Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 38 (16.9.1927)
- Date
- 1927-09-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064336--15697-3088497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT GlllHQllililllll^ffimi WH!) Seit* 3 der fundamentalen Beziehungen zwischen der Mandatarmacht und dem jüdischen Nationalheim" auch eine über den Rahmen des Zionismus hinausgehende weltpolitische. Absicht verbergen dürfte; sind doch seit der Genfer Abrüstungskonferenz die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und England ziemlich gespannt und wird insbesondere auch die gegenwärtige englische Politik im nahen und im fernen Osten, die auf ziemlich verschlungenen Wegen wandelt, in Amerika mit einigem Mißtrauen betrachtet. Wie dem auch immer sein mag, die Tatsache bleibt bestehen und kann nicht aus der Welt geschafft werden, daß ein Mann von der Bedeutung Stephan W i s e sich in schärfster Opposition zur Leitung der zionistischen Weltorganisation gestellt hat. Diese Stellungnahme, in welcher man wohl eine Abkehr der amerikanischen Zionisten von der bisherigen englandfreundlichen Politik Weizmanns erblicken kann, ist auch aus dem Grunde bedeutungsvoll, weil sie die Gefahr in sich birgt, daß auch die Früchte des vom Kongreß genehmigten Abkommens, welches Prof. W e i zin a n n mit Louis M a r s h a 11 abgeschlossen hat, nicht geerntet werden können. Das aber wäre um so notwendiger, als die gegenwärtige wirtschaftliche Lage Palästinas und die finanzielle Lage der zionistischen Weltorganisation als trostlos bezeichnet werden muß. Die schwere wirtschaftliche Krise in Palästina, welche durch das Erdbeben noch verschärft wurde, das Riesendefizit von 151.000 Pfund, welches die zionistische Organisation aufweist, die Abnahme der Einwanderung und zunehmende Rückwanderung, all dies schuf eine Atmosphäre des Pessimismus und Skeptizismus, welche wie ein Alpdruck auf dem Kongreß lastete. Während der letzte Kongreß, welcher eine Periode blühendster Aufbautätigkeit und zunehmender Immigration abschloß, ungeachtet der bedauerlichen Vorfälle, welche sich in Wien zur Zeit seiner Abhaltung abspielten, eine gewisse Festigkeit und Ent- und kühn, zu behaupten, wir haben nicht gesündigt, sind gerecht . . . .", was ohne Zweifel sagen will, daß etwas leugnen, was offensichtlich ist, etwas behaupten, dessen Gegenteil jedem bekannt ist, heißt „asus ponim". Diesem hebräischen Worte entspräche nun das aus dem Aramäischen stammende zweite Wort Chuzpa, das im nachbiblischen Sprachgebrauche des ersteren Uebersetzung sei. Trotzdem aber hat die volkstümliche Redeweise einen Unterschied zwischen beiden gemacht, wendet Chuzpa an, wo sie noch uicht von Asus ponim spricht. Mit anderen Worten: Chuzpa stellt eine andere Art Frechheit dar als Asus ponim. Hat diese den Mut, Gesetze zu leugnen, Gebote zu übertreten und schamlos sich gegen die Ordnung zu vergehen, so hat jene, die Chuzpa, diesen Mut nicht. Sie verlacht, verspottet, verhöhnt Gesetz und Recht, setzt sich über vieles, was passend und schicklich wäre, hinweg, aber nur insoweit, als sie mit dem Gesetze nicht in offenen Konflikt kommt. Sie geht nur — bis zur Polizeigrenze. Darum aber ist man gegen sie machtlos. Sie tut. was sie nicht soll, spricht, was sie verschweigen müßte, blickt und schaut, wie es Bescheidenheit und Demut nicht tut. aber sie wird nicht straffällig. Man kann sie nicht billigen, aber noch nicht verurteilen. Sie ist es, die, wie die Alten sagen, sogar gegen Gott auftritt und etwas erreicht, ist die „Macht, die zwar kerne Krone trägt", mit der man aber nicht fertig werden kann. Als einst Ben Asai und R. Akiba im Lehrhause disputierten, rief jener diesem zu: „Wie weit willst du dein Asus ponim gegen deinen Lehrer treiben?" R. Akiba erwiderte: „Thora ist es und lernen muß ich!" Ob ib>3 KUNERQL Verbürgt reines Feit atts Kokos* nässen. Die Kokosnüsse werden bei der Knnerolwerke A. G., Wien« Atzgersdorf, gepreßt und die Er» zeugung steht bis zur Verpackung des fertigen Fettes unier strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. Kunerol kann daher von jedem Streng* gläubigen ohne Bedenken zur Zubereit» tung der Speisen verwendet werden. schlossenheit nicht vermissen ließ und auch die Reden, welche auf ihm gehalten wurden, Zuversicht und Optimismus atmeten, machte sich auf dem letzten Kongreß ein gewisser Fatalismus bemerkbar, ein Aufdämmen der Erkenntnis um den wahren Stand des Palätsinawerkes. Man sah der Zukunft nicht mehr so hoffnungsfreudig entgegen wie ehemals und Asus ponim Recht hat oder nicht, ob es gutem oder ungutem Zwecke dient, den Mut der Ueberzeugung kann man ihm nicht abstreiten. Nicht so die Chuzpa! Sie ist die stille, überzeugungslose Frechheit, die sich vordrängt, aber wieder bescheiden wird, die nicht den Mut hat das zu sein, was sre eigentlich sein möchte: Frechheit! Als einst ein junger Gelehrter ohne Kopfbedeckung lernte, so wird im Talmud erzählt, rief ein älterer aus: „Welch' ein Chozjph ist doch dieser!" Hier war nicht eine Ueberzeugung, die einer ganzen Welt trotzen wollte, die wagte, um sich durchzusetzen, sondern lediglich die Sucht, etwas zu tun, was andere ärgert und abstößt. Die Meinung des Volkes las die Uebersetzung des „as ponim" mit „chaziphin" vielleicht gar nicht, hat in der Chuzpa keine Todsünde und keinen großen Fluch gesehen, hat milder, nachsichtiger die Unart mehr beurteilt als verurteilt, vielleicht gerade deshalb, weil sie die Sünde, das Vergehen wirklich nicht wagt noch begeht, sondern eine letzte Schranke und Grenze sich selber zieht und einhält. Darum ist auch „Frechheit" nicht der richtige Ausdruck, können auch Fremdwörter wie Arroganz und Impertinenz nicht wiedergeben, was mit dem Worte „Chuzpa" gemeint ist. Man ärgert sich über sie und kann sie nicht verfluchen, man mag sie nicht und kann sie trotzdem nicht mit tödlichem Hasse verfolgen. Sie ist nicht so schlecht, wie sie sich gibt, ist nicht so gefährlich, wie sie droht, ist nicht der Gegner, der alles zu Boden tritt und niemand und nichts schont — sie ist nicht Asus ponim, sondern eben nur Chuzpa, die vielleicht wehtut, aber doch nicht verwundet