Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 38 (16.9.1927)
- Date
- 1927-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064336--15695-3088495- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
äradkeintf Jeden dfreltog Shteis diese* Stummer: £# $f0SiiMI D/E WAHRHEIT CJesferreicfiiscfie Wocfaenscfkrift für jfidjsdke JTnferesseii "UeTÖffentticfiim&en der „Union deufscfiösterr. Juden" Redaktion und Administration: 'Wien II., JVeiviesfra/ie DHC*. 13 Fernruf 43-2-16 - XLIII. Jahrgang Wien, 16. September 1927 Nanntet 38 Rüdeblick auf den 15. Zionistenkongreß. Verfahren und verworren wie die ganze zionistische Politik der letzten zwei Jahre war auch der Kongreß, welcher gewissermaßen den Abschluß und die Krönung der zionistischen Arbeit der letzten zwei Jahre bilden sollte. Dieser 15. Kongreß gewann jedoch noch eine über den formalen Rahmen hinausgehende Bedeutung dadurch, daß er ein Jubiläumskongreß war. 30 Jahre sind es nämlich, seitdem in Basel, das auch diesmal zum Tagungsort gewählt . worden war, der erste Zionistenkongreß zusammengetreten ist. Der 15. Kongreß war also auch dazu berufen gewesen, ein eindrucksvolles Bild der zionistischen Arbeit eines Menschenalters zu geben und die erhabenen Gedanken, die hohen Ideale der Gründer des Zionismus, den Geist eines Theodor H e r z 1, eines Max Nordau wiederzuspiegeln. Doch was mußte der unbefangene Beobachter statt dessen erkennen? Ein endloses Gerede und Gefeilsche, der vergebliche Versuch der einzelnen Fraktionen und Fraktionellen, durch Kulissenpolitik und verschiedene Quertreibereien die eigene Stellung in- und außerhalb des Zionismus zu bestätigen, mit einem Wort Parlamentarismus in seiner schlechtesten Form. Ja es scheint fast, als ob die ebenso inhaltslosen als langdauernden Reden, welche im Plenum gehalten wurden, nur dazu dagewesen wären, die Ungeduld des Publikums über die nichtendenwollenden Beratungen in den Ausschüssen und Kommissionen ein wenig zu mildern und den Eindruck eines kontinuierlichen und geregelten Verlaufes des Kongresses nach außenhin zu erwecken. In Wirklichkeit war jedoch das gerade Gegenteil der Fall. Mag dies nun in einer mangelhaften Vorbereitung des Kongresses, einem schlechten Funktionieren des Kongreßapparates oder in einer vollkommenen Ueberrumpelung der Kongreßleitung durch die sich überstürzenden Ereignisse und unvorhergesehenen Komplikationen seinen Grund haben, Tatsache ist es, daß das Bild der Verworrenheit und Zerfahrenheit schwerlich mehr übertroffen werden kann. Es ist daher bei all den sich gegenseitig widersprechenden Resolutionen, die auf dem Kongreß gefaßt wurden, bei der diametralen Verschiedenheit der Beschlüsse, welche im Plenum und in den verschiedenen Ausschüssen zustande kamen, vorläufig nicht möglich, aus den Berichten über den Kongreß Antwort auf jene brennende Frage zu schöpfen, welche wir, wie wir dies in unserem Ausblick auf den Kongreß hervorgehoben haben, aus dem Verlauf und den Ergebnissen des Kongresses ziehen zu können hofften, jene Frage nämlich, welchen Weg der Zionismus künftighin einzuschlagen gedenkt. In formaler Beziehung bleibt wohl die Kontinuität dadurch gewährleistet, daß die bisherigen Präsidenten Prof. Dr. Chaim W e i z m a n n und Nahum Sokolow mit großer Mehrheit wiedergewählt wurden; doch die Widerstände, welche Weizmann in vielen zionistischen Kreisen fand, die zwar zahlenmäßig nicht allzu starken, dennoch aber nicht zu unterschätzenden entschiedenen Gegner seiner Politik, die scharfen und mit großer Erbitterung ausgetragenen Gegensätze innerhalb des Zionismus, welche diesem Kongreß mehr als allen seinen Vorgängern den Stempel aufdrückten, all dies macht es sehr wahrscheinlich, daß die bisherige Richtung der zionistischen Politik nicht unverändert wird beibehalten werden können. Das Gundproblem des Zionismus bildet nach wie vor das Verhältnis Palästinas zu seiner Mandatarmacht. Daß dieses Verhältnis, das ja das Fundament des Wiederaufbaues darstellt, noch heute so und so viele Jahre nach der Verkündigung der Balfour-Deklaration als Problem bezeichnet werden muß, gerade das macht den Wiederaufbau des heiligen Landes so problematisch. Denn wie sollen die materiellen Bedingungen des Wiederaufbaues gefunden werden, wenn dessen juristische Voraussetzungen noch nicht einmal gegeben sind? Prof. Weizmann ist bekanntlich der Exponent der englandfreundlichen Palästinapolitik; er, der englische Jude, der auch als Zionist noch ein getreuer Bürger seines Landes und englischer Patriot ist, kann gar nicht anders, als in dem britischen Weltreich den Staat zu sehen, welcher der große Beschützer der zionistischen Aufbauarbeit ist, und zweifelt nicht an dem aufrichtigen Willen der Mandatarmacht, ihre Pflichten gegenüber dem ihrem Schutze überantworteten Lande voll und ganz zu erfüllen. In Weizmanns politischem Referat findet sich an hervorragender Stelle der ausdrückliche Wunsch, „daß von der Tribüne des Kongresses unterstrichen wird, daß die Palästinaregierung einen aktiveren Anteil am Aufbau des jüdischen Nationalheims genommen habe". Es war auch bereits eine in diesem Sinne gehaltene Resolution vorgearbeitet worden, welche dem Plenum zur Annahme vorgelegt werden sollte und die