Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 37 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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müssen, sobald wir an die großen Angelegenheiten des sozialen und politischen Lebens herantreten? Ob Herzenstakt, Großmut und Mitgefühl nur ins Haus gehören, während draußen grobes Fordern und starres Versagen, übermütige Selbstsucht und schleichende Intrigue sich tcostlos in alle Ewigkeit abwechseln? Oder ob nicht im tiefsten Herzen die Entzweiten und Verhetzten nach dem Ton der einfachsten Menschlichkeit schmachten, der den Bann der starren Selbstbehauptung löst und die Seelen aus der Verdammnis des Hasses zur Seligkeit gegenseitiger Hilfe erweckt? . . . Goethe sagt einmal: „Die Hausfrömmigkeit reicht heute nicht mehr aus. wir müssen den Begriff einer Weltfrömmigkeit fassen und all unsere redlich - menschlichen Gesinnungen in einen praktischen Bezug auf die ganze Menschheit setzen". In dieser Weltfrömmigkeit lebte und wirkte Jeanette Schwerin. Mit der ruhevollen Mutterhand über alle die erhitzten Stirnen zu fahren, die frömmste Zartheit der Frauenseele aus dem Frieden des Hauses eindringen zu lassen in das Öffentliche Leben und aus dieser Beseelung des Weltgetriebes auch eine höhere Sicherheit für die Weihe des Hauses zu schaffen — das war der Leitgedanke ihres Lebens und Wirkens . . . Der Geist, in dem sie die Armenpflege erneuern wollte, tritt am schönsten zutage in den Einleitungsworten, die sie dem Bericht über die Tätigkeit der. Auskunftsstelle mitgab: „Der Hilfesuchende sollte die Empfindung haben: hier kannst du einmal alles sagen, was dich bedrückt, man versteht dich, man wird dir zu helfen wissen. Das Gefühl der Verlassenheit, unter dem so viele Arme leiden, es sollte schon durch den freundlichen Zuspruch schwinden und ein Vertrauen gezeitigt werden, das die notwendige Grundlage in den Beziehungen zwischen Helfenden und Hilfesuchenden bildet. : Wenn der Tiefbedrückte klagt, Hilfe, Hoffnung sei versagt. Bleibe heilsam fort und fort Immer noch ein freundlich Wort." Wer sie einmal beobachtet hat, wie sie in der Armenpflege gegenüber der Unbeholfenheit der amtlichen Routine mit herzerfrischender Energie sagte: „So, nun laßt mich einmal machen!" — der wird mit froher Zuversicht auf die Zeit hoffen, wo die Frau weiter eindringt in die öffentliche Verwaltung und mit freundlicher Entschiedenheit beiseiteschiebt: „So. nun laß mich einmal machen!" Der tiefste Grund ihres Einflusses auf die Menschen kann wohl kaum schöner enthüllt werden, als es Hermann Grimm tut in einer Betrachtung über Savonarola, den gewaltigen Reformator, und Fra Angelico da Fiesole, den Maler, dessen selige Engelsgestalten im Kloster von San Marco noch heute jeden Beschauer fromm machen. Er sagt: „Ein heiliger Eifer für das Gute, Wahre. Große entflammte Savonarolas Herz —, aber daß ohne die Schönheit das Gute nicht gut, das Wahre nicht wahr, das Heilige selbst nicht heilig sei, "das entging ihm. Er vergaß, daß das, was die Meisten am meisten zwingt und bildet, nicht der bewußte Gehorsam, der heftig unterdrückte Hang zum Bösen ist, sondern, daß das unbewußte Aufnehmen eines freundlichen Beispiels, das leise Nachgeben, wenn das Gute und Schöne mit lockender Stimme redet, und das schmetterlingsartige Fortflattern, dem Göttlichen dennoch immer zugewandt, die Mächte eigentlich sind, die die Menschheit geheimnisvoll, aber sicher weiterführen. Und so haben Fiesoles stumme Bilder mehr getan als Savonarolas Donner, die beinahe spurlos verhallen."_ _ (Fortsetzung folgt.). ELISABETH - HNEM lilr Kriegswalsen, Lehrmädchen und Arbelferinnen Wien raulaetf «sse Mw. 9 Telephon 43-5-40 Privat rraocngewerbesfflnle für Welßnähen and Ifleidermadien mit öiienlllchheitsrecm 2 Jahrgänge Staatsgiltige Zeugnisse Samsiatf tfesdiloMen Extern S 25 — Intern S 105.— per Monat Sirentf rKueller Hauslaultf Ostjudenfrage und Westjudenfrage. Von Binjamin Segel. Die Judenfrage schlechthin hat in den letzten Jahren an Schärfe zugenommen. Doch trägt sie im Osten und im Westen verschiedenen Charakter. Der Gang der Geschichte hat bewirkt, daß die unmittelbar und am schmerzlichsten empfundene die Ostjudenfrage war und daß die Führung bei der Arbeit an deren Lösung in den Händen des Westjudentums ruhte. Es verlohnt sich, auf die bisherigen Versuche zur Lösung, der Ostjudenfrage einen Blick zu werfen. Als die Welle der Emanzipation, vom Westen gegen Osten sich ergießend, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ungefähr an den östlichen Gemarken des deutschen Kulturbereiches angelangt war, befanden sich die Juden in den von dieser Strömung noch nicht berührten östlichen Ländern wirtschaftlich und kulturell in einer bejammernswerten Läse. Nicht nur waren die Länder des Ostens gegenüber denen des Westens stark im Rückstand — die Juden in jenen Ländern waren gegenüber der nichtjüdischen Bevölkerung noch besonders im Nachteile. Jahrhundertc lang andauernde Zustände hatten sie in den Städten zusammengepfercht und dort auf wenige Berufszweige beschränkt. Die Rohstoffproduktion war ihnen völlig entzogen, und die Umwandlung von Rohstoffen in Gebrauchsgüter befand sich nur zu einem geringen und minderwertigen Teil in ihrer Hand. Ihre Funktion im wirtschaftlichen Organismus bestand fast ausschließlich in der Vermittlung des Güteraustausches, doch gab es nur äußerst wenige Großhändler unter ihnen, ihr Erbteil war im wesentlichen die Kleinkrämerei: in der Kreditvermittlung waren sie die Pfandleiher und die kleinen Wucherer, das Bankgeschäft ebenso wie der Großhandel ruhten in anderen Händen. Auf dem Gebiete des Handwerks war ein Teil des Lebensmittel- und ein viel größerer des Bekleidungsgewerbes ohne Pflege und Entwicklungsmöglichkeit. Auch das in urtümlichen Formen betriebene Transportwesen wurde von ihnen gehandhabt. Die geringen Bedürfnisse nach Erzeugnissen höherer Kunstfertigkeit und entwickelteren Gewerbefleißes befriedigte in jenen Ländern die Arbeit Westeuropas, wobei allerdings die Juden, aber nur zu einem geringen Teil die Importeure waren, oder aber Westeuropäer, Deutsche und Franzosen, die sich in Osteuropa angesiedelt hatten. Der Kulturzustand der Juden war niedrig. Die Landessprache war ihnen fremd, daher war ihnen selbst das Wenige, was in jenen Literaturen aufgehäuft war, unzugänglich. In ihrer juden-deutschen, oder wie man heute sagt, jiddischen Mundart hatten sie damals noch keine Bücher, die ihnen weltliche Kenntnisse und Wissenschaften vermitteln konnten: das Hebräische wurde nur von der geistigen Oberschicht beherrscht und umfaßte überdies nur Bücher über spekulative Theologie und Ritualien (die moderne hebräische Literatur war erst im Werden begriffet)). Der Chassidismus, KUNDMACHUNG De* Leopoldstädter Kranken-Unterstützungs-Verein „Nächstenliebe" Wien II., Gr. Stadtgutgasse 34, veranstaltet, wie in den Vorjahren, auch heuer im „Bayrischen Hof". Wien II., Taborstraße 39, anläßlich der hohen Feiertage einen weihevollen GOTTESDIENST unter Mitwirkung eines erstklassigen Mussaf- Kantors sowie des langjährigen bewährten Schacharis- Vorbeters, ferner eines ausgezeichneten Herren- Chores. Der Verkauf der Betsitzkarten erfolgt vom 11. bis 20. September d. J von 8 bis 12 Uhr vormittags und 2 bis 4 Uhr nachmittags in der Vereinskanzlei und ab 21. September d. J. von 8 bis 12 Uhr vormittags und 2 bis 5 Uhr nachmittas im Bethause „Bayrischer Hof". DER VEREINSVORSTAND.