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Die Wahrheit · 1927-09-09 · Heft 37 (9.9.1927) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 37 (9.9.1927)
Date
1927-09-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 iHiMiM Wir hatten gefragt: Befindet sich ein Jude darunter? Und prompt kommt die Antwort der Wiener Juden: sogar drei! Gott der Gerechte, jawohl, wir geben euch recht, es wurde wegen der drei Juden kein Gezeter erhoben über ein Pogrom. Es waren halt doch zu viel Deutsche tot auf dem Master Wiens gelegen. Das heißt doch wohl, der Schamlosigkeit die Krone aufsetzen. Getreu dem Beispiel hakenkreuzlerischer Grabschänder wird hier mit Toten Schindluder setrieben. Sogar nach dem Prozentsatz wird „geurteilt", wo doch angesichts der Majestät des Todes, der furchtbare Ernte gehalten -hat, jede mathematische Berechnung wegfallen sollte. Dabei hat die Kultusgemeinde ausdrücklich betont, daß sie diese drei Toten „insbesondere*' durch ihre Friedhofverwaltung festgestellt habe, andere wurden ja eingeäschert, und was die Frage nach den jüdischen Verwundeten anbelangt, so ist deren Zahl nachweislich eine sehr große gewesen, erreicht vielleicht gar den famosen „Prozentsatz", der das Um und Auf aller völkisch Gesinnten zu sein scheint. Noch eine Frage stellen diese Herrschaften: Auf welcher Seite sind die drei Juden gestanden? Gegenfrage: Wo standen die anderen? Doch auch auf Seite der Meuterer, mit denen gegangen zu sein, ein Verbrechen in den Augen der Hakenkrcuzler ist. Da haben sie wohl nicht Unrecht. Aber warum anerkennen sie dann wieder nicht, daß nur so wenige Juden mit dem Mob rebellierten und dort erschossen wurden? Sicherlich ist noch eine Todesursache möglich: die unschuldige Tötung. Und gerade einer der „wenigen" Juden dürfte ihr zum Opfer gefallen sein. Anläßlich der Unruhen nämlich wurde — wie bekannt — auch der 32jährige Juwelier Artur K r e ii s k y bei einer Schießerei auf der Mariahilferstraße duch Gewehrschüsse getötet. Die Mutter Kreiskys hat nun durch die Kanzlei Doktor Preßburger bei der Staatsanwaltschaft eine Strafanzeige gegen unbekannte Täter wegen Verbrechens des Mordes, bzw. der fahrlässigen Tötung Artur Kreiskys einbringen lassen. Die Strafanzeige schildert ausführlich, wie Kreisky. der einen Geschäftsweg machen wollte, bei der Rahlstiege von Schüssen aus den Karabinern der Polizei getroffen wurde und verlangt von der Staatsanwaltschaft die Einleitung eines Verfahrens gegen vorläufig unbekannte Täter. Weäters wird daran gedacht, gegen den Fiskus der Republik Oesterreich S c h a d e n le r.s a t z a n:fc p r ü c h e geltend zu machen, da der Bund für die fahrlässige Tötung, die durch seine Organe begangen wurde, haftbar sei. Dieser Prozeß wird sicher sehr interessant werden und seht Urteil manches Lioht in das Dunkel des Bkitfieitags werfen, ein helleres, als es die jüngsten Unruhe-Prozesse vermocht haben. Aber das Urteil über die „Nymphenburger Zeitung'', die nach ihrem sonstigen Inhalt zu schließen, klerikaler Tendenz ist, steht schon heute fest: Die wahre (christliche) Liebe ist das nicht. Oskar Hirschfeld. Ludwig Holländer, der verdienstvolle Direktor des „Centrai-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", hat der „Union deutschösterreichischer Juden" (Präsident Dr. Jakob 0 r n s t e i n), der Redaktion der „Wahrheit" (Chefredakteur Ludwig Hirschfeld) und dem Sekretär der „Union" und Schriftleiter der „Wahrheit" Oskar Hirschfeld auf deren Qratulationsbriefe anläßlich seines 50. Geburtstages folgendes innige Antwortschreiben zukommen lassen. „Innigsten Dank Ihnen, die Sie meiner zum 50. Geburtstag gedacht haben. In freundschaftlicher Gesinnung haben Sie zu der Herzensfreude beigetragen, die mir den 5. August unvergeßlich gestaltet hat. Meinen Dank kann ich nur dadurch abstatten, daß ich den Idealen meines Lebens mit aller Kraft zu dienen und meinen Freunden alle Zeit ein tatbereiter Freund zu sein bestrebt sein werde." Ludwig Holländer. HHiMM bi£ WAHlffiEif ^Wßämßimiten vom W^k^M Sacco und Vanzetti sind hingerichtet worden. Trotz des Inuten Weltprotestes, der von allen Kulturmenschen erhoben wurde. Vom Papste und Mussolini bis zu den Anarchisten ging die Empörung über das blutige Unrecht, das schon in der sieben Jahre langen Marter der aller Wahrscheinlichkeit nach unschuldig ■ Verurteilten lag. Warum aber der Lärm? Weil . . . Sacco ein Jude war. sagt der „Reichswart" des Herrn Grafen Reventlow. Dazu schreibt die Berliner „Vossische Zeitung": Zwischenrufe. Auf daß in der menschlichen Tragödie der beiden fanatischen italienischen Weltverbesserer Sacco und Vanzetti — „Tolstoi-Sozialisten" nannte sie die „Nation" — nicht der Bajazzo fehle, meldet sich unser völkischer Reichstagsabgeordneter Graf zu Reventlow. Sein Blatt, der „Reichswart", hat eine Entdeckung gemacht, und die „Deutsche Zeitung" beeilt sich, diese große Entdeckung wiederzugeben: Nicola Sacco ist Jude! Von „amerikanischer Seite ist diese Auskunft gegeben" worden. Sagt das Blatt. Und Bartolomeo Vanzetti? „Von Vanzetti weiß man nur, daß er katholischer Konfession ist, von Rasse ist er möglicherweise also ebenfalls Jude." Na also! Jetzt erklärt sich ja auch der ganze „Rummel!" „Jüdische Weltregie!" Daß wir anderen nicht schon längst darauf gekommen sind! Man muß eben zu den Völkischen gehen, um das Weltgeschehen ganz einfach und simpel erklärt zu bekommen. Menschen und Dinge sind gar nicht so kompliziert und rätselhaft: Man muß nur alles klar durchschauen. Nicht wahr, Graf Reventlow? * Eines nur ist bei der ganzen Sache sonderbar. Man hat uns doch immer gesagt dieser Dawes-Plan sei auch so ein Mittel der jüdischen Weltherrscher, um erst einmal Deutschland ganz zu knebeln. Nach „Auskunft von amerikanischer Seite" haben unsere Völkischen „festgestellt", daß Dawes selber Jude sei. Daß überhaupt gerade in Amerika die Juden die plutokratische Weltherrschaft bereits verwirklicht hätten. Zusammen mit den Freimaurern und Jesuiten. Und nun ist Charles Dawes ausgerechnet Vizepräsident von Amerika. Und Füller, der Gouverneur von Massachusetts, von dem einzig und allein Leben und Tod der Verurteilten abhängt, ist ein Freimaurer von höchsten Graden. Und Vanzetti — wenigstens doch Vanzetti — ist „katholischer Konfession". Und trotzdem diese jahrelange Tortur des „Juden" Sacco! Trotzdem die Quälerei des „Katholiken" Vanzetti! Trotzdem die fast sichere Hinrichtung der beiden! Und dann ganz allgemein: die plutokratischen Weltherrscher sind Juden, die fanatischen „Verbrecher", die diese Plutokratie bekämpfen, sind es auch! — „Ein Haus, das in sich selbst uneins ist . . .!" Erklärt uns, Graf Reventlow, diesen Zwiespalt der Natur . . .. —las. Henry Fords Bekehrung. Die C. V. - Z e i t u n g. veröffentlicht das folgende ihr zugekommene Schreiben Louis M a r s h a 11 s über die Aufnahme, die Henry Fords Absage an den Antisemitismus in Amerika gefunden hat: „Nichtjuden aller Lager und jeder religiösen Einstellung, besonders Geistliche jedes Glaubens, haben diesen Vorfall als Schritt zur Gesundung betrachtet, als geeignet, eine neue Zeit der Freundschaft und des guten Willens einzuleiten und das Ende von ungesunden Vorurteilen und Unduldsamkeit darzustellen. Glückwünsche kamen hierzu aus dem ganzen Lande. Die Haltung der amerikanischen Presse ist während dieser unschönen Zeit höchst anständig gewesen. Sie weigerte sich standhaft, die schamlosen Angriffe auf die Juden weiterzuverbreiten. Niemand ließ sich dazu verführen, diesen ungeheuren Verleumdungen den geringsten Glauben zu schenken, und nun da ihre Haltlosigkeit dargetan ist und Ford um Verzeihung gebeten hat, hat sie einstimmig die Juden als vollwertige Mitbürger anerkannt und die Darstellung Fords als einen Beweis für die Schlechtigkeit

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