Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 38 (16.9.1927)
- Date
- 1927-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 «IBfii^ DIE WAHRHEIT dieses aktive Interesse betont und lediglich einige noch zu erfüllende Wünsche aufzählt. Die tatsächlich gefaßte Resolution stellt jedoch unter anderem fest, „daß die Tätigkeit der P a lä st i n a ver w a 1tung in ihrem passiven Verhalten zum Jischuw und zu den Leistungen des jüdischen Volkes weder dem Geist, noch den besonderen Bestimmungen des Mandates entspricht." Die Annahme dieser Resolution, die sich in solcher Schärfe gegen die englische Mandatspolitik richtet, ist natürlich auch der Ausdruck des schärfsten Mißtrauens für Prof. Weizmann, dessen englandfreundliche Haltung eben noch von der politischen Kommission gebilligt worden war, und auch die Wiederwahl Weizmanns kann den Eindruck nicht verwischen, welche diese im Plenum des Kongresses gefaßte Resolution machen muß. Es scheint fast, als ob man Prof. Weizmann nur in Anbetracht seiner großen Verdienste um den Zionismus und der guten Beziehungen, welche er zur Mandatarmacht besitzt und die man auch weiter aufrechtzuerhalten wünscht, wiedergewählt, ihm jedoch im Gegensatz zur bisherigen Gepflogenheit ganz bestimmte Richtlinien und Instruktionen zu geben für notwendig befunden hat. Dieser Plan, zwar mit Weizmann, aber doch in gewisser Beziehung gegen Weizmann weiterzuarbeiten — fortwursteln würde man wohl besser sagen — scheint auch einer Resolution zugrundegelegen zu sein, welche in der politischen Kommission vom amerikanischen Delegierten Tjulin eingebracht und von Stephan Wise, dem bekannten amerikanischen Zionistenführer und Reformrabbiner, welcher jenseits des Ozeans viele Anhänger besitzt, auf das wärmste unterstützt wurde. Diese Resolution forderte nämlich nichts weniger als die Einsetzung einer Sonderkommission, „die über die fundamentalen Beziehungen zwischen der Mandatarmacht und dem jüdischen Na- §\■ jsjfo^ Asus ponim und Chuzpa. Von Dr. V. Kurrein. Ein Volk frechen Angesiebte', das das Ansehen des Greises nicht achtet und mit dem Knaben kein Erbarmen bat. V, 28, 50 Für den Begriff „Frechheit" sind im hebräischen Sprachgebrauche zwei Ausdrücke geläufig, die in die Redeweise und Umgangssprache des Alltags eingedrungen sind und sich heimisch gemacht haben. Der eine ist Asus ponim, der andere Chuzpa. Jener bedeutet ein Angesicht, das Scham und Bescheidenheit nacht kennt, sich gegen jedermann kühn erhebt, aber für diesen Mut nur selten eine äußere oder innere Berechtigung aufzuweisen hat. In dem Fluche, der dem ungehorsamen Volke angedroht wird, steht geschrieben: „Gott wird über dich bringen .... ein Volk frechen Angesichtes, das das Ansehen des Greises nicht achtet und mit dem Knaben kein Erbarmen hat", und schon die alten Uebersetzer geben an dieser Stelle das Wort „as ponim" mit „chaziphin" wieder. „Ein Volk frechen Angesichtes" ist ein Gegner, den man furchten muß — nicht wegen seiner Macht und Stärke, auch nicht wegen seiner Härte und Grausamkeit, sondern eben wegen asus ponim, wegen des frechen Angesichtes, das weder für Hohe und Alte noch für Niedrige und Junge etwas Rücksicht übrig hat und Schranken und Hemtionalheim, ebenso über die adäquate Tätigkeit der Palästina-Regierung zu wachen hätte. DieKommission solle dieBefugnis haben, unter Führung von Dr. Weizmann direkt mit den Regierungen zu verhande In." Dr. Weizmann erklärte, für die Exekutive sei eine solche Kommission nicht tragbar, sie werde einen Beschluß, sie zu schaffen, als ein Mißtrauensvotum auffassen. Charles Cohen erklärte im Namen der amerikanischen Delegation den Vorschlag von Wise und Tjulin als nicht annehmbar; die Antragsteller repräsentieren nicht die amerikanische Delegation. Stephan Wise erklärte, er sehe in der Mitteilung Cohens eine Desavouierung und ziehe die Konsequenzen. Er legte den Vorsitz in der Kommission sowie sein Kongreßmandat nieder. Auch Tjulin legte sein Mandat in der politischen Kommission nieder und behielt sich die Niederlegung seines Kongreßmandates vor. Nachdem dies geschehen war, nahm die amerikanische Delegation in einer Sondersitzung zur Resignation Stephan Wises Stellung und erklärte, daß Charles Cohen nicht die Vollmacht gehabt habe, Dr. Wise zu desavouieren. Stephan Wise, der inzwischen bereits aus Basel abgereist war, wurde auf telegraphischem Wege ersucht, zum Kongreß zurückzukehren, hat jedoch dieses Ersuchen negativ beantwortet und sich über Paris nach Amerika zurückbegeben. Haben also die amerikanischen Delegierten Wise und Tjulin, als sie dem Wunsche nach Schaffung einer Art Kontrollkommission über die Exekutive Ausdruck verliehen, im Sinne der Mehrheit der amerikanischen Zionisten gehandelt oder nicht? Diese Frage, um deren klare und deutliche Beantwortung man sich offenbar herumzudrücken bestrebt ist, ist mit Rücksicht auf die moralische und materielle Stellung der amerikanischen Judenheit gewiß nicht ohne Bedeutung, zumal sich hinter dem von den zwei amerikanischen Delegierten geäußerten Wunsche nach einer „Ueberwachung mungen, wie sie Menschen von Erziehung und Bildung besitzen, überhaupt nicht kennt. Den inneren Sinn von Asus ponim gibt am besten ein alter Midrasch wieder, der sich gelegentlich der Erklärung der zehn Gebote findet. „Wer frechen Angesichtes ist, dessen Ahnen sind nicht am Berge Sinai gestanden." Er kennt kein göttliches, kein menschliches, kein geschriebenes und ungeschriebenes Gesetz. Wen aber Eltern, die im Gehorsam gegen Gesetz und Recht leben, auch mit solchem Einfluß aufziehen, kann sich gegen berechtigte Schranken nie völlig auflehnen. Darum haben die Alten den „Asus ponim" dem Roscho, dem Frevler, der die Gasetze verachtet, gleichgestellt, betrachten ihn als dem Gehinnom verfallen, das heißt, als einen Schädling der Gesellschaft, der für die Veredlung der Menschheit wertlos ist und den zu hassen sogar erlaubt ist Ein Kampf mit einem Gegner, der Gesetze und Rechte respektiert — mag er gut oder schlecht ausgehen — ist kein großes Unglück, weil man selbst in der Niederlage und im Verluste mit der Beobachtung dessen, was recht und billig ist, rechnen darf. Ein Unheil, das gar wohl im Fluche stehen kann und gut hineinpaßt, ist ein Kampf mit „dem Volke frechen Angesichtes", weil dessen Zügellosigkeit jede Schranke niedertritt, dessen Unbildung vor nichts zurückschreckt. Schon das biblische Schrifttum kennt das „Asus ponim" nicht nur als Untugend, sondern weit mehr als Laster schlimmster Sorte, aber auch das spätere Schrifttum ist in der Verurteilung desselben durchaus nicht milder geworden und hat sogar in das Sündenbekenntnis des Versöhnungstages die „Schuld der frechen Stirne" aufgenommen. Amvielsagendsten ist doch wohl jener Satz, den die Synagoge in das Bußgebet hineingestellt hat: „Denn wir sind ase ponim, frech