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Die Wahrheit · 1927-09-16 · Heft 38 (16.9.1927) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 38 (16.9.1927)
Date
1927-09-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 mm Iii DIE WAHRHEIT für jüdische soziale Fürsorge in Wien: Präsident Kommerzial« rat Karl Klemperer und Sekretär Dr. M. Löwy, der Obmann der Fürsorgekommission der Kultusgemeinde Wien, Vorstandsmitglied Emil Engel, und die Mitglieder dieser Kommission, Kultusvorsteher Kommerzialrat Max Markus, Dr. I. Klaber, Wolf Pappenheim, die Amtsdirektoren der Kultusgemeinde Wien, die Herren Regierungsrat Dr. E. Adler und Regierungsrat Guido Fuchs gelb, der Leiter des Wohltätigkeitsamtes Herr Rudolf Kraus und Sekretär Meissner. Hdnr Vizepräsident, Dtf. Jakob Ornsitein, eröffnete die Aussprache unter Hinweis darauf, daß die Versuche zur Gründung einer Organisation für Wanderfürsorge in Oesterreich bereits viele Jahre zurückliegen, und daß der Krieg und die Folgezeit die damals geknüpften Beziehungen abgebrochen hätten. Unter dem Drucke der Verhältnisse habe das Präsidium der Wiener Kultusgemeinde beschlossen, im Einvernehmen mit der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge in Deutschland die heutige Aussprache einzuberufen, um hier die Möglichkeit der Errichtung einer ähnlichen Organisation, wie sie in Deutschland bereits tätig ist, zu prüfen. Der Referent, Herr S. Adler-Rudel, führte in der Einleitung zur Aussprache jene Gründe an, die die Organisation der Wanderfürsorge im gegenwärtigen Momente dringend erforderlich machen. Nach kurzer Skizzierung der allgemeinen jüdischen Wanderprobleme, des Umfanges der Wanderung und der Versuche, dieser Probleme durch Organisation Herr zu werden, wandte er sich der jetzt aktuellen Frage der jüdischen Wanderung in Europa zu, die infolge der Beschränkungen der Einwanderung nach den Uebersee-Ländern einen außerordentlichen Umfang angenommen hat. Der Referent berichtete ausführlich über die Organisation der jüdischen Wanderfürsorge in Deutschland, die nicht nur eine verstärkte Hilfeleistung für die Wanderer selbst, sondern auch eine rationellere Verwendung der zur Verfügung stehenden Geldmittel bewirkt hat. DieHauptstefie für jüdische Wanderfürsorge in Deutschland verspricht sich durch Gründung von Parallelorganisationen in den anderen Ländern einen wesentlichen Ausbau der Fürsorgetätigkeit und eine erhöhte Leistung. Deutschland arbeitet bereits im engsten Einvernehmen mit Belgien, Frankreich und der Tschechoslowakei. Mit der Schweiz schweben ebenfalls Verhandlungen über den Ausbau einer der deutschen ähnlichen Organisation, Im Rahmen dieser Arbeit wird die Errichtung einer Organisation für Wanderfürsorge in Oesterreich zur unbedingten Notwendigkeit, namentlich im Hinblicke auf die ziemlich umfangreiche Rückwanderung, die über Oesterreich ihren Weg nimmt. Im Anschlüsse an das Referat erfolgte eine sehr eingehende Debatte, an welcher sich fast sämt'.iche Teilnehmer der Konferenz beteiligten. Namentlich die Vertreter der Provinzgemeinden hielten die möglichst sofortige Inangriffnahme der Organisationsarbeiten für dringend notwendig. Vizepräsident Dr. Löwenherz erklärte namens der Wiener israelitischen Kultusgemeinde deren Bereitwilligkeit, eine solche Institution zu gründen und an ihre Spitze zu treten, worauf eine vom Obmamn der Fürsorgekommission der Kultusgemeinde vorgeschlagene Resolution folgenden Inhaltes angenommen wurde: „Die heutige Versammlung empfiehlt die Schaffung einer „Organisation der Wanderfürsorge für Oesterreich" ira Anschluß an die bereits bestehendeu ausländischen Organisationen. Die Organisation ist im wesentlichen nach den für Deutschland geltenden Grundsätzen, iedoch unter voller Rücksichtnahme auf die besonderen österreichischen Verhältnisse und mit der Einschränkung durchzuführen, daß zunächst nur die eigentliche Wanderfürsorge im engeren Sinne zu berücksichtigen ist Es hat als Grundsatz zu gelten, daß die Lasten der Wanderfürsorge nach einem einvernehmlich festzustellenden Schlüssel auf die Gesamtheit der österreichischen jüdischen Gemeinden aufzuteilen sind. Dagegen ist die Wiener Kultusgemeinde zu ersuchen, das für die Organisation in Wien erforderliche Personal und «He Bureaus auf ihre Kosten beizustellen. Das Präsidium der Wiener Kultusgemeinde wird ersucht, die Vorarbeiten für die Schaffung der Organisation zu übernehmen und derart zu beschleunigen, daß die Aktivierung tunlichst mit Beginn des Jahres 1928 erfolgen kann. Vor der endgültigen Festlegung der Organisationsbestimmungen ist wieder das Einvernehmen mit den in Betracht kommenden Gemeinden und Korporationen zu pflegen.*4 Diese Resolution dürfte demnächst dem Plenum der Wiener israelitischen Kultusgemeinde zur Annahme vorgelegt werden, worauf unverzüglich an die Schaffung der proponierten Institution herangetreten werden soll. Montag den 12. d. M. faid der van uns angekündigte Vortrag des Herrn S. Adler-Rudel über die produktive jüdische Fürsorge in Deutschland statt; wir kommen darauf in der nächsten Nummer ausführlich zurück. Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Dr. Alice Salomon über Jeanette Schwerin. Jeannette Abarbanell ist am 21. November 1852 in Berlin geboren. Ihr Vater war ein angesehener Arzt, der mit hervorragenden Verstandes- und Gemütskräften begabt war; Lauterkeit des Charakters, eine glühende Freiheits- und Gerechtigkeitsliebe zeichneten ihn aus. Seine Interessensphäre - war nicht durch seinen Berufskreis begrenzt; die Eindrücke, die er als junger Arzt in Schlesien aufnahm, wohin er durch die Regierung zur Hilfeleistung bei der dortigen Hungertyphus-Epidemie geschickt worden war, haben sowohl auf seine wie seiner Familie Weltanschauung in entscheidender Weise nachgewirkt. Er beteiligte sich an der Gründung des Berliner Handwerker-Vereines, dessen Leiter er bis zu seinem Tode blieb. Der Reichtum der Veranlagung, welcher Jeannette Abarbanell schon als Kind auszeichnete, dürfte ihr vom Vater, der einem alten, an hervorragenden Familienmitgliedern reichen Geschlecht entstammte, überkommen sein. Der Einfluß, den des Vaters Persönlichkeit auf sie ausübte, ist ein starker, bis in ihre letzten Lebensjahre reichender gewesen, trotzdem sie den Vater schon als vierzehnjähriges Mädchen verlor. Auch die feinsinnige Mutter, die nach dem frühzeitigen Tode des Gatten fast ausschließlich der Erziehung ihrer Kinder lebte, hat sie mit Planmäßigkeit und Absicht gelehrt, sich selbst zu entwickeln in der Schule des Denkens und üandelns unter eigener Verantwortung. Wenn sie auch in diesen Jahren schon von der Mutter dazu angehalten wurde, dem tief in ihrem Wesen wurzelnden Trieb der Hilfsbereitschaft auch außerhalb des engen häuslichen Rahmens Rechnung zu tragen, so hat sie in späterer Zeit doch diese Art der Betätigung unter den Armen mit der ihr eigenen scharfen Selbstkritik oft als höchst primitiv, ja gedankenlos bezeichnet. Ihre Richtung war damals eine rein wissenschaftliche, vorzugsweise schöngeistige. Ihr Elternhaus war der Mittelpunkt eines geistig hochstehenden Kreises junger Menschen; gemeinsame Interessen und Arbeiten verbanden sie mit ihren intimsten Freunden, deren eine. Karoline Michaelis, die später als Sprachforscherin bekannt geworden ist, dauernd in innigsten freundschaftlichen Beziehungen mit ihr blieb, während die andere, Helene Lange, zwar später für Jahre durch das Leben von ihr getrennt wurde, um sich endlich bei der Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine mit ihr wiederzufinden und die Jugendfreundschaft in veredelter, vertiefter Form wieder aufzunehmen. Aus diesen glücklichen inneren und äußeren Verhältnissen heraus, aus diesem Kreise ernster und doch froher junger Freunde, verheiratete sich Jeanette Abarbanell, kaum zwanzigjährig, mit Dr. Ernst Schwerin, um, nachdem ihre Arbeiten bis dahin vorwiegend SelbstzWieck gewesen, nun all das, was eine glückliche Jugend sie hatte empfangen lassen, ihrem eigenen Kreise, der sich immer weiter gestaltete, mitzuteilen. Sie hat es verstanden, selbst in den letzten Jahren ihres Lebens, in den Zeiten, in denen für den Außenstehenden ihre ganze Kraft, ihr Denken und Empfinden in ihrer öffentlichen Tätigkeit aufzugehen schien, ihrer Familie, ihrem engsten Kreise das Heim mit dem ganzen Reichtum ihres Herzens zu erfüllen und auszugestalten, um mit ihrem feinsten Empfinden für die Bedürfnisse ihrer Umgebung in der Befriedigung jedes kleinsten, selbst unausgesprochenen Wunsches der Ihrigen eine Pflicht zu sehen, deren stete, getreue Erfüllung nur ihre Selbstlosigkeit und Willensstärke möglich machte. In den ersten Jahren ihrer Ehe, in denen sie durch die Pflichten, welche der ärztliche Beruf ihres Mannes für sie mit sich brachte, viel ans Haus gefesselt war, eignete sie sich durch systematisches Studium von Werken der Geistes-

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