Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 38 (16.9.1927)
- Date
- 1927-09-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 m ■■UHHtt DIE WAHRHEIT setz nur allzu oft in den Fällen versagt, in denen sein Schutz begehrt wird. Diese Erfahrungen veranlaßten sie, mit der ihr eigenen Energie für die Neubelebung des Gedankens, den Frauen die Teilnahme an der öffentlichen Armenpflege zu gestatten, einzutreten. Ihrer lebhaften Propaganda durch Wort und Schrift, ihrem zielbewußten Eintreten für diese Idee und ihrer feinen, überzeugenden Begründung dieser Forderung bei jeder möglichen Gelegenheit ist es gelungen, dem Gedanken in den weitesten Kreisen Deutschlands unter Frauen und Männern Freunde zu erwerben, die in vielen Städien bereits die Umsetzung des Gedankens in die Tat herbeigeführt haben. So wurde sie durch diese Arbeit auch für die rechtlichen Fragen der Frauenbewegung gewonnen, und eine Studienreise nach England, die sie im Sommer 1894 unternahm, um die dortigen Wohlfahrtsbestrebungen kennenzulernen, trug dazu bei, sie auch von der Berechtigung' der Forderung nach politischer Gleichstellung der Geschlechter zu überzeugen. Bei der Gründung des „Bundes deutscher Frauenvereine" im Jahre 1894 war sie zugegen und seitdem nahm sie eine führende Stellung in der Berliner, später auch in der deutschen Frauenbewegung ein. Sie war jahrelang Vorstandsmitglied des Vereines „Frauenwohl" und zweite Vorsitzende des „Berliner Frauenvereins". Auf der Generalversammlung des „Bundes deutscher Frauenvereine" 1896 in Kassel wurde sie in den Vorstand des Bundes gewählt, für den sie seither mit Hingebung gearbeitet hat. An den Arbeiten des Berliner Internationalen Frauenkongresses 1896 beteiligte sie sich als Komiteemitglied; ihr geschicktes, taktvolles, feines Auftreten in allen schwierigen und kritischen Momenten gewann ihr damals die Herzen im Sturm; ihr schlichtes, so unendlich bescheidenes Wesen wird weit über die Grenzen Deutschlands hinaus allen unvergeßlich bleiben, die an dem Kongreß teilgenommen haben. In politischer Beziehung wünschte sie die Frauenbewegung von jeder Parteirichtung fernzuhalten. Die Bewegung kann nach ihrer Ansicht nur dann ein neues sittliches Moment in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit hineintragen, wenn sie fern von jedem Parteigetriebe die Forderungen der Achtung vor unserem Geschlecht und der Gerechtigkeit vertritt. „Frauen gegen Frauen, Mütter gegen Mütter, welch eine Episode wäre das in dem Drama der Frauenbewegung!" Schon in den ersten Jahren ihrer gemeinnützigen Tätigkeit versuchte sie, von der „Auskunftsstelle" aus die gewerbliche Kinderarbeit zu bekämpfen. Damals, im Juni 1894, lehnte die Berliner Schuldeputation ihren Antrag ab, in den Schulen Erhebungen über Art und Umfang der gewerblichen Beschäftigung von Kindern machen zu dürfen. Doch ist ihre Anregung auf fruchtbaren Boden gefallen. Die deutsche Lehrerschaft hat den Gedanken aufgegriffen und den Widerstand der Behörden längst besiegt. Gründliches Studium der wirtschaftlichen Verhältnisse der arbeitenden Frauen, zu dessen Vertiefung Frau Schwerin im Winter 1896 nationalökonomische Vorlesungen an der Berliner Universität aufsuchte, verlaßte sie dann, für die Einführung weiblicher Gewerbeinspektoren in tatkräftiger Weise einzutreten. Sie selbst war seit Jahren Mitglied einer Gewerkschaft und hielt, so oft sich ihr die Gelegenheit dazu bot, Vorträge in Gewerkvereinen und Gewerkschaften. An dem Konfektionsstreik von 1896 nahm sie tätigsten Anteil und versuchte auch in ihren Kreisen Freunde dafür zu gewinnen. Sie ging dabei von dem Gedanken aus, daß der wirtschaftiche und sittliche Mensch Eins ist, daß deshalb für jeden menschenwürdige wirtschaftliche Bedingungen geschaffen werden müssen, und daß gerade die Frauen berufen sind, diesen ethischen Grundgedanken auf der ganze Linie moderner Entwicklung zur Geltung zu bringen. Sie sah die Frauenbewegung zwar in allen ihren Teilgebieten als von wirtschaftlichen Momenten ausgehend, aber doch vorzugsweise als eine ethische Bewegung an. In dem J3und deutscher Frauenvereine" gehörte sie seit Jahren der Kommission für weibliche Gewerbeinspektion an; sie richtete mehrmals in Berlin Kurse zur Ausbildung von Inspektorinnen ein und regte in München dazu an. Ihrer lebhaften Propaganda, ihren Versuchen und Petitionen bei Behörden und Regierungen, den klaren, durchdachten Vorträgen über dieses Thema, die sie in verschiedenen Städten hielt, ist ein Teil des endlichen Erfolges sicherlich zuzuschreiben. Auih auf dem Internationalen Arbeiterschutz-Kongreß in Zürich 1897 vertrat sie im Namen des „Bundes" diese Forderung. Im Jahre 1898 übernahm sie den Vorsitz dieser Bundeskommission, die auf ihren Wunsch zu einer Kommission für Arbeiterinnenschutz erweitert wurde. Sie hat versucht, durch diese Kommission in den verschiedenen Bundesvereinen Anregung zur Untersuchung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiterinnen in einzelnen Gewerben zu geben, da sie in Sachkenntnis die Grundbedingungen zur Erlangung sozialpolitischer Gesichtspunkte für die großen sozialen Kämpfe unserer Zeit erblickte. Zu all dieser praktischen Reformarbeit gesellte sich in den letzten Jahren noch eine lebhafte Agitationstätigkeit. Sie hielt Vorträge über die verschiedenen Themen ihrer Arbeitsgebiete, über „Die geschichtliche Entwicklung und die Systeme der Armenpflege", über die „Stellung der Frau in der öffentlichen Armenpflege", über „Kinder- und Arbeiterinnenschutz", über „Gewerbeinspektion", „Berufsorganisation", Frauenbewegung" usw. Außer in den Berliner Frauenvereinen, Arbeitervereinen und Bezirksvereinen, in welch letzteren sie vielfach als erste Frau sprach, hielt sie in den letzten drei Jahren Vorträge in Dresden, Stuttgart, Bremen, Hamburg, Amsterdam, Köln, Kassel, Mannheim, Heidelberg, Bonn, Nürnberg, München, Frankfurt a. M., Frankfurt a. 0., Breslau, Schweidnitz, Rostock u a. m. Wohin sie kam, gewann sie durch ihre reichbegabte Natur, durch ihre gefestigte harmonische Persönlichkeit und ihr schlichtes Wesen den größten Einfluß auf Männer und Frauen. Auch in einer Reihe von Aufsätzen, welche in den Zeitschriften „Frau", „Frauenbewegung", „Ethische Kultur" erschienen sind, hat sie für ihre Ideen gewirkt; doch legte sie selbst keinen sehr großen Wert auf ihre schriftstellerische Tätigkeit, wohl weil sie unbewußt empfand, daß der Zauber ihrer Persönlichkeit, daß ihre einfache, selbstverständliche Art des Vortrages stets eine so zündende Wirkung auf ihre Zuhörer ausübte, daß hier die ganze Fülle ihrer Begabung am besten zum Ausdruck kam. (Fortsetzung folgt.) Juden auf der Wanderschaft. Von Dr. Joseph Lehmann. Wenn wir auch den persönlichen Standpunkt des Verfassers Joseph Roth*), der aus seiner jüdisch-nationalen Einstellung kein Hehl macht, nicht teilen, so folgen wir doch seinen Ausführungen mit größtem Interesse, da wir fühlen, daß uns hier eine Schilderung und Charakterisierung des Ostjudentums gegeben ist, die, aus wirklichem Erleben hervorgegangen, Licht und Schatten wahrhaftig zu verteilen sucht. Daß diese Schilderung mit glutvollem Herzen, mit heißem Atem gegeben ist, nimmt ihr nichts von ihrer Klarheit und erhöht den Reiz des Büchleins ebensosehr wie die oft hochpoetisch anmutenden Schilderungen des inneren Lebens, besonders auch der religiösen Feiern im ostjüdischen Städtchen. Sehr fein beobachtet ist die seelische Einstellung dieses in seine umschränkte, umgrenzte und doch grenzenlose, himmelweite Welt eingeschlossenen, eingesponnenen Ghettojuden im ostjüdischen Städtchen. „So groß die Not ist, die Zukunft bringt die herrlichste Erlösung. Die scheinbare Feigheit der Juden, der auf den Steinwurf des spielenden Knaben nicht reagiert und den schmähenden Zuruf nicht hören will, ist in Wahrheit der Stolz eines, der weiß, daß er einmal siegen wird." „Was ist der reiche Herr, was ein General gegen ein Wort Gottes? . . . Was weiß dieser Herr von dem *) Verlag „Die Schmiede". Preis 1.80 Mark. Berlin. ]AC. MAYER Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II., GIOCkeng3SS6 24 Tel. 48-4-79 Für Kultusbeamte und Vereinsfunktionäre gegen Legitimation 10% Nachlaß