Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 38 (16.9.1927)
- Date
- 1927-09-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 ■ DIE WAHRHEIT nichts charakterisiert die Lage besser als der Beschluß, vom Budget des Keren Hajessod 70.000 Pfund zur Tilgung der Schulden abzuschreiben, noch dazu von einem Budget, das infolge der sinkenden Einnahmen und steigenden Verwaltungskosten ohnehin für werktätige Aufbauarbeit nur mehr wenig übrig läßt. Wenn sich daher die finanzielle Lage des Keren Hajessod nicht bald ändert, so würde aus einem Aufbaufonds ein Abzahlfonds werden, woran wohl auch die Finanzkontrollkommission, deren Bildung aus naheliegenden Gründen beschlossen wurde, nicht viel wird ändern können. Die Vorgänge auf dem 15. Zionistenkongreß sind daher nichts anderes als der Ausdruck der tiefgehenden Unzufriedenheit, welche in allen zionistischen Kreisen darüber herrscht, daß man weder in ~^Iitischer, noch auch in finanzieller Beziehung irgendwelche Fortschritte zu verzeichnen hat, sie sind aber auch ein Zeichen, daß sich die Erkenntnis immer weiterer Kreise auch im Lager der Zionisten verbreitet, daß die bisherigen Methoden des politischen und nationalen Zionismus gründlich abgewirtschaftet haben. Möge aus dieser Erkenntnis der Wille entspringen, mit neuen und besseren Methoden und durch andere Mittel als die der nationalen Verhetzung und politischen Spaltung einem Ideale zu dienen, das an und für sich hoch_ und erhaben ist und, wie auch wir dem politischen Zionismus fernstehenden Juden hoffen und wünschen, wenn auch nicht in der Form, wie es der offizielle Zionismus verkündet, seiner Erfüllung entgegengehen wird. Doch dieser Tag der Erfüllung liegt noch in weitester Ferne und die Wege, welche die Weltgeschichte wandelt, sind mit dichtem Nebel umhüllt. Das Buch vom Kanal Professor Passarges Ersatz für die „Protokolle". Von Binjamin Segel. Die Protokolle der „Weisen von Zion" sind in allen gebildeten Kreisen als elendes Machwerk erkannt worden. Henry Ford schämt sich seines „Internationalen Juden". Die Völkischen sehen sich also ihrer Haupt- ' stützen in dem sogenannten geistigen Kampfe gegen das Judentum beraubt. Sie müssen neue Quellen, Enthüllungen, Sensationen suchen. Es ist daher kein Zufall, daß jetzt fast gleichzeitig zwei neue völkische Bücher in sensationeller Aufmachung auf dem Markte erscheinen: Erich Ludendorffs „Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse", und eine neue Ausgabe des alten Buches vom Kahal, das Theodor F r i t s c h in Leipzig in der Uebersetzung des als völkischen Hetzers bekannten Hamburger Universitätsprofessors Passarge ankündigt. Der genaue Kenner der judenfeindlichen Literatur, Binjamin Segel, schreibt über die Entstehungsgeschichte und Entstehungsart dieses Buches: Das „Bucb vom K-ahaT ist ein direkter Vorfahr der Protokolle. Im Jahre 1869 erschien in Wilna auf Kosten der Gubernalregierung ein Buch „Kniga Kagala (Das Buch vom Kagal)*), eine Sammlung von Artikeln, die zuvor im offiziellen „Wilenski Wjestnik" abgedruckt waren; der Verfasser, ein getaufter Jude namens Jakob Brafman, denunzierte darin vor der russischen Regierung seine ehemaligen Glaubensgenossen, daß ihre schon 1844 aufgelöste Organisation, „Kagal" genannt, fortfahre, insgeheim zu existieren; sie sei es, die die Absicht der Regierung, den Separatismus der Juden zu beseitigen und sie *) Im Russischen wird g für h gesetzt. in die russische Gesellschaft aufgehen zu lassen, vereitle; der Kanal stütze sich auf den Talmud; durch die zahlreichen karitativen und kulturellen Institutionen, die dem Kanal unterstehen, übe er einen unentrinnbaren Zwang auf jeden einzelnen Juden aus, der in dem schrecklichen C h e r e m seinen •stärksten Ausdruck finde. Wolle die Regierung ihr seit Jahrzehnten erstrebtes Ziel erreichen und die Juden gänzlich mit der russischen Bevölkerung verschmelzen, so müsse sie alle einzelnen jüdischen Institutionen auflösen; dann werde der furchtbare Kahal und mit ihm der Talmud von selber sterben, und der ganze „jüdische Aberglaube" werde dem Kahal bald ins Grab folgen. Kagal (Kahal) — das war die jüdische Gemeinde. Das Buch wurde an alle Amtsstellen verteilt, um ihnen als Wegweiser in der Behandlung der Juden zu dienen. Es bestand hauptsächlich aus den Verhandlungsprotokollen des Vorstandes der jüdischen Gemeinde in Minsk, der Geburtsstadt Brafmans, während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Protokolle waren hebräisch, teils jüdisch, die russische Uebersetzung war sehr mangelhaft, teils, weil Brafman Russisch schlecht konnte, teils, weil er die technischen Ausdrücke im hebräischen Original nicht verstand. Dafür waren zur Erklärung angebliche Zitate aus dem Talmud herbeigezogen, mißverstandene, aus dem Zusammenhang gerissene, verstümmelte Zitate. Dazu kamen geheimnisvolle Hinweise auf die seit acht oder neun Jahren in Paris bestehende A11 i a n c e I 's r a- 61 i t e Universelle, die einmal an den Zaren sogar eine (natürlich höchst ehrerbietige) Eingabe im Interesse der Juden gemacht hatte. Die Alliance war nun der Welt-Kahal, gleichsam eine Vorläuferin der „Versammlung der Weisen von Zion", sie beherrschte alle die kleinen Kahale auf dem weiten Erdenrund, nährte in ihnen den Geist des „Separatismus", erfüllte sie, angeblich nach der Lehre des Talmud, mit Haß gegen das Christentum, gegen die christliche Obrigkeit, die christliche Gesellschaft usw. Ueber dieses wüste Sammelsurium von Bosheit, Angeberei, Naivität, Unwissenheit und Schamlosigkeit lachten etwa ein Jahrzehnt später sogar die Judenfeinde vom Fach, aber zu seiner Zeit richtete es viel Unheil an; 1871 wurde eine neue Ausgabe veranstaltet, auch wurde es auf Regierungskosten ins Polnische übersetzt. Man nahm es in offiziellen Kreisen lange Zeit ganz ernst, ganz wie in unserer modernen Zeit hochgelahrte Professoren, Führer politischer Parteien, Generale, Diplomaten an die „Protokolle der Weisen von Zion" glaubten. Was für Verheerungen Brafman anrichtete, kann man daraus ermessen, daß die 1866 in Petersburg und Odessa gegründete jüdische „Kulturgesellschaft", deren Zweck war, den Juden „Aufklärung in russischen Geist" zu bringen, z. B. durch Uebersetzung der Bibel und des Gebetbuches die russische Sprache unter ihnen zu verbreiten, mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, wieil sie infolge der Denunziationen Brafmans verdächtigt wurde, ein Organ des „geheimen Kahal" zu sein. Den Kampf der russischen Behörden gegen die jüdischen Gemeindeorganisationen wird man zu würdigen wissen, wenn man die Geschichte dieser Institution betrachtet. Sie Teicht bis zum Jahre 1264 zurück, als Boleslaw von Kaiisch, Herzog von Großpolen, durch sein den Juden des Landes gewährtes „Privileg" den Grundstock legte zu der Judengesetzgebung der folgenden Jahrhunderte in ganz Mitteleuropa, besonders in Polen. Im mittelalterlichen Ständestaat bildeten die Juden gleichsam einen besonderen Stand, eine besondere soziale Körperschaft. Zumal in Polen, wo sie in wirtschaftlichem Gegensatz zu der nichtjüdischen Bevölkerung vornehmlich den Handel und das Handwerk vertraten. Gleichwie die städtische Bevölkerung, die überwiegend aus eingewanderten Deutschen bestand, unter dem Magdeburger Recht (jus teutonicum) stand, das von einer eigenen Magistratur gehandhabt wurde, so standen die Juden unter dem mosaisch-rabbinischen Recht, welches von den rabbinischen Gerichtshöfen in den Gemeinden gesprochen wurde. Die jüdischen Gemeinden unterstanden unmittelbar dem König, der als Schutzherr der Juden von ihnen besondere Judensteuern bezog. Da es für die Könige vorteilhafter war, mit wohleingerichteten Körperschaften, als mit losen Massen zu tun zu haben, so förderten sie den Ausbau und die Entwicklung der autonomen jüdischen Gemeinden. Im Jahre 1551 wurde durch König Sigismund August das jüdische Ge-