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Die Wahrheit · 1927-09-09 · Heft 37 (9.9.1927) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 37 (9.9.1927)
Date
1927-09-09
Page
– (sequence 13)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Mi ■ Seite i3 und höchste Sinnlosigkeit des Antisemitismus bezeichnet." Aus der Umgebung Henry Fords'wird versichert, daß Ford Verfügung getroffen hat, daß sämtliche Ausgaben seines Buches „Der internationale Jude" in allen Sprachen und Ländern aus dem Buchhandel gezogen und die Exemplare vernichtet werden sollen. Diese Verfügung hat Ford getroffen, als ihm mitgeteilt wurde, daß der Herausgeber des „Internationalen Juden" in Deutschland, der Leipziger Antisemit Theodor Fritsch, erklärt hat, den Pressemeldungen über Fords Abkehr vom Antisemitismus keinen Glauben schenken zu wollen, solange Henry Ford sein Werk „Der internationale Jude" nicht aus dem Buchhandel gezogen hat. Die verweigerte Antwort. Vor kurzem fand vor der Strafkammer des Landgerichts Nürnberg die ßerufungsverhandlung in dem Beleidungsprozeß des Landtagsabgeordneten Geh. Justizrat Grafen Pestalozza gegen den Redakteur des „Stürmer", Karl Holz, statt. Im April 1926 war im „Stürmer" gegen den Grafen Pestalozza der verleumderische Vorwurf erhoben worden, er habe sich schwere sittliche Verfehlungen zuschulden kommen lassen. Der Angeklagte Holz war der Verfasser dieses Artikels. Die vollständige Unwahrheit dieser Vorwürfe hatte sich bereits in der Verhandlung vor dem Amtsgericht herausgestellt, worauf Holz zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten verurteilt wurde. Gegen das Urteil hatten beide Parteien Berufung eingelegt. Auch in der Berufungsverhandlung konnte Holz keinerlei Beweis für die Behauptung des „Stürmer" erbringen, trotzdem wurde sonderbarerweise die gegen Holz vom Erstrichter verhängte Strafe von drei Monaten Gefängnis auf drei Wochen Gefängnis herabgesetzt Im übrigen wurden beide Berufungen verworfen. Bei dieser Gelegenheit kam es in der Verhandlung vor der Strafkammer zu einem erregten Zwischenfall. Der als Zeuge geladene berüchtigte Nationalsozialist Streicher erklärte nämlich bei seiner Vernehmung, daß er zwar dem Vorsitzenden und dem Privatkläger, aber nicht dessen jüdischem Anwalt antworten werde. Als darauf der Anwalt des Privatklägers mehrere sachliche Fragen stellte und Streicher die Antwort verweigerte, beantragte ersterer die Bestrafung Streichers, da es für diesen keine eigene Strafprozeßordnung geben würde. Unverständlicherweise lehnte aber das Gericht die Bestrafung Streichers ab mit der sonderbaren Begründung, daß „keine Zeugnisverweigerung vorliege, weil Streicher dem Gericht selbst Antwort zu geben bereit sei". Diese Anschauung des Nürnberger Landgerichts ist unbedingt falsch. Nach § 178 des Gerichtsverfassungsgesetzes wäre hier eine Strafe wegen „Ungebühr vor Gericht" auszusprechen gewesen. Wohin wird es führen, wenn jeder Antisemit das Recht hätte, jüdischen Anwälten oder Richtern in öffentlichen Gerichtsverhandlungen die Antwort zu verweigern? i Wilhelms II. Jerusalemer Besuch. Die vor kurzem erschienenen Memoi'ren von E s t e 11 e B1 y t h, der Tochter des verstorbenen Bischofs Blyth, der 27 Jahre lang die Bischofswürde in Jerusalem bekleidet hatte, enthalten eine Reminiszenz an den Besuch des Exkaisers Wilhelm II. in Jerusalem. Miß Blyth erzählt: Der Kaiser richtete seine großen blauen Augen auf meinen Vater und fragte: „Glauben Sie an eine Zukunft der Juden?" Mein Vater erwiderte, er glaube bestimmt an die Zukunft der Juden. Da sagte der Kaiser scharf: „Ich stimme mit Ihnen durchaus nicht überein. Was kann es für eine Zukunft geben für ein Volk, das unseren Heiland ans Kreuz schlug? Gar keine Zukunft kann es für ein solches Volk geben!" „In meinem Lande," fuhr der Kaiser fort, „haben die Juden das Geld, aber sie haben nicht die gleiche Position, wie sie bei euch haben." (ftkeater. JCunst u. Xitexatur Roma Israelitica. Wanderungen eines Juden durch die Kunststätten Roms. Von Ermaus Loevinson, Frankfurt a. M., 1927. Es ist etwas Natürliches, daß der Jude, im kunstreichen Rom angelangt, nicht dem Beispiele jenes nichtjüdischen Schnorrers (auch die Nichtjuden haben Schnorrer) folgen kann, der den Rabbi um Unterstützung seitens der Gemeinde anging und auf die Frage, ob er wirklich Jude sei und die Miläh habe, rasch antwortete: Freilich, nur habe ich sie am Bahnhof mit meinem Handgepäck zurückgelassen. Der Jude kann und soll eben sein jüdisches Wesen nicht am Bahnhof zur Aufbewahrung zurücklassen: Nirgends ist das „Alte V o 1 k" und das „Alte Testament" so wenig überlebt, wie in der kunstreichen ewigen Stadt. Man muß nur Augen haben, um zu sehen. Zum Verständnis dieser Tatsache wird Loevinson's Buch viel beitragen. Es lehrt den jüdischen Leser in der ewigen Stadt den ewigen Juden zu suchen und zu finden. Z. Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene, Drei- Masken-Verlag, München. Eine recht große Zahl unserer modernen Literaten büdet sich so unendlich viel darauf ein, „objektiv" zu sein Nicht jeder hat das Recht dazu, man muß die Zeit, die Menschen, sich selbst, so ohne Maske, so ohne Schonung zeichnen können, und wollen wie Oskar Maria Graf, um berechtigt zu sein, sedn Buch „Bekenntnisse aus diesem Jahrzehnt" nennen zu dürfen. Dieses Buch lebt, es wächst vom autobiographischen zum Volksbekenntnis, von einer Zeitskizze zum Kulturdokument. Durch die ungekünstelte Sprache so voll von Naivität und bayerischer Schwere und Gelassenheit, die dem Ganzen etwas Gewinnendes unaufdringliches gibt, sickert das Blut der bayerischen Revolution 1916, stöhnt die gepeinigte Kreatur. Nichts als Peitsche sein ganzes Leben lang, die Kindheit, die Lehrzeit, die Wanderjahre, ein grausames Geschick, der Krieg. Und dann die Revolution. Graf sah die Schattenseiten der Revolution, er sah, daß sie ein Flackern und kein Brand war, für ihn waren die Schlagworte und Phrasen nichts anderes als wieder nur Peitsche, er fühlte- und litt und verstand es zu schildern. Mit ganzer Wucht treffen ihn die Greuel des Krieges und der Revolution, rings um ihn ist Grausamkeit und Vernichtung und doch sind seine letzten Worte „ich liebe Dich, ich liebe Dich unendlich . . ." gerichtet an die Frau, die er liebt, an die er glaubt. Ueber den Gräbern der unschuldigen Toten, der Opfer der weißen Truppen in der Münchner Revolution 1918 steht als würdiger Grabstein dieses Buch, geschrieben von einem Menschen, der „die Gefangenen'4 liebt, weil er mit ihnen fühlt, zu ihnen gehört Dr. Hans Kronengold. Rückblicke und Ausblicke von Oskar Rühle, Theologischer Verlag von J. C. B. M o h r (Paul Siebeck), Tübingen 1926. Die Arbeit dieses Verlages, die sich für vier Jahrzehnte an die Persönlichkeit des Dr. Paul Siebeck knüpft, kann weite jüdische Kreise interessieren, wiewohl der Verlag ein weites Arbeitsfeld, das sich auch über das N. T. erstreckt, hat und seine Einstellung zur liberalen Theologie offen bekennt. Die Bearbeitung der biblischen Bücher von jüdischer Seite erfolgt immer noch in so geringem Umfange, daß man gezwungen ist, zu den Werken der nichtjüdischen Forscher zu greifen. Da sind es nicht die unbedeutendsten, deren Arbeiten in dem genannten Verlage erschienen sind. Ich darf bei der Auswahl, die ich nenne, chronologisch vorgehen. In der großen Sammlung theologischer Lehrbücher ist Stades „Alttestamentliche Theologie" und Cornills „Alttestamentliche Einleitung" zu finden. Benzinger, „Hebräische Archäologie", die neuerdings schon durch jüdische ähnliche Arbeiten abgelöst werden kann und dennoch zur Zeit in dritter Auflage herauskommt, erschien hier zuerst 1893. Martis „Kurzer Handkommentar zum HgBELFABRjMK S1GM. WIEN, 2. BEZ., PRA TERSTRASSE NR. 30 Reiche Auswahl solid Bearbeiteter FERNSPRECH-NUM MER 45-1-91 PPENHEIM Möbel zu billigsten Preisen

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