Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 37 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seit« 4 flS DIE WAHRHEIT entschiedenster Bekämpfer, der Führer der Radikalen, Jizchak Grünbaum nannte die Abmachung mit Marshall „eine Ugoda im schlimmsten Sinn". Der andere nicht minder energische Kämpfer gegen das Weizmannsche Projekt, Wladimir Jabotinsky, gestand uns gar großmütig zu: „Auch wir Revisionisten sind für die Zusammenarbeit mit den Nichtzionisten, aber nur auf ökonomischem, nicht auf politischem Gebiet." Zu diesem Zwecke schlug er, genial wie er schon ist, ein Zweikammersystem vor. Auf diese „naive Auffassung" (Weizmanns Worte) gab dieser die richtige Antwort: „Diese Meinung von der geteilten Arbeit ist nur eine Höflichkeitsphrase. In Wirklichkeit schaut die Sache so aus: Euer Geld wollen wir gerne haben, aber sonst mischt euch in nichts hinein. Dennoch wird Weizmann auch trotz des neu entstandenen Konfliktes mit Stephan Wix, über den noch zu sprechen sein wird, die Majorität für seine innere und äußere Politik bekommen, ob aber auch alle Jasager redlichen Sinnes dabei waren, ist nach den widersprechenden Ansichten mehr als zweifelhaft. * Die traurige Finanzlage. In seinem Rechenschaftsbericht sagte Präsident Dr. Weizmann u. a.: „Das traurigste Kapitel ist die Finanzlage. In diesem Jahre haben wir ein Defizit von 151.000 Pfund. Das kann die palästinensische Wirtschaft nicht weiter ertragen. Man müsse vorschlagen, im •nächsten Jahr 70.000 Pfund vom Budget zur teilweisen Deckung der Schulden abzuschreiben. Man erwartet einen Jahreseingang des Keren Hajessod von 490.000 Pfund." Wie wenig Berechtigung diese Hoffnung trotz der angeblich optimistisch verlaufenen Keren-Hajessod-Konferenz. die vor dem 15. Zionistenkongreß stattfand, beweist die folgende Stelle des Hauptberichtes des Keren Hajessod an den Kongreß, die aus Wien stammend für uns interessant genug ist: „In Wien litt die Keren-Hajessod-Arbeit unter der allgemeinen wirtschaftlichen Lage, aber auch unter der Unmöglichkeit, weitere Kreise des österreichischen Judentums für eine tatkräftige Mitarbeit zu gewinnen. Wien gehörte übrigens auch zu den Ländern, in denen es dem Keren-Hajessod-Bureau nicht gelingen wollte, die einheimischen führenden Zionisten für die persönliche Keren-Hajessod-Werbung zu mobilisieren. Während daher öffentliche Veranstaltungen, die der Propaganda dienten und immer mit sehr wirkungsvoller Information durch die Presse verbunden waren, zahlreich genug stattfanden, gelang die Ausnützung dieser Propaganda für die Vervielfachung der Keren-Hajessod-Leistungen n i c h t." Die Bruttoeingänge in den zwei Jahren, vom 1. April 1925 bis 31. März 1927 haben 614.534 österreichische Schilling ausgemacht. Die Einbringung dieses Betrages war mit Spesen in der Höhe von 212.842 österreichische Schilling verbunden. Also mehr als ein Drittel! Nobel geht die Welt und, wenn Grünbaum Recht behält, daher auch der Zionismus zugrunde. Und auch Jabotinsky müssen wir ausnahmsweise Recht geben, wenn er in seiner scharfen Kritik sagte: „10 Millionen jüdischen Geldes sind, wie Professor Weizmann selbst sagt, in sieben Jahren nach Palästina gekommen. Ist das wirklich eine so karge Mitgift für 72.000 Immigranten?" * Louis Lipskys Anklage. Louis Lipsky, der Präsident der amerikanischen Zionistischen Organisation und Führer der amerikanischen Delegation zum 15. Zionistenkongreß, sprach sich in der Schweizer Jüdischen Zeitung über die gegenwärtige Lage des Zionismus aus und tadelte es, daß die britische Regierung durch eine allzu rigorose Besteuerung der Siedler die Pioniere auf eine unerträgliche Weise belastet. Großbritannien müsse uns wenigstens auf halbem Wege entgegenkommen. Die Besteuerungsmethode wird nicht vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte, sondern fast ausschließlich vom Gesichtspunkte der Steigerung des Einkommens des Fiskus gehandhabt Dieses Steuersystem zieht eine Schlinge um Industrie und Handel. Es drückt schwer auf die Landwirtschaft; von der Regierung ist es in einem hohen Maße unfair, daß sie ungeachtet der hohen Preise, die wir für neuen Boden zu zahlen haben, auch noch eine direkte Steuer auf kultiviertes Land legt und auf diese Weise die Pioniere unerhört belastet. So geht es nicht weiter; wir können nicht immer wieder Kapital in dem Lande investieren, während die Regierung zur Deckung ihres Budgets uns an allen Ecken und Enden besteuert. Diese Methode widerspricht der Pflicht der Regierung, einem im Stadium der Entwicklung sich befindenden Lande die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Eine endgültige Lösung unserer gegenwärtigen Schwierigkeiten ist ohne eine Zusammenarbeit mit der Regierung nicht möglich. Auch ohne die Hindernisse, die uns die Regierung in den Weg legt, sind die natürlichen Schwierigkeiten, die in Palästina bestehen, groß genug. Es ist dies eine Angelegenheit, die dem Kongreß ein entschiedenes Handeln gebietet. Die Nationalsozialisten in Nürnberg. Wir haben in unserer letzten Nummer vom Reichsparteitag der NSAPD berichtet. In der Berliner „C. V.-Zeitung" lesen wir folgende eindringliche Schilderung über diese Tagung: Nürnberg unter dem Zeichen des Hakenkreuzes! — das war die Losung für den Parteitag! Seit Wochen wurden eifrige Vorbereitungen dafür betrieben, und in allen Blättern der nationalsozialistischen Presse konnte man lesen, daß zirka 40.000 Teilnehmer aus dem Reich erv/artet würden. Nach zuverlässigen Beobachtungen und Berechnungen wird wohl die Hälfte dieser Zahl erreicht worden sein. In den verschiedenen Festzügen am Sonnabend und Sonntag waren gutgerechnet 10.000 Mann zu zählen, die, angetan mit der braunen Hitler-Uniform, im strammen Schritt an ihrem Führer Hitler vorbeidefilierten. Sie v/aren alle wunderschön angezogen, diese meist sehr jungen Leute, und man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß reiche Freunde der Bewegung diese tadellose Uniform, die 32 Extrazüge, die die Teilnehmer hierher brachten, und manches andere der Tagung gestiftet haben. Notleidend, wie es immer heißt, ist diese Bewegung gewiß nicht, dafür mag als Beweis dienen, daß die am Hauptmarkt errichtete Tribüne für den Vorbeimarsch mit 1000 Plätzen ä 5 Mark vollkommen ausverkauft war. Auch sah man noch nie in Nürnbergs Straßen so viele und schöne Privatautos, besonders aus Berlin, wie in diesen Tagen. Weit überwog im Zuge, auf den Straßen, in den Wirtschaften die Zahl der jugendlichen Elemente, meist zwischen 20 bis 25 Jahren. Man macht sich keiner Uebertreibung schuldig, wenn man ferner behauptet, daß manche der Teilnehmer zur Zeit des Kriegsbeginns noch in den Windeln lagen oder das Licht dieser Welt überhaupt noch nicht erblickt hatten. Vierzehn-, fünfzehnjährige Burschen konnte man reihenweise stramm mitmarschieren sehen. Was sagen wohl deren Lehrer dazu? Markant ist der faschistische Gruß, der konsequent durchgeführt wird. Wo sich Hakenkreuzler begegnen, erheben sie schnurstracks den rechten Arm und schreiten „Heil"-rufend aneinander vorüber. Beim großen Vorbeimarsch vor den Führern stand Hitler mit erhobenem Arm und ernster Miene in seinem Auto und sah seine Legionen, ebenfalls mit feierlich erhobener Rechte, vorbeiziehen — ein mussolinihafter Anblick! Blumen überschütteten die jungen Helden, geworfen von zarter Frauenhand, wie überhaupt das weibliche Geschlecht sich in Hitler-Verehrung gar nicht genug tun konnte. Die begeisterten „Heil"rufer waren mit Hakenkreuz und Festabzeichen geschmückte Damen und junge Mädchen; wie mit tiefem Bedauern festgestellt werden muß. auch solche mit den bei den Völkischen so verpönten Bubiköpfen „jüdischer Erfindun g". Das Hitler-Lied, das bei den letzten derartigen Veranstaltungen auf allen Gassen ertönte, das die Spatzen tatsächlich von den Dächern pfiffen, man hörte es überhaupt nicht mehr. Man hat sich einen neuen Spruch geschaffen, der das Niveau anschaulich zeigt, auf dem die national-sozialistische Bewegung steht. So oft während des Fackelzuges eine Stockung eintrat, und das war recht oft der Fall, spielte sich folgende Szene ab: Der Sturmtruppführer fragt mit lauter Stimme: „Wo ist Alljuda?" Antwort des Sturmtrupps unisono: „Im Keller! Huh, huh, huhuuuu".