagabendgebet, das etwa eine halbe Stunde dauert, findet ihn Dunkeln statt Auch in den Häusern wird kein Licht angesteckt. Nach dem Gottesdienste ruht man zu Hause etwas aus, um sodann wieder zu beten. Der Kontrast zwischen

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