Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1927-09-16 · Heft 38 (16.9.1927) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 38 (16.9.1927)
Date
1927-09-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064299-3064336--15703-3088503
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

OJE WAHRHEIT äiGilMffiM Seite 9 wahren Sinn des Lebens? Er mag die Gesetze des Landes kennen, merkwürdige Gegenstände erfinden — was ist das alles gegen ein kleines Zeichen in der Heiligen Schrift?" Sehr interessant und ein Zeichen für die Objektivität des Verfassers ist die Schilderung der Beziehung dieser Juden zum Zionismus. „Von den Menschen kann ihm nichts wirklich Gutes kommen. Um Palästina kämpft er nicht. Er haßt den Zionisten, der mit den lächerlichen europäischen Mitteln ein Judentum aufrichten will, das keines mehr wäre, weil es nicht den Messias erwartet hat . . . Zwischen dieser ■l^^j.^^j^^ Orthodoxie und einem Zionismus, der am Sabbat Wege baut, u9mBl%Mm kann es keine Versöhnung geben. Einem ostjüdischen Chassid 99 und Orthodoxen ist ein Christ näher als ein Zionist." Sehr beachtenswert sind die Ausführungen des Verfassers über die C h a s s i d i m, „die innerhalb des Judentums eine sehr merkwürdige Stellung einnehmen". „Sie sind für den Westeuropäer ebenso ferne und rätselhaft wie etwa die Bewohner des Himalaja. Am Hofe eines Wunderrabbis ereignet sich ebensoviel Interessantes wie bei den indischen Fakiren." Der Verfasser gibt bei. aller Kritik eine warme, liebevolle Darstellung dieser chassidischen Welt, ein Ghetto im Ghetto, und der Wunderrabbi, gläubig in sich und an sich glaubend und von glaubenden Gläubigen umringt, ist mehr ein Helfender und Segenbringender. semitlsmus--". so setzen wir doch ein großes Fragezeichen hinter sein Wort: „und vielleicht auch die des Judentums". Das hat man auch einmal vom westeuropäischen Judentum gesagt, als die Ghettomauern stürzten. Auch das russische Judentum wird erst recht aufblühen, wenn es, aus dem Aschenbrödelgewand befreit, der Idee des Judentums in Freiheit leben und dieser Idee ihren Weltenweg bahnen kann. Sie nicht, sofort Ihre Neujahrs- Einschaltung an uns aufzugeben Mit wahrer Andacht schildert der Verfasser den Jörn Kippur im jüdischen Städtchen. Wir möchten am liebsten dieses ganze Kapitel wiederholen. Nur wenige Sätze müssen zur Charakterisierung genügen. „Die Gassen sind plötzlich dunkel, weil aus allen Fenstern der Kerzenglanz bricht, die Läden eilig und in furchtsamer Hast geschlossen werden — und gleich so unbeschreiblich dicht, daß man glaubt, sie würden erst am jüngsten Tag wieder geöffnet. Es ist ein allgemeiner Abschied von allem Weltlichen; vom Geschäft, von der Freude, von der Natur, und vom Essen. . . . Alle Väter segnen jetzt ihre Kinder. Alle Frauen weinen jetzt vor den silbernen Leuchtern. Alle Freunde umarmen einander. Alle Feinde bitten einander um Vergebung. Der Chor der Engel bläst zum Gerichtstag . . . Aus tausend Fenstern bricht das schreiende Gebet, unterbrochen von stillen, weichen, jenseitigen Melodien . . . Ganze Häuser sind erfüllt von weißen Sterbehemden, von Lebenden, die nicht hier sind, von Toten, die lebendig werden . . Und nicht minder anschaulich ist die Schilderung eines Begräbnisses wie die Feier eines Freudenfestes. Wir schauen tief in die Herzen und Seelen dieser Menschen, die uns nah und doch so fern, so unendlich fern. Wertvoll ist auch, was der Verfasser über die einzelnen Berufe zu sagen weiß, besonders auch über die Eigenart des ostjüdischen Proletariats, das so ganz anders ist als das, „was der Spießer Bolschewik nennt". „Der arme Jude ist der konservativste Mensch unter allen Armen der Welt. Es ist geradezu eine Garantie für die Erhaltung der alten Gesellschaftsordnung." „Religion und Sitte verbieten Aufruhr, Empörung und sogar offenen Neid." „Es ist nur ein Irrtum der Antisemiten, zu glauben, die Juden wären radikale Revolutionäre. Den bürgerlichen und halbproletarischen Juden ist ein jüdischer Revolutionär ein Greuel." Ueberraschend ist die Bemerkung des Verfassers über die Blutmischung unter den Ostjuden, über die Häufigkeit der Uebertritte slawischer Bauern zum Judentum, obwohl das offizielle Judentum sich dagegen wehrt. „Ohne Zweifel ist in den Ostjuden viel mehr slawisches Blut, als etwa in den deutschen Juden germanisches." Einen breiten Raum gewährt der Verfasser den westlichen Ghettos, und so nahe wir ihnen sind, wir betreten eine uns neue Welt. Mit großer Anschaulichkeit werden die Ghetti in Wien, Berlin, London und Paris geschildert, die Enttäuschung der Amerika Wanderer und zum Schluß die Lage der Juden in Sowjetrußland, ihre Hoffnungen, ihre Aussichten, der Versuch einer Lösung der russischen Judenfrage durch die Sowjets: die Organisierung der jüdischen Arbeiterschaft, die großzügigen Kolonisationspläne. Den Skeptizismus des Verfassers nach dieser Richtung teilen wir nicht. Die Kenntnisse des Verfassers in diesem Punkt sind nicht besser als die unsrigen. Was wir in den neuesten Berichten aus den russischen jüdischen Kolonien hören, stimmt uns durchaus optimistisch. Und wenn wir auch dem Verfasser zustimmen, wenn er sagt: „Wird in Rußland die Judenfrage gelöst, so ist sie in allen Ländern zur Hälfte gelöst. Wenn diese Entwicklung dauert, ist die Zeit des Zionismus vorbei, die Zeit des Anti- Materialien zur Geschichte der Entstehung des Kultusgemeindebezirkes Wien XXL (Floridsdorf). (Fortsetzung.) Dr. JosefS. Bloch, von Dr. Adolf Jellinek in Floridsdorf installiert, hatte bald den Namen der Floridsdorfer Kuitusgemeinde weit über die Grenzen der damaligen österreichisch-ungarischen Monarchie bekannt gemacht. Als „Floridsdorfer Bezirksrabbiner", wie er sich selber bezeichnete, als „Floridsdorfer R a b b i", wie ihn die judenfeindlichen Gegner höhnten, hatte das ungewöhnliche geistige Phänomen — Dr. Bloch genannt — während seiner Wirksamkeit in dieser Gemeinde den ebenso gefährlichen wie schwierigen Kampf gegen Prof. Dr. Rohlings Blutbeschuldigung aufgenommen und siegreich beendet und schließlich — als Anerkennung seiner Verdienste — das Reichsratsmandat des Wahlbezirkes Kolomea erlangt. In Floridsdorf hatte auch Dr. Bloch (12. August 1882) jenen Vortrag: „Die Arbeiter zur Zeit Jesu" gehalten, der bis zur Stunde eine unerschöpfliche Fundgrube der sozialpolitischen Theorien des Talmud bildet (Abgedruckt in Erinnerungen aus meinem Leben, von Dr. Josef S. Bloch. Wien, 1922, S. 25 ff.) Die Gemeindemitgllieder wußten Dr. Blochs kühnes Eingreifen für die jüdische Sache vollauf zu würdigen. 1883 ließen sie eine Broschüre: „Worte des Dankes an Seiner Ehrwürden Herrn Bezirksrabbine r D r. J. S. Bloch, gesammelt und herausgegeben ', erscheinen. Auch wurde ihm bereits vorher ein Ehrenpokal überreicht. Trotzdem sollte er nicht lange der Gemeinde angehören. "— Bei dier RechtsunsicheTheit und vor allem Unklarheit über die Kompetenzen, wie sie damals im Rahmen der neu entstandenen Gemeinden herrschten, waren Unstimmigkeiten zwischen Vorstand und Rabbinat von selbst gegeben. Dr. Blochs Sinnen und Trachten war überdies von seinem parlamentarischen Kämpfen und Ringen vollauf iü Anspruch genommen; August 1886 gab er seine Demmission und führte seinen Schicksalskahn hinaus ins große Meer der Politik: er übersiedelte nach Wien. Hatte so Doktor Bloch Notorietät der Floridsdorfer Kultusgememd'e verschafft, so war es seine feinsinnige Frau, Lau na Bloch, die den Frauen der Gemeinde ein Kleinod übergab: Nach reichsdeutschem Muster begründete sie im Winter 1880 (erste Sitzung 30. Oktober 1880) den „IsraelitischenFrau en- Wohltätigkeitsverein in Floridsdorf" und gestaltete ihn von vorneherein nicht bloß zu einem Organe der Armenfürsorge, sondern auch zu einem vielbegehrten Sammelpunkte der Elite der Frauen der Gemeinde. Unterdessen floß das Gemetndeleben wie ein Strom, der manche Kaskaden zu überwinden hatte. Diese waren vor allem der Gegensatz zwischen der fortschrittlichen und ortho doxen Richtung, der keinesfalls geringer wurde, als der Aimemor aus der Mitte des Gotteshauses hinauf in die Nähe der Bundeslade geschoben wurde. Hiezu gesellte sich bald noch das Kräftespiel zwischen zwei Parteien, die fast abwechselnd das Regime innehatten. Bald stand Josef Buchwald an der Spitze, bald die weitverzweigte Familie Grünwald (nach 1880 bereits heiraatberechtigt). Der Wortführer dieser war seit 1882 der tatkräftige Emanuel G r ü n w a 1 d. (Fortsetzung folgt.) ■v. I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.