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Die Wahrheit · 1927-09-16 · Heft 38 (16.9.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 38 (16.9.1927)
Date
1927-09-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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om WAHRHfior miHmniflmiBfttHmiHHm Ül Sehe 7 heroen verschiedener Zeiten und Länder einen Wissensschatz und eine harmonische Bildung an, die ihrem Geist den universellen Stempel aufdrückte, der sie für ihre öffentliche Tätigkeit so hervorragend geeignet machte. Das Interesse für den Beruf ihres Mannes schärfte ihren Blick für die realen Verhältnisse des Lebens, die ihr bei ihrem bisherigen Bildungsgang nicht sehr nahe gelegen hatten; seine humanistische Bildung lenkte, ihre Aufmerksamkeit auf die Gebiete, mit denen sie sich weniger beschäftigt hatte, besonders auf das Studium der Geschichte. Auch begann sie sich der Nationalökonomie zuzuwenden, die ihr in späteren Jahren dazu verhalf, ihre Schaffensfreudigkeit in breite Bahnen zu lenken und ihr Wirken vom Haus auf die Gemeinde und die Welt zu übertragen. Den reichen Schatz ihres Gemütes verausgabte sie in dieser Periode ihres Lebens in der Pflege zahlloser innigster freundschaftlicher Beziehungen, in denen sie gewöhnlich der gebende Teil war. Erst 1892, als der Sohn herangewachsen war und ein Teil ihrer Kräfte dadurch brach gelegt wurde, hat sie ihre öffentliche Tätigkeit begonnen. Als durchaus religiös veranlagte Natur hat das Trennende einer an Konfessionen gebundenen Religion sie immer nach m einem Ausgleich suchen lassen. Als geborene Jüdin hielt sie die Religion ihrer Väter unendlich hoch, hatte aber trotzdem viel Verständnis für eines reines, edles Christentum. In der Verfolgung ethischer Bestrebungen glaubte sie ein Bindeglied, eine Brücke zu finden, welche die durch konfessionelle Unduldsamkeit gerissene Kluft überbrücken könnte, und welche den Interessenkreis des Einzelnen, der in unserer Zeit schwerer wirtschaftlicher Kämpfe allzusehr von idealen Gesichtspunkten abgezogen wird, wieder auf höhere und sittliche Leitmotive für das Denken und Handeln lenken könnte. Mit Enthusiasmus und Feuereifer schloß sie sich der neugegründeten „Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur" an. in der sie bald einer der führenden Meister wurde. Durch ihre Wahl zur zweiten Vorsitzenden wurde das auch nach außen zum Ausdruck gebracht. Bald nach der Gründung der Gesellschaft setzte sie einen Plan zur Gründung einer Auskunftsstelle für Wohlfahrtseinrichtungen auseinander, der von ihr in Gemeinschaft mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft sofort in die Hand genommen und zur Ausführung gebracht wurde. Im Frühjahr 1893 wurde diese „Auskunftsstelle der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur" eröffnet, der, von sozial-ethischen Gesichtspunkten ausgehend, eine Reform der Armenpflege anstrebte. Frau Schwerin glaubte, daß es bei der Fülle der Berliner Wohlfahrtseinrichtungen sowohl für den Hilfesuchenden wie für den Hilfespendenden fast unmöglich sei, diejenige Behörde oder Anstalt aufzufinden, die für jeden besonderen Fall der Bedürftigkeit geeignet, und die nach ihren Statuten zum Eingreifen berechtigt sei. Ein von ihr sorgfältig gesammeltes und systematisch geordnetes Material über die bedeutenderen Wohlfahrtseinrichtungen Berlins bildete die Grundlage für das später von ihren Mitarbeitern herausgegebene „Auskunftsbuch" über die Wohlfahrtseinrichtungen Berlins, welches längst in wiederholter Auflage erschien und ähnliche Arbeiten in anderen Städten angeregt hat. Hierauf basierte auch die Raterteilung in der Auskunftsstelle, die jedoch bald erkennen ließ, daß in vielen Fällen gründliche Recherchen und in manchen eine längere freundnachbarliche Fürsorge zur Ergänzung der AusJcunftserteilung notwendig sei. Der durch Frau Schwerins Vater niitbegründete „Berliner Handwerksverein", welcher viele Jahre voiv ihrem Gatten geleitet wurde und an dessen Ausgestaltung sie stets verständnisvoll mitgearbeitet hat, lehrte sie den Wert der Volksbildungs-Bewegung kennen, an der sie sich durch ihre Mitwirkung bei der von der Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur ausgehenden Begründung der ersten öffentlichen Lesehalle in Berlin beteiligte. Sie ist Vorsitzende des Lesehallen-Komitees gewesen, bis ihre Kränklichkeit sie nötigte, das Amt niederzulegen. Als im Herbst 1893 die „Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit" gegründet wurden, um" Frauen der besitzenden Stände zur Pflichterfüllung im Dienste der Gesamtheit heranzuziehen und sie dafür tüchtig zu machen, trat Frau Schwerin auf das Bitten einiger Freunde in das Komitee ein. Zuerst beteiligte sie sich nur zögernd an den Arbeiten dieser Vereinigung, in voller Erkenntnis der Gefahr, die aus einer etwaigen dilettantischen Arbeit junger Mädchen auf diesem Gebiet erwachsen könnte. Ihre pädagogischen Talente überwanden diese Schwierigkeiten; sie verwendete einen großen Teil ihrer Zeit auf den theoretischen Unterricht in der Armen- und Wohlfahrtspflege und auf die Schulung der Mitglieder, mit denen sie im Winter 1894 ihren ersten Vortragskursus über „Frauenpflichten im Haus und in der Gemeinde" hielt, der eine begeisterte Schar von Anhängerinnen um sie versammelte. Aehnliche Kurse über „Armen- und Wohlfahrtspflege" hat sie in den folgenden Jahren in verschiedensten Kreisen und Anstalten abgehalten. „Auf Menschen zu hören, ihren feinsten Seelenbedürfnissen entgegenzukommen und sie durch die Atmosphäre der Sympathie, in die sie sich versetzt fühlen, zu fördern, so ge-^, stalte ich, so bilde ich Menschen und halte mich an Schillers Wort: „Jedwedem zieht er seine Kraft hervor. Die eigentümliche, und zieht sie groß. Läßt jeden ganz das bleiben, was er ist." So schrieb sie einst über dieses Verhältnis zu ihren Schülerinnen. Aus der Fülle der Vereine auf dem engeren Gebiet der Armen- und Wohlfahrtspflege, denen sie ihr Interesse zuwendete, wie des Vereines für häusliche Gesundheitspflege und den Komitees für Ferienkolonien, in welch beide sie schon durch ihre Mutter eingeführt war, muß der „Verein zur Förderung der Blumenpflege unter den Schulkindern", der ihrer Anregung sein Entstehen verdankt, und die „Hauspflege" des Berliner Frauenvereins hervorgehoben werden, die gleich-» falls aus ihrer Initiative nach dem Beispiel eines in Frankfurt a. M. bestehenden Vereins hervorgegangen ist. Auf der anderen Seite wurde ihr aber auch durch ihre praktische Arbeit unter den Armen der Blick auf die Ungerechtigkeiten und Härten eröffnet, die das Familienrecht enthält. Was in ihren Kreisen selten oder weniger scharf zum Ausdruck kam, war die Rechtlosigkeit der Frau dem Manne gegenüber, die sie hier auf Schritt und Tritt antraf. Immer wieder erregte es sie furchtbar, wenn sie einer Frau, die vom Manne brutalisiert wurde, nicht helfen konnte, weil das Ge- Y l 2 Studenten aus rituellen Familien wird liebevolles Heim in streng religiöser Familie geboten Frau Marianne Wesel Wien II., Glockengasse 1/10 KUNDMACHUNG Der Leopoldstädter Kranken-Unterstützungs-Verein „Nächstenliebe" Wien iL, Gr. Stadtgutgasse 34, veranstaltet, wie in den Vorjahren, auch heuer im „Bayrischen Hol'4, Wien IL, Taborstraße 39, anläßlich der hohen Feiertage einen weihevollen GOTTESDIENST unter Mitwirkung eines erSlhlQSSlgeil fiHSSOl-KOIltOrS sowie des lamuaiulgen bewährten SdHHfcarls- Vorbefcrs, ferner eines ansgczeidiRctai nemift- Chores. Der Verkauf der Betsitzkarten erfolgt bis 20. September d. J. von 8 bis 12 Uhr vormittags und 2 bis 4 Uhr nachmittags in der Vereinskanzlei und ab 21. September d. J. von 8 bis 12 Uhr vormittags und 2 bis 5 Uhr nachmittas im Bethause „Bayrischer Hof". DER VEREINSVORSTAND.

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