Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 37 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 liilHlilM DIE WAHRHEIT geboren aus einer tiefen, aber irregeleiteten religiösen Sehnsucht in einem Milieu von Elend und Unwissenheit, trug riesig viel dazu bei, Elend und Unwissenheit zu vermehren, versenkte die Massen in tiefen Aberglauben, verbreitete eine quietistische Stimmung, Trägheit und Sorglosigkeit, stumpfte den Sinn für das reale Leben ab, brachte grobe körperliche Arbeit in Verruf. In diesem Zustand befanden sich die Juden des Ostens, als ihre glücklicheren Brüder im Westen in edlem Elan anfingen, sich mit ihrem Schicksal zu befassen. Das geschah wohl zum erstenmal anfangs der Zwanzigerjahre des 19. Jahrhunderts in der Schrift von David Friedländer ..Ueber die Verbesserung der Juden in Polen", die auf Bitten hervorragender, den Juden aufrichtig wohlgesinnter polnischer Staatsmänner verfaßt wurde. Obwohl diese Schrift keine allzu große Verbreitung fand, scheinen ihre Gedanken für die Wirksamkeit der Westjuden im Osten bis auf die neueste Zeit maßgebend geblieben zu sein, trotz der so gründlich veränderten Umstände und der gemachten Erfahrungen. Als David Friedländer schrieb, war in Preußen-Deutschland die Reaktion schon ausgebrochen und die Emanzipation von 1812 schon fast ganz rückgängig gemacht. Aber als Ideal und Sehnsucht war sie geblieben, sie galt in der Theorie als unwiderrufliche Forderung, ihr Geist schwebte über den Wassern, und man war überzeugt, daß sie über kurz oder lang voll verwirklicht werden würde. Im Osten war man noch weit, weit davon entfernt. Was dem westlichen Beobachter am stärksten und schmerzlichsten auffiel, war der Unterschied in der äußeren Erscheinung und der gesellschaftlichen Stellung der Ostjuden und der Westjuden. Das Bemühen ging nun seither dahin, den Ostjuden die Gleichberechtigung zu erkämpfen und sie zu zivilisieren. In begreiflichem und verzeihlichem Irrtum verwechselte man Ursache und Wirkung. Man übersah, daß die Lebensbedingungen und demnach auch die Lebensbedürfnisse der Westjuden von denen der Ostjuden grundverschieden waren. Diese wohnten in rückständigen Ländern, die durch lange Kriege und feindliche Invasionen verheert waren, jene in Ländern des kapitalistischen Aufschwunges. Das Jahr 1848, das für Mittel- und Westeuropa den Beginn der Beruhigung bedeutet, sah im Osten den Beginn politischer und kriegerischer Unruhen, die. mit kurzen Unterbrechungen, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus reichten. Im Osten war die primitive Frage der Bauernbefreiung kaum erst theoretisch in Angriff genommen worden, im Westen hatte die Revolution bereits eine neue staatliche Ordnung eingeführt oder angebahnt. Die Ostjuden bildeten kompakte, zusammengedrängte Volksmassen, unter denen das Massenelend mit seinen sämtlichen Begleiterscheinungen herrschte und die von der Massenpsychologie beherrscht wurden: im Westen bildeten die Juden durchwegs eine sehr dünn gesäte Gesellschaft: lauter wohlsituierter Mittelstand mit zahlreichen Gipfeln in die Plutokratie hinein und sehr wenigen Ausläufern nach unten. Was die Ostjuden brauchten, war ökonomische Gleichberechtigung, eine Ausrüstung für den wirtschaftlichen Kampf ums Dasein — man kämpfte, um ihnen politische Gleichberechtigung zu verschaffen. Sie brauchten Aufklärung, Weltwissen, Kenntnis von Technik und Handwerk, man brachte ihnen religiösen Freisinn. Abraham Geiger empfahl noch gegen Ende der Sechzigerjahre als das wirksamste Mittel gegen das Elend der rumänischen Juden das Studium seiner „Urschrift und Uebersetzungen der Bibel" als Quintessenz der neuesten Ergebnisse der Bibel- und Talmudkritik, und die Pariser Israeliten schickten nach Bukarest und Jassy elegante französische Prediger, die geistreiche Sermons hielten und den Gottesdienst modernisierten. Eine Schar von tüchtigen Industrielehrern und Handwerksmeistern hätte man hinsenden sollen, anstatt der freisinnigen Theologen, Lehrbücher iür den Zeichenunterricht, für Handfertigkeit und kaufmännische Buchhaltung hätten mehr genützt als die ganze Bibel- und Talmud- Kritik. Was den Juden am meisten nottat, war körperliche Ertüchtigung. Das Leben im Ghetto, die sitzende Lebensweise der meisten, der Chassidismus und das Elend hatten ihre Muskelkraft stark heruntergebracht, so daß sie zu größerer körperlicher Anstrengung unfähig geworden waren und rein physisch im Kampfe ums Dasein zurückstanden. Turnen und Leibesübungen hatten da eine größere Bedeutung für den Fortschritt als reformierter Gottesdienst. Jahrzehntelang kämpfte die Pariser A11 i a n c e einen schweren Kampf gegen die Regierung Rumäniens, um den dortigen Juden das Recht zu erstreiten, als Hausierer mit dem Warenkasten auf dem Rücken im Lande herumzuziehen und als Schankwirte in den Dörfern Spirituosen zu verschleißen. Warum fragte man sich nicht: sollen diese Juden es in alle Ewigkeit als den Gipfel ihres Glücks und ihrer Menschenrechte betrachten, auf rumänischem Boden als Hausierer und Schankwirte ihr Dasein zu fristen? Wäre es nicht vielleicht angezeigt, den Versuch zu macheu, wenigstens der nächsten Generation den Weg zu einem ehrenhafteren und nützlicheren Leben auf gefestigterem Boden zu erschließen? Ein Mann wie Salomon R e i n a c h, unzweifelhaft einer der hervorragendsten Geister und stärksten Köpfe unter der französischen Judenheit. schrieb einmal in einer Pariser jüdischen Zeitschrift einen Aufsatz, in welchem er den osteuropäischen Juden zur Linderung ihres Elends allen Ernstes den Ratschlag erteilte, sie sollten sich von dem' jüdischen Ritualgesetz befreien, wie es der Freisinn und die wissenschaftliche Kritik erfordere, und erstens Schweinefleisch zu essen anfangen, welches viel billiger sei, und zweitens den Sabbath abschaffen und an ihm wie an einem Wochentage arbeiten, wodurch ihre Revenuen sich um den siebenten Teil erhöhen würden! Diesen Artikel ließ Salomon Reinach in einer Sammlung von Essays wieder abdrucken. Zu derartigen kindischen Vorschlägen gelangte einer der erlauchtesten und verdienstvollsten jüdischen Männer in Paris, der als Vizepräsident der Alliance Israelite Universelle und der Jewish Colonization Association höchst verantwortliche Stellungen einnahm und in diesen Stellungen Bedeutendes für die Juden in den Ländern ihrer Not geleistet hat. (Salomon Reinach hat den Stiftungsakt der Jewish Colonization Association an erster Stelle unterzeichnet, und war übrigens unter türkischer Herrschaft dem jüdischen Nationalfonds bei den Bodenkäufen in hervorragender und selbstloser Weise behilflich.) Jeder Privatmann und alle großen und kleinen jüdischen Organisationen im Westen, die sich mit der Hebung der Ostjuden befaßten, waren in erster Reihe darauf bedacht, ihnen Schulen zu gründen. Schulen sind gewiß ein Segen, aber nur dann, wenn sie für das Leben vorbereiten. Das konnten für die Juden in Osteuropa nur solche Schulen tun, die die Judenknaben mit dem 12. oder 14. Lebensjahre aufnahmen und sie bis zur Reife ein nützliches Gewerbe lehrten, das ihnen ermöglicht hätte, sich in der Welt redlich fortzubringen. Für die Erziehung bis zum 12, oder 14. Lebenkjahre sorgte ausnahmslos schlecht und recht das Cheder. Die von den westeuropäischen Organisationen für die Ostjuden gegründeten Schulen, die das rückständige Cheder zu verdrängen strebten, brachten den Kindern ein bißchen Lesen und Schreiben in der Landessprache sowie Rechnen bei — was auch unter dem Regime des Cheder fast ausnahmslos durch Privatunterricht erreicht wurde — sodann die Anfangsgründe des Deutschen (oder des Französischen) und überließ die Schulentlassenen gerade im entscheidenden Alter von 12 bis 14 Jahren ihrem Schicksale. Der einzige Erfolg der Verdrängung des Cheders war also, daß die jüdischen Kinder ohne jegliche Kenntnis der „rückschrittlichen" jüdischen Gegenstände und der „rückschrittlichen" hebräischen Sprache heranwuchsen. Mit der Zeit wäre diese Generation reif geworden, die oben erwähnten Ratschläge Salcmon Reinachs zu befolgen. Vor etwa 20 Jahren beklagte sich Nahutn Sokolow bei dem Generalsekretär der Pariser Alliance Mr. Jacques B i g a r t darüber, daß der Unterricht im Hebräischen in den Alliance-Schulen so wenig gepflegt würde, und erhielt die Antwort: „Nous ne voulons pas faire de ces jeunes filles des rabbins." Und diese Antwort gab ein Mann, welcher die damals größte jüdische Organisation mit höchster Gewissenhaftigkeit, Hingabe und unter großen persönlichen Opfern seit Jahrzehnten leitete! Jedermann stand nämlich unter der Herrschaft der Tradition, daß man den Ostjuden durch das Mittel der modernen Schule Befreiung von den ..veralteten Vorurteilen" bringen mußte. Alles andere überließ man dem „Fortschritt". Nur der Baron Moritz Hirsch befreite sich von dieser Tradition, und anfangs der Neunzigerjahre schuf er für die galizischcn Juden mit einem Kapital von 12 Millionen Franken eine Stiftung zwecks Errichtung von Handwerks- und Gewerbeschulen. Allein zum Unglück der galizischcn Juden wurden die Absichten dieses großen Realisten und genialen Verstehers des wirtschaftlichen JAC. MAYER Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II., GlOCkengaSSC 24 Tel. 48-4-79 FOr Kultusbeamte und VerefnsfunktlonSre gegen Legitimation 10% Nachlaß