Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 37 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHßHEÜ Verpflichtungen übernehmen und sich nur in dem begrenzten Rahmen des sehr großen Armenbudgets betätigen. Bevor eine Organisation der Wanderfürsorge durchgeführt werden soll, ist es unbedingt notwendig, nochmals darauf hinzuweisen, daß Wien nicht mehr das Wien der Vorkriegszeit ist und die früheren gutherzigen Spender in ihren Verwandten- und Bekanntenkreisen eine Anzahl verarmter Leute haben, denen sie vor allem helfen wollen. Immerhin hat der in Wien ständig wohnhafte Arme mehr Anrecht an die Kultusgemeinde als der Fremde und Durchreisende, der zu den Wiener Steuergeldern keinen Beitrag leistet. Unter den vielen Armenfällen, die durch das Präsidium der Kultusgemeinde im Wege des Wohltätigkeitsamtes oder der Jugendfürsorge Subventionen oder Aushilfen bewilligt erhalten, gibt es nebst den vielen notleidenden Instituten und Vereinen auch eine große Anzahl erwerbsunfähiger Menschen, die eine geringe Monatsgabe beziehen, gibt es Familien und Einzelpersonen, die längere Zeit krank und berufsunfähig sind, gibt es Familien, die durch Arbeitslosigkeit immer mehr verarmen. Diejenigen Damen und Herren, welche sich mit ausübender Armenfürsorge persönlich befassen und die Wünsche der Armen selbst anhören, wissen es, wie schwer es oft ist, diesen vielen, zeitweise unbescheidenen Anforderungen entsprechen zu können. In Deutschland, in welchem so viele jüdische Großgemeinden bestehen, ist eine Organisation durchzuführen, nur schwer in Oesterreich, welches nur wenige Gemeinden mit einem eigenen Armenbureau hat und wo oft nur Einzelpersonen das Amt der Armenbeteilung ausführen. Es gibt hauptsächlich zwei Kategorien, die bei Organisierung der Wanderfürsorge in Betracht kommen. 1. Die arbeitslos herumziehenden jungen Leute, die zumeist aus politischen Gründen ihre Heimat verlassen mußten und aus behördlichen Gründen sich in Wien nicht ansiedeln dürfen. Personen, welche nichts unversucht ließen, um da oder dort Arbeit zu finden und in Wien um Heimbeförderung bitten oder solche, welche in einem Wiener Spital waren und in ihre Heimat zurückkehren wollen, Personen, welche auf der Durchreise nach oder von einem Kurort nach Wien kamen. Viele von diesen fahren auf gut Glück, mit der Gutherzigkeit der wohlsituierten Kurgäste rechnend, in eine Kurstadt, solche kommen oft zweimal nach Wien und ist es untunlich, Kranke abzuweisen oder Rückfahrende zur Heimreise nicht zu fördern. 2. Betrifft die Wanderfürsorge Personen, die kein Dokument besitzen und welche sich nur als Wanderbettler deklarieren. Viele unter diesen sind obdachlos und hungern, man kann auch solche nicht abweisen, auch schon deshalb nicht, weil sie in Verzweiflung möglicherweise einen unbesonnenen Schritt ausführen könnten. Wer so tief Einblick gewinnt in die seelischen Zustände dieser Armen, der kann es begreifen und sehnt es ununterbrochen herbei, daß wieder geordnete Verhältnisse eintreten, daß die scharfen Maßregeln der Behinderung der Freizügigkeit aufhören und daß auch eine Organisation der Wanderrfürsorge gedeihlich ihre Arbeit vollführe. Vielleicht werden die geehrten Damen und Herren, die sich als Fachleute an der Tagung in der Kultusgemeinde (siehe S. 14) beteiligen, die Wege zeigen und die Mittel aufzubringen trachten. Amtsleiter Rudolf Kraus. Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Jeanette Schwerin.*) Helene Lange. Wenn wir einen Wahrspruch suchen wollten für das Leben der Frau, die wir so schmerzlich betrauern, so dürften es vielleicht jene weisen Worte sein: „Richte dich nicht ein, als solltest du Hunderte alt werden. Denn wie nahe vielleicht ist dein Ende! Aber so lange du lebst, so lange es in deiner Macht steht — sei gut!" Diese Worte hat Jeanette Schwerin in ihrem Leben verwirklichen wollen, und diese Worte hat sie verwirklioht. Es sind fast drei Jahrzehnte verflossen, seit ich sie zuerst ihre Lebensphilosophie entwickeln hörte. Im Angesicht schneebedeckter Berge war es, am Fuße des hohen Wazmann, wo *) Vgl. Jeannette Schwerin, Berlin, Hofschläger (Nachrufe auf die am 14. Juli 1899 verstorbene J. Schw.). wir als junge, noch weltfremde Menschen unsere Ansichten tauschten. Ihre Lebensphilosophie wurzelte im Unsichtbaren und gipfelte darin. Und auch später, als sie mit so scharfem Blick und richtigem Urteil die Wirklichkeit erfassen lernte, ist ihr doch die Welt sittlicher Werte eine höhere und sicherere Realität gewesen als die Welt des Physikers, die Welt der fünf Sinne. Und in dieser Welt sittlicher Werte fühlte sie den großen Zusammenhang, der die religiöse Weltanschauung bedingt. Wir haben uns damals auch — wie junge Menschen gern mit den Rätseln des Todes spielen, wenn sie die Fülle des Lebens atmen — den letzten Augenblick unseres Daseins ausgemalt. „Harmonisch ausklingen mit vollem Bewußtsein'', das war ihr Wunsch. Das Schicksal hat ihn ihr nicht erfüllt, aber sie selbst hat es getan. Dem Geschick zum Trotz, das den freien Geist durch die Wucht grausamer Leiden beugen wollte, sind ihre letzten Jahre ein harmonisches Ausklingen gewesen. Denn rastlos hat sie gewirkt, Gutes gewirkt, so lange sie atmete; erfüllt das Wort: so lange du lebst, so lange es in deiner Macht steht, sei gut. So hat sie die höchste Harmonie erreicht: ihr Wille und ihr Gewissen war eins... Das war die Stärke dieser seltenen Natur, daß es für sie nur Menschen gab; sie war ebenso weit entfernt von jener den Arbeiter mit Recht empörenden Herablassung, die den höheren Bildungsgrad markieren soll und doch nur den Tiefstand der Bildung anzeigt, als von der Modetorheit, - die nur in der Hebung der handarbeitenden Klassen das Heil sieht und das übrige Bürgertum als unheilbar krank und vermorscht hinstellt ... Denn wo sie auch wirkte im Vereinsleben, immer hat sie die Aufmerksamkeit auf den Punkt zu lenken gewußt, der ihr am meisten am Herzen lag: sittliche Hebung der „wohlsituierten" Frauen durch soziale Arbeit, Hebung der wirtschaftlich Schwachen durch Einrichtungen, die ihnen Schutz der Person, Erhöhung des Selbstvertrauens, Anteil an den Kulturgütern sichern... Lady Düke schreibt mir vor einigen Tagen: „Ich würde Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie bei der Gedächtnisfeier für Frau Schwerin einige Worte in meinem Namen sprechen wollten. Während einer langen Unterhaltung, die ich mit ihr in London über die Arbeiterfrage hatte, soweit sie sich auf die Frau und die Familie bezieht, machte mir ihr eingehendes Verständnis der ganzen Sachlage, sowie die seltene Aufrichtigkeit und Kraft ihres Charakters einen tiefen Eindruck. Ich werde es als ein besonderes Vorrecht ansehen, wenn ich mich Ihnen anschließen darf in dem tiefsten Bedauern über den Verlust, den wir durch ihren Tod erlitten haben." Gedenkrede im neuen Berliner Rathaus. Von Dr. F. W. Förster, Zürich. Niemals in der Vergangenheit ist es geschehen, daß eine solche Trauer Versammlung aus allen Ständen und Berufen das Hinscheiden einer Frau beklagt hat. Wohl sind Königinnen mit großem Gefolge zu Grabe geleitet worden — aber das galt dem Stande und nicht der Frau. Als in Florenz die schöne Simoneta starb, die Geliebte des Medizäers — da soll die ganze Stadt ihr das Geleite gegeben haben aus Schmerz um die dahingegangene herrliche Menschenblüte. Das galt dem äußeren Glanz der Frauenschönheit. Was heute uns allen das Herz bewegt, das ist etwas ganz anderes. Wir trauern hier um die Seelengröße und um die reine Menschlichkeit einer Frau, die kein äußeres Schicksal auf die Höhen des Lebens geführt hat, sondern die Tausenden teuer geworden ist, weil ihr ganzes Wesen Balsam schien für die Wunden der Zeit, weil der gütige Ton ihrer Stimme der tiefsten Sehnsucht einer überreizten Menschheit entgegenkam. Jahrhundertelang ist in Kirchen und Kapellen das Bild einer hoheitsvollen Frau mit Rosen umwunden und mit inbrünstigen Gebeten um Fürbitte angefleht worden — während man draußen in der Welt nur der wilden Energie des Mannes vertraute. Unsere heutige Versammlung ist ein Zeichen dafür, daß eine neue Zeit im Anbruch begriffen ist. Wir beginnen alle zu fühlen, daß für unsere tausendfach verworrene, fiebernde Gegenwart die Fürsprache der Frau auch auf Erden unentbehrlich wird und daß das Wort des Gläubigen „Maria, bitt' du für uns", wohl manchem streitenden Mann in den Sinn kommt, wenn er sieht, wie wirkungslos heute die rauhe Drohung und die niederschmetternde Anklage an den Herzen abprallt. Nach einem neuen Heroismus verlangt die Kulturwelt, nach dem Heroismus der Mutter mit all ihrer heilenden Geduld, mit ihrer Sorgfalt im Kleinsten, mit ihrer ewig verzeihenden Milde. Immer mehr drängt sich die Frage auf die Lippen:, ob wir uns denn immer unseres besten Menschen entäußern