Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1927)
- Date
- 1927-09-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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CtBdkmtnt Jetten &weU**£ üfceis diese« Jftiiwiiicf; TO 9i?os«ften D/E WAHRHEIT Cesteneidkisdke Wocfiensdkvift für Jüdische Jnieressen VeröffentRdkungen der „Union deufediösfeR. Juden*' \&r»^ Miktion und Administration: Wien //., 3Veinestfl*aüe ^flf*- 13 Fernruf 42-2-16 XLIII. Jahrgang Wien, 26. September 1927 Nummer 39/40 W¥&ämM %fö?m\ men 5688 r^^M^^m^mMM^m^^. Zur Erinnerung und Versöhnung. „Wächter, wie weit ist es in der Nacht?" Erinnerung und Versöhnung passen schlecht zu einander. So scheint es auf den ersten Blick. An vergangenen Streit erinnern, heißt immer von neuem die Streitaxt ausgraben, für geschehenes Unrecht Sühne fordern. Doch nicht ein Tag der Sühne, sondern der Tag der Versöhnung folgt bei uns auf den Tag der Erinnerung. Nicht vergessen, aber vergeben! Durch das Unheil des Hasses belehrt, einen Weg zum Frieden finden! Dieser Gedanke steht an der Pforte des neuen Jahres. Ein Jahr des Unheils war es für alle Welt, war es für das teure Land der Väter, war es besonders für Wien. Und wenn früher die Studenten in der Silvesternacht unter wüstem Lärm dem alten Jahre ein Pereat ausbrachten, dieses Jahr verdient es. Schon um der Studenten selbst willen und der Hochschulkrawalle, in deren Zeichen Wien nun seit Jahren steht. Man mag die Skandalchroniken kleiner Universitätsstädte, die unter der Tyrannei studentischer Raufbolde standen, zurückwälzen, soweit man will, nirgends findet man annähernd Aehnliches. Wo je im Mittelalter bis an die Schwelle der neuesten Zeit die Wiener Juden überfallen, geplündert, gemordet wurden, überall führten den beutegierigen Pöbel die Wiener Studenten. Das Jahr 48 mit seiner akademischen Legion schien diesen Schandfleck auf den Blättern unserer Lokalgeschichte tilgen zu wollen. Doch, was sich jetzt vor unseren Augen begibt, überbietet alles. Schon darum, weil es unter den Augen und mit Duldung der akademischen Behörden, vor allem der Regierung geschieht. Die Folgen zeigten sich am schwarzen Freitag, dem unseligen 15. Juli. Im chemischen Laboratorium werden Sprengstoffe hergestellt, die in der Hand des fachmännischen Experimentators ungefährlich bleiben, doch, auf die Straße geworfen, unter den Tritten des Ahnungslosen verheerend wirken. Der akademische Judenhaß datiert nicht von heute und gestern. Er wurde aber nicht gemeingefährlich, solange die Energie eines gerechten Rektors dem Gesetze Achtung erzwang, das, ebenso wie den Zweikampf, auch Gewalttätigkeiten auf akademischem Boden als anomal nicht dulden darf. Seitdem aber die akademischen Helden straflos mit Totschlägern und Schlagringen auf die Straße gehen, in Bibliotheken eindringen, muß man Nachahmung dieser Heroentaten der Geistesblüte Oesterreichs dem ungebildeten, ausgehungerten, verhetzten Manne aus dem Volke minder schwer ankreiden. „Die ihr rieft, die Geister." Und wie die Scheiterhaufen der Vergangenheit mit dem Blutrot ihrer schwälenden Feuergarben die gespenstische Nacht in den Köpfen und Herzen ihrer Zeitgenossen grell beleuchteten, so wurden die Flammen, die aus dem Justizpalaste schlugen, zum Fanal, das uns erschreckend und erweckend zum Bewußtsein brachte, wie furchtbar finster es rings um uns geworden ist. Im alten Oesterreich lebte ein aufrechter Mann, der über Wien Worte fand, scharf wie Schwertesschneide, aber doch ihm nicht verargt, wen aus ihnen glühend eifernde Liebe zur Heimat und zur Wahrheit sprach. Wäre er, der tapfere Kürnberger, Zeuge unserer Zeitgeschichte, er, für den Wien kulturell in Asien lag, er würde für den Bazillus unseres Leidens die Formel aufstellen: finsterster Fanatismus, multipliziert mit rüdestem Chauvinismus, zum Quadrat erhoben durch feile oder unverantwortlich verbohrte Zeitungshetze. Wenn man nur den Schmutz der diesjährigen Wahlkampagne durchwatet hat, wenn man als Oesterreicher über die weltberüchtigten Wiener Monstreprozesse der letzten Monate hat erröten müssen, wenn man tagaus tagein die verschiedensten Parteien sich einer Presse bedienen sieht, die uns im Auslände um den Rest unseres Kredites zu bringen erfolgreich am Werke ist, selbst in Deutschland, das uns früher als Operettenstaat würdigte und jetzt für unsere politischen Clownsprünge nur noch etwas wie mitleidiges Bedauern empfindet, — dann versteht man das Wort von „dem Lande der unterschlagenen Möglichkeiten." Welch ein Schatz kultureller und politischer Möglichkeiten wurde hier mutwillig, wenn nicht bös-