Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 37 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064335--15687-3088486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 lllllfflllllilllllüllli DIE WAHRHEIl Deutschland erregen, schüttet in ihren Aufzeichnungen vollgefüllte Kübel von Lobeshymnen über das gekrönte Haupt ihres kaiserlichen Gatten. Man weiß* daß der Ex-Kaiser sich während seiner aktiven Regierungszeit eine beispiellose, von den erfolgreichsten Komödianten kaum je erreichte Reklame gesichert hatte, aber man staunt doch, daß sein Magen selbst die Unmassen von Verherrlichung verträgt, die die zärtliche Gattin ihm coram publico serviert. Wilhelm II. bricht nicht zusammen unter der Versicherung, daß er als ebenbürtiger Fachmann mit Politikern über Politik, mit Generälen über militärische Fragen diskutierte, daß er durch seine Geschichtskenntnisse die Historiker verblüffte, die katholischen Theologen durch sein Eindringen in die Lehren Roms beschämte, mit dem Großvesier über Allah und Gedanken über den Koran wechselte, die Archäologen durch seine Forschungen über die Ueberreste vergangener Kulturen verstummen machte, die Dichter und Künstler durch sein wegweisendes Verständnis für die Aufgaben der Zeit belehrte, die Ingenieure durch die Erklärung des kompliziertesten Mechanismus einer Maschine in Staunen setzte usw. usw. Ueberdies sei der Kaiser auch Meister der Feder und des Pinsels, er schriftstellere, komponiere und weiß Gott allein, was alles er noch könne. Die kaiserliche Gemahlin hat offenbar nicht bedacht, ihr Plädoyer könnte auch den Gedanken wecken, es sei unbillig gewesen, von einem so beispiellos vielseitigen Manne auch noch zu verlangen, daß er das Metier eines Kaisers verstehe. * # * Der deutsche Kronprinz weilte entzückt von den Reizen unserer Stadt unter dem Inkognito eines Grafen von Geldern mehrere Tage in Wien. Aber welche Ironie des Schicksals, ein Hohenzoller flüchtete sich, um sich hier ganz wohl zu fühlen, just unter dem Namen, der so aufdringlich lebhaft an Heinrich Heine erinnert, dessen Mutter aus der Familie von Geldern stammte. Selbst das Monument, das einst Kaiserin Elisabeth dem großen Dichter in Achilleion errichten ließ, war nicht vor der Rache geschützt, die der Vater des Kronprinzen Heinrich Heine geschworen. Wilhelm II. hat, als er Achilleion kaufte, selbst mit dem Monument des Dichters nicht in einem Hause weilen wollen und sein Kronprinz setzte sich, als er inkognito im Hotel Imperial wohnte, der Frage aus: „Verzeihen Sie, sind Sie auch verwandt mit der Familie Heine von Geldern? * # * General Luden dorff scheint die schmachvolle Erinnerung, daß er so lange an die Echtheit der Protokolle der Weisen von Zion geglaubt, die heute schon ziemlich allgemein als vertrottelte Fälschung gelten, um jeden Preis verlöschen zu wollen. Nach dem weisen Worte Goethes, der ruhig bekannte, daß er die Erinnerung an eine begangene Dummheit durch eine größere zu vertilgen pflegte, hat Ludendorff durch seine jüngst erschienene Broschüre über die Freimaurer einen ähnlichen Versuch unternommen. Wer wird nach der grenzenlosen Albernheit, die der General bei der Entlarvung der Geheimnisse der Freimaurer verrät, in der nächsten Zukunft von seiner Dummheit bei der Verherrlichung der „Weisen von Zion" sprechen? Wenn es immer wahr wäre, daß der Fluch der Lächerlichkeit tötet, dann wäre Ludendorff, der nach dem verlorenen Kriege, der Millionen Deutsche ins frühe Grab senkte, sein Leben so vorsichtig zu retten verstanden, bald nach dem Erscheinen seiner Broschüre ein toter Mann gewesen. Man darf dem Werke, das in der Behauptung gipfelt, die Freimaurerlogen verfolgen den Zweck, „künstliche Juden" zu züchten, nicht die Anerkennung versagen, daß es in dieser ernsten Zeit unsäglich belustigend wirkt, aber es ist schließlich doch beklemmend, daran denken zu müssen, daß ein Mann, der derlei Unsinn schmiert, in den entscheidenden Momenten für ein großes Reich das entscheidende Wort zu sprechen hatte. j. ... - # General Ludendorff klagt in einem Nachwort, das die Liste der offiziellen Stellen veröffentlicht, denen er seine Broschüre zur „Aeußerung" übersandte, daß man ihm nicht antworte. Man wolle offenbar sein Werk todschweigen. Ludendorff dürfte Gott danken, wenn dies wirklich vollständig gelungen wäre. Aber vorläufig merkt man nur das Todlachen dieses literarischen Erzeugnisses. Mögen aber die literarischen Feldzüge des Generals noch so elend ausfallen, sie wirken noch immer beglückend im Vergleich mit seinem kriegerischen Erfolg. Ueber den lacht man nicht, über den haben unzählige Witwen und Waisen blutige Tränen geweint. Ego. F' Zu Rosch - Haschonoh gratulieren Sie allen Ihren Verwandten, Freunden, Bekannten, Kunden und Gasten in der Neujahrsfestnummer der „WAHRHEIT" Sie ersparen damit Mühe. Porto und Zeitaufwand! Da im vorigen Jahre infolge verspäteten Einlangens viele Aufträge keinen Raum mehr Anden konnten, bitten wir, uns die geschätzten Aufträge schon jetzt zu erteilen. Muster : Anläßlich des Rosch-Haschonoh-Festes entbieten hier, mit ihren Verwandten und Freunden die herzlichsten Gifickwunsche (Einfaches Feld) Adalbert lln^dr XVIII., Ladenburggasse 26 Ausschneiden! An die Administration „DIE WAHRHEIT", Wien II., Heinestraße 13 Ich bestelle hiermit einen Rosch-Haschonoh-Glückwunsch a) Einfaches Feld zum Preise von S 6'— b) Doppelfeld zum Preise von S 12 — Name: Genaue Adresse: I«