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Die Wahrheit · 1927-09-16 · Heft 38 (16.9.1927) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 38 (16.9.1927)
Date
1927-09-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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DIE; WAHRHEfl Sehe 10 IIHtfflHIBHmHmUWBHWfUlilMIIWIIIIIIWHHH Glossen. Im Jahre 1842 wurde „Nathan der Weise" in Konstantinopel in der Uebersetzung eines jungen Schriftstellers, der seine Studien an deutschen Universitäten gemacht hatte, wiederholt aufgeführt. Bei der ersten Darstellung waren nur wenige türkische Beamte anwesend, aber bei der Wiederholung am nächsten Tage hatte sich ein zahlreiches, überwiegend türkisches Publikum eingefunden, das die Erzählung von den drei Ringen mit einem beispiellosen Enthusiasmus aufnahm und beim Schlüsse derselben in einen Jubel ausbrach, in den auch die schweigsamsten Moslemin begeistert einstimmten. In der alten Türkei, in der die Idee der Toleranz nie fremd gewesen, mußte man das Verständnis für die erhabene Dichtung, in der Lessing von der Bühne aus das Hohelied der Toleranz verkündete, nicht als eine Fabel betrachten. Moderne Türken, die sich an heutigen deutschen Universitäten neben europäischer Bildung auch verständnisvolle Sympathien für die „Prtokolle der Weisen von Zion" aneignen konnten, hatten, heimgekehrt, das Ihrige getan, um für die plump erdichteten Lügen und Verleumdungen dieses Schandwerkes Stimmung zu machen. Die antisemitische Hetze, die jetzt auch in der Türkei ihre Orgien feiert, hat in den Weisen von Zion ihren literarischen Nährboden. Selbst die Ermordung eines schönen Judenmädchens durch einen türkischen Generalstabsofftzier kann, bei geschickter antisemitischer Regie, anstatt zum Hasse gegen den Mörder, zur Verfolgung der Glaubensgenossen, der Ermordeten ausgebeutet werden. Aus Lessings Werk ist übrigens auch zu ersehen, daß der Dichter nur zu gut die Gefahren kannte, mit denen der tückische Haß den Juden bedroht, der auf alle Fälle verbrannt werden soll. Welchen ungeheuren Aufwand von Phantasie benötigt der Dichter, um den weisen Nathan vor seinen Feinden zu retten, denen es so leicht gefallen wäre, ihn die Rettung eines Ghristenmädchens als totwürdiges Verbrechen büßen zu lassen. * * * Henry Ford kann, wie seine Freunde neuerlich nachdrücklichst versicherten, es nicht genug bereuen, daß er unzählige Millionen für die Uebersetzung und Verbreitung der „Weisen von Zion" vergeudete. Wie begreiflich und ehrenhaft auch die Reue sein mag, sie kann das furchtbare Unheil, das dieses ebenso blödsinnige wie tückische Werk anrichtete, nicht ungeschehen machen. Die Anstrengungen, die die Judenhasser für die Propagierung dieses Schandbuches machten, sind nur mit jenen zu vergleichen, mit denen sie einst die Fernhaltung des „Nathan" von der Bühne erstrebten. Jahrzehnte hindurch haben die Antisemiten aller Couleurs Himmel und Hölle, am meisten aber die Zensur in Bewegung gesetzt, um die Verkündigung menschheitsschändender Lehren der Milde, Toleranz und Menschenliebe wenigstens auf den Brettern unmöglich zu machen, die in diesem Falle wirklich so ziemlich die Welt bedeuten. Schier ein halbes Jahrhundert war nach dem Tode Lessings verflossen, als man in Wien, von hoher oder, richtiger gesagt, von hochwürdigster Stelle aus die Erlaubnis zur Aufführung des „Nathan" an die Bedingung knüpfen wollte, daß bei der Darstellung die Parabel von den drei Ringen gestrichen werde. Die Dichtung sollte zum Leben auf der Bühne erweckt werden, aber erst, nachdem man ihr die Seele geraubt. Die Judenfeinde aller Couleurs hassen dieses Werk, in welchem einer der edelsten, für die Wahrheit glühenden Dichter just in einem Juden die vor bildliche Idealgestalt eines weisen, guten, vorurteilslosen und hilfsbereiten Menschen darstellte. Er hatte einen solchen Menschen in seinem geliebten Freunde, in Moses Mendelssohn erkannt. Die Judenfeinde hassen den Nathan Lessings, wie sie von dem Shylock Shakespeares entzückt sind, dieser Verkörperung zügellosen Rachedurstes, roher Grausamkeit, dem teuflischen Bluthund, der Reichtümer hinwirft, um einem Feinde ein Pfund Fleisch aus dem Leibe schneiden zu dürfen. Sie sind entzückt, in diesem Shylock die Verkörperung des Judentums zu erblicken, obwohl Shylock in Wirklichkeit, wie geschichtlich nachgewiesen ist, kein Jude, sondern ganz im Gegenteil das Opfer eines Judenhassers gewesen, mit dem er, so wollte es der Dichter, auf der Bühne die Rolle tauschen mußte. Lessing erfährt noch heute die Ehre, als der Freund, Verteidiger und Verherrlicher des Judentums von allen Antisemiten verabscheut zu werden. Um die Keulenhiebe seines „Nathan" irgendwie abzuschwächen, sprengten sie die Lüge aus, Lessing habe im Solde der Juden sein Werk geschrieben. Ach, wenn der Dichter sein Gold für schnödes Geld gegeben, wie schmutzig hätten sich dann die rachsüchtigen Abkömmlinge Shylocks gegen ihn erwiesen. Lessing überlebte nicht lange seinen Nathan, aber er starb so arm, daß sein Braunschweiger Fürst ihn auf Staatskosten begraben ließ. Weniger um ihn zu ehren, denn diesem Geschäft hätte er bei Lebzeiten des Dichters passenderen Ausdruck geben können. Im Nachlasse des großen, von den Juden offenbar allzu billig gekauften Mannes war nämlich zu wenig Geld gefunden, um ihn auf eigene Kosten begraben zu lassen. So zu lesen in dem ausgezeichneten biographischen Werke Adolf Stahrs. Der Biograph Lessings bemerkt überdies noch, dieses Begräbnis auf Staatskosten „war auch das Einzige, was der gepriesene Fürst für den Verstorbenen tat. Selbst das Grab des Mannes, den er zu besitzen das unverdiente Glück gehabt hatte, blieb ohne einen Denkstein zur Bezeichnung der Stätte, wo dieser größte Schriftsteller Deutschland ruhte." War dieser Stahr nicht vielleicht doch ein geheimer Jude? Warum schmäht er den Fürsten, der Lessing nur begraben, aber nicht auch leben ließ, und warum tadelt er nicht die knausrigen Juden? Wie hübsch hätte er fragen können, warum sie ihren Soldschreiber, auf den man — wegen seiner Stellung zu den Juden — so viele Steine warf, nicht wenigstens einen Stein auf seinem Grabe setzen ließen? Ego.

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