Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 37 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Öfl£ WAHRHEIT ii!iii!!!i!!l!:t!t!iiiiiilül!ii!!l!liiii!H iUUümaiHiiminHiI{!iltiltnS!liili!»ii!!ti!Uiitl!!l! Seite 5 Ruf des Sturmtruppführers und der Truppe: „Deutschland erwache!" Alle als Sprechchor schallend: „Alljuda verrecke, verrecke, verrecke". Das „Verrecke" wurde mit besonderem Aplomb hinausgeschmettert. Früher sang man wenigstens noch: „Jagt sie raus, die Judenbande!", jetzt wünscht man weit drastischere Mittel, entschieden eine Verschlechterung unserer Situation! Zu Zusammenstößen ist es nirgends gekommen, hier scheint die Parteileitung strenge Vorschriften herausgegeben zu haben, überhaupt war die Disziplin tadellos. Das Publikum verhielt sich ziemlich ruhig; da aus dem Zug selbst ständige Heilrufe ertönten, wurden sie natürlich auch an vielen Stellen lebhaft erwidert. Die Beflaggung war trotz eifriger Aufrufe, auch in einem bürgerlich rechtsstehenden Blatt, recht spärlich. In den Hauptgeschäftsstraßen, Karolinen- und Kaiserstraße, sah man eine, respektive zwei Flaggen. Nur am Hauptmarkt, wo der Vorbeimarsch stattfand, hatten die umliegenden Häuser in den bayerischen und städtischen Farben geflaggt. Hakenkreuzfahnen sah man fast nur in den Festziigen. Man kann sich an der Rührigkeit und Unternehmungslust der Nationalsozialisten ein Beispiel nehmen, und besonders an ihrer Opferfreudigkeit, denn es wurde die Erhebung eines Sonderbeitrages von 2 Mark pro Kopf beschlossen. Zum Schluß noch eine kleine Szene, die sich am Bahnhof abspielte. Dieser glich seit Freitag einem Heerlager. Ueberall standen uniformierte Hakenkreuzler herum, um ihre auswärtigen Gesinnungsgenossen in Empfang zu nehmen. Abends traf der übliche Bäderzug aus Marienbad und Karlsbad ein, dem eine Menge Amerikaner entstiegen. Als die gutgekleideten Amerikanerinnen die Perronsperre passierten, konnte man Bemerkungen hören wie: „Schaut sie nur an, die Judenschiksen, durchhauen sollt man die Weiber!", die notabene gar keine Jüdinnen waren. Meistenteils kamen derartig liebenswürdige Zurufe aus zartem weiblichen Hakenkreuzlermund. Wenn die Amerikanerinnen diese Zurufe verstanden haben, so werden sie zweifellos die edle Gastlichkeit Nürnbergs rühmen und nicht nur selbst gerne wiederkommen, sondern auch ihre Landsleute animieren, Nürnberg recht fleißig zu besuchen! Das ist eine der traurigen Seiten dieser Angelegenheit, daß Nürnbergs Ruf als Fremdenstadt durch derartige Veranstaltungen bedenklich leidet und daß viele Unschuldige die Folgen davon zu tragen haben. Zur Beratung der jüdischen Wanderfürsorge. In Wien wurde wiederholt die Frage der jüdischen Wanderfürsorge besprochen und dennoch kam man bisher zu keinem endgültigen Resultate, um diese sehr wichtige Angelegenheit zu organisieren, in Wege zu leiten, die sowohl zum Nutzen der Gemeinde, als zum Wohle der Armen führen. Vor der Kriegszeit, da Wien die Reichshauptstadt der ganzen Monarchie war, Handel und Gewerbe eine gewisse Ordnung hatten, waren diese Armen natürlich auch besser daran. Es war ihnen mehr Erwerbsmöglichkeit geboten, die Freizügigkeit gegeben und waren eben damals in Wien alle behördlichen Stellen für die ganze Monarchie beisammen. Es war keine Frage nach Heimatszugehörigkeit und die engen Grenzen des Nichterlaubten zum Aufenthalt und zum Verbleib waren noch nicht gegeben. Auch die Geldverhältnisse waren bedeutend günstiger und mit nur wenigen Kronen konnten Fahrten angetreten, Nachtlager und Verpflegung beschafft werden. Der Krieg und seine Folgezeit hat alles wesentlich geändert. Wien gilt zwar noch immer in den früher zu Oesterreich gehörenden Ländern als Reichshauptstadt, in welcher Geld für alle Fälle zu haben ist; aber es ist traurige Tatsache, daß alle Stellen, Behörden, Gemeinden, Wohlfahrtsvereine und private Wohltäter bedauerlicherweise nicht mehr wie in der Vorkriegszeit helfen können. Gesetze aller Art. politische und religiöse Parteirichtungen haben Beschränkungen gezeitigt, durch welche diese armen Durchwandernden in ihrer Existenz gehemmt sind, und eine große Anzahl von ihnen geht unstet und flüchtig, ohne Personaldokumente, ohne Wohnungsmeldung, viele ohne bestimmt erlernte Kenntnisse herum, lassen sich von einer Gemeinde in die andere schicken und landen traurigerweise oft in Spitälern oder in Gerichtssälen. Es gibt unter diesen sicherlich sehr Bedauernswerten und Hilfsbedürftigen gewiß eine Anzahl Personen männlich und weiblich, jung und alt, mit allen Dokumenten ausgestattet, mit Fähigkeiten versehen, die infolge der stengstens gehandhabten Gesetze als Ausländer in Wien keine Anstellung erreichen oder Handwerk erlernen können und dürfen, jedoch in ihrem Heimatslande auch aus den verschiedensten Gründen nicht bleiben konnten. Solche Leute treiben sich in Wien herum, und diese sind am ärgsten daran. Sie kommen mit den verschiedensten Ansuchen, denn sie wollen doch arbeiten, und wenn es nicht in Wien geht, bitten sie, man möge sie nach Holland, Frankreich, Belgien, nach der Schweiz oder dergleichen schicken. Nun hat die Erfahrung ergeben — viele haben es erzählt — daß sie auch in dem fremden Lande, mit fremder Sprache und mit anderen Einrichtungen sich keine Existenz finden konnten. Eine eigene Kategorie bilden die Chaluzim, welche auch diese Proben durchführen wollen, um sich durchs Leben durchzuschlagen. Eine große Anzahl nach Wien kommender Armen rekrutiert sich aus solchen Personen jeglichen Alters, die zur Heilung einer Krankheit hierher kommen, um die Wiener Spitäler, die von früher her einen Weltruf genießen, aufzusuchen. In ihrer Heimat haben sie sich soviel zusammengebracht, daß sie nach Wien kommen konnten, manche haben noch für eine kurze Zeit Geld für Zahlung der Verpflegsgebühren, die Mittel, um in Wien im Spital oder ambulatorisch behandelt zu werden, sich kurze Zeit hier aufhalten zu können, wenn aber die Krankheit, respektive deren Heilung längere Zeit dauert, weitere Verpflegsgebühren zu zahlen wären, Bandagen aller Art anzuschaffen sind oder die Rückreise angetreten werden soll, dann sind bedeutende Geldmittel erforderlich, welche von der Kultusgemeinde und den vielen Wiener Wohlfahrtsvereinen beansprucht werden. Trotz aller wirtschaftlicher Stagnation, trotz schlechten Geschäftsgang hat sich Wien bisher immer durch seine vielen Hilfsstellen als Stadt mit dem goldenen Wiener Herzen gezeigt, und die Wiener Kultusgemeinde sowie die zahlreichen Vereine für jüdisch-soziale Fürsorge haben sich bemüht, den großen Anforderungen, die an sie während und nach der Kriegszeit herangetreten sind, möglichst zu entsprechen. Familien, die sich früher sehr gut ohne fremde Hilfe fortbringen konnten, sind infolge der Zeitverhältnisse verarmt, man kann sagen, es gibt kein Haus, in welchem nicht Arbeitslose, darunter viele fachkundige, willige, junge und ältere Personen, die nicht nur Monate, sondern zeitweise auch Jahre hindurch ohne ordentliche Stellung sind und entweder die Arbeitslosenunterstützung noch beziehen oder auch von dieser bereits abgewiesen wurden. Alle Arten Berufe, alle Arten Handwerker und keine Arbeit für sie. Dadurch entsteht die große Anzahl ständig in Wien wohnhafter Armer, die anfangs verschämt, später durch die Not gezwungen, sich schon verlangend an die Kultusgemeinde um Hilfe wenden. Und worin liegt der Unterschied, was die ständig in Wien wohnhaften und die der Wanderfürsorge zugeteilten Armen anlangt? Ueber die Personen und Familien, die eine ständige Wohnung in Wien innehaben, können Erhebungen gepflogen werden, auf Grund welcher eine Beteiligung oder Abweisung erfolgen kann. Ganz anders bei Durchreisenden, deren Angaben nicht geprüft werden können, die Ausreden finden, um eben beteilt zu werden. Natürlich kommt auch viel Unfug, zeitweise vorsätzlicher Schwindel vor. Nicht selten gibt es Personen, die sich überall auskennen, alle Stellen finden, um Geld für einen leichtsinnigen Lebenswandel zu erhalten, Kleider und Wäschestücke verkaufen. Die Sonderung all dieser Leute ist eben die Aufgabe der mit dieser Agende betrauten Beamten, die objektiv sein müssen und mit dem ihnen zugewiesenen Gelde wirtschaftlich umzugehen verstehen. Verständnis der Materie ist ebenso in der Ausführung von Armenagenden erforderlich, wie in allen Arten einer sachlich auszuführenden Tätigkeit im Interesse des Gebers und des Nehmers. Das Wohltätigkeitsamt der Kultusgemeinde steht in Verbindung sowohl mit der israelitischen Allianz, der Chewra Kadischa und diversen Vereinen, die für die einzelnen Fälle der Wanderfürsorge in Anspruch genommen werden können. Seit Kriegsbeginn wurden in Wien viele Vereine für allgemeine oder spezielle Fürsorgezwecke gegründet; einige Jahre arbeiteten diese, aber auch sie spüren die schweren Zeiten und können ihren statutarischen Verpflichtungen nicht so nachkommen, als es früher der Fall gewesen ist. Und da helfen sie sich größtenteils damit, daß sie Empfehlungsschreiben für ihre Schützlinge an die Kultusgemeinde richten und auf ihr früheres Wirken hinweisen. Der Vorstand der Kultusgemeinde oder das Wohltätigkeitsamt kann aber nicht alle fremden