Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 37 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Zionisten allein sind es nicht imstande, und ohne die nichtzionistischen Keren Hajessodzahler hätten wir auch die bisherigen bescheidenen Erfolge nicht erzielt. Grünbaum antwortet mit einer verheißungsvollen Phrase: Zionisieren wir das jüdische Volk, und das jüdische Volk wird sich seine nationale Heimstätte aufbauen! Mit anderen Worten: Warten wir, bis Meschiach kommt. Inzwischen geht das Geschaffene zugrunde und es verdorrt Erez Israel. Die Zionisierung des ganzen Volkes ist nur ein Traum, wenn auch ein schöner. Jabotinsky, der Romantiker, antwortet realer als der Landespolitiker Grünbaum. Die Juden der Welt sollen ihre Ersparnisse in Erez Israel anlegen, England soll aufbauen, England soll uns den unbebauten Boden geben, damit wir ihn als Unterlage für eine Nationalanleihe geben, wir Juden der Welt sollen uns bei einer bestimmten Gesellschaft versichern usw. Genug. Wir hören die Konjugation eines Hilfszeitwortes: Ich soll, du sollst, er soll, wir sollen, ihr sollet, sie sollen. Aber real ist ein anderes Wort: Ich werde, du wirst, er wird usw. Ernst können die Vorschläge Jabotinskys hinsichtlich der Geldbeschaffung nicht genommen werden. Die Juden werden Ersparnisse in Erez Israel erst dann anlegen, wenn es bereits aufgebaut sein wird. England will und wird nicht nicht dem reichen Weltjudentum die Pflicht erleichtern. Auf unbebaute Böden wird man kein Geld borgen, und wenn sich aiie Juden bei einer Gesellschaft versichern, wird eine Viertel-Million jüdischer Agenten der übrigen Assekuranzen entlassen, und Gott behüte uns vor dieser fünften Alijah! Grünbaum und Jabotinsky antworten auch mit einer Gegenfrage: „Womit seid ihr sicher — daß der zweite Partner in der Jewish Agency Geld geben wird." Antwort: Selbst wenn die großen Herren, die Marshalls, die Brandeis', die Macks, die Untermeyers, die Rosenwalds, die Warburgs, die Strauß' und wie sonst unsere Multimillionäre heißen, kein Geld geben sollten, dann wird ihr persönliches Mittun in der Jewish Agency den ungeheuren moralischen Erfolg haben, daß auch die auf dem Zionismus nicht eingeschworenen Massen an die Solidität des Aufbaues glauben und Geld geben werden. Und auch — Zionisten werden gebefreudiger sein, wenn sie sehen, daß Schwung in das Aufbauwerk kommt. Ich bin aber auch fest überzeugt, daß die amerikanischen Multimillionäre mit gutem Beispiel vorangehen und größere Beträge geben werden. Im übrigen: Der Vorschlag Weizmanns ist die ultima ratio. Die gemischte Jewish Agency ist die letzte Hoffnung, die letzte Karte, die wir ausspielen. Es ist entsetzlich, dies sagen zu müssen, aber es ist die bitterste Wahrheit. Palästina ist ein schweres Land, und der Wiederaufbau ist ein schweres und wertige Glieder der Gemeinschaft betrachtet und als die reifen Kräfte des Staates ansieht. Denn sie sind es, die unter einer Bürde von Verantwortung durchs Leben gehen. Wer ein Haus gegründet hat, wandert nicht leichtfertig bald dahin, bald dorthin. Er ist für das Dach verantwortlich, unter dem er und die Seinen weilen. Das Dach ist mit vollem Rechte der Ausdruck für „Haus" geworden, und wenn Lot zu den ungastlichen Leuten von Sodom sagt: „Denn sie (die Engel) sind in den Schatten meines Daches gekommen," will er die Verantwortung dartun, die der Hausvater gegen alle in seinem Hause hat. König David lustwandelte auf dem Dache des Palastes und sah — das Weib des Urias, das er begehrte, um dessentwillen er in Sünde verfiel, und das Schwert von seinem Hause auf ewig nicht weichen sollte. Die Verantwortung ruht auf dem Dache, und wissen muß man, was man dem Dache schuldig ist, um das Haus vor Unheil zu bewahren. „Durch faule Hände wird das Dach morsch, und durch die Trägheit der Hände regnet es in das Haus hinein", sagt der weise Roheleth; denn wer sein Dach nicht besorgt, gefährdet das ganze Haus. „Wenn du ein neues Haus baust, mache ein Geländer um dein Dach, damit du keine Blutschuld auf den Haus ladest, so einer abstürzt", befiehlt die Thora und spricht im einfachen Sinne des Wortes von der Gefahr, die ein ungeschütztes Dach denen, die sich darauf bewegen, bietet, meint aber weiter ausgreifend die wirkliche und moralische Verantwortung, die dem Haushern für die Sicherheit und Gesundheit, das Leben und Wohlbefinden seiner Hausgenossen obliegt. Leben und Tod ist in der Hand Gottes. Jedem Geborenen ist bestimmt, wie und wann er sterben wird. Trotzkostspieliges Problem. Mit den bisherigen Mitteln werden wir auch in fünfzig Jahren nicht fertig werden und die Hoffnung auf eine „jüdische Mehrheit" werden wir begraben müssen, und mit ihr die stolzen Königsträume der erwachenden jüdischen Nation. Uns kann nur eine großzügige Aktion retten. Das nationale Heim muß rasch gebaut werden, sonst verdorrt auch der Enthusiasmus. Man kann noch für Zion sterben, aber für Zion hungern kann auch der entsagungsvolle Chaluz nicht. Unsere Linken sehen dies ein, und sie stehen zu Weizmann, weil sie am besten wissen, daß — wenn überhaupt — nur sein Weg zum Ziele führt. Wir haben also die Wahl zwischen Aufschwung oder Zusammenbruch. Wer offene Augen hat für die Realität der Dinge, der zögert nicht einen Augenblick und entscheidet sich für den Aufschwung, das ist für die Politik Weizmanns. Ich fürchte absolut nicht, die Assimilanten könnten ein Zion aufbauen, das nicht national wäre. Erstens denke ich über die Assimilanten unserer Generation nicht so schlimm, als der zionistische Katechismus lehrt. Die Zionisten in England, Frankreich, Italien und Amerika sindin der Regel Assimilationsjuden, und auch jene, die nicht Zionisten sind, haben viel lebendigen Sinn und Liebe fürs Judentum. Man kann und darf sie nicht geringschätzend abtun. Ich könnte viel über dieses Thema schreiben, und ich denke, daß viele Assimilanten in ihrem dunklen Drange sich des rechten Weges doch bewußt werden. Wir haben nichts mehr zu verlieren, und wir haben alles zu gewinnen. Selbst eine Einschränkung unserer Souveränität und unseres Budgetrechtes, v/as bedeutet sie gegenüber dem, was auf dem Spiele steht, gegenüber der Hoffnung auf vollen Erfolg? Wir bösen „Assimilanten" danken herzlich für diese freundlichen, wohl nur aus dem Ernst der Stunde entstandenen Worte der Anerkennung für unseren „lebendigen Sinn und Liebe fürs Judentum," welchen Worten nur noch der Glaube sich beigesellen muß. Ihn zu finden, fällt uns wahrlich schwer. Denn wie soll uns dies gelingen, wenn der Präsident der Zionistischen Exekutive, Nahum S o k o 1 o w, gerade seine Eröffnungsrede desjenigen Kongresses, der der „Versöhnung" mit den Geld gebenden Nichtzionisten dienen soll, dazu benützt, um, wie Otto A b e 1 e s in der „M o r g e nzeitung" sagt, „goldene Worte über den Dreißigjährigen Krieg des Zionismus gegen die Assimilation zu sprechen, den der Zionismus weiterführen muß!" Schöne Auspizien! Zur Frage der Erweiterung der Jewish Agency selbst, die Weizmann als eine „Seeschlange" bezeichnete, ist festzustellen, daß sie auf dem Kongreß viel umstritten ist. Ihr dem „sei du nicht Ursache oder Anlaß, daß ein Tod durch deine Hand geschehe", sagt der Midrasch mit bezug auf diese Stelle. Er knüpft gewiß deshalb diese Lehre an das „Haus und Dach" an, weil dies der Inbegriff der Sicherheit, des Geborgenseins vor Gefahren sein soll und muß. Ein Haus bauen heißt, eine Stätte sonder Gefahren schaffen. Das Wahrzeichen für solche Gesinnung und Verantwortung ist das Geländer am Dache. Alle, die unter diesem Dache weilen, sollen wissen, daß der Herr des Hauses für ihr Leben sorgt. Tut er es nicht, fällt das Unglück ihm zur Last. Sein Gewissen ist nur rein und frei von Schuld, wenn er seine Pflicht getan, seiner Verantwortung genügt und das „Geländer am Dache" gemacht hat, d. h. alles besorgt hat. was zum Wohle der Seinen gehört. Die Wohnstätte darf weder dem Leben des Körpers noch dem der Seele eine Gefahr werden. Gleichgültigkeit gegen die gesunde körperliche Entwicklung der Menschen ist dieselbe Unterlassungssünde wie Unverständnis für die Forderungen, die einer freien, lebensfrohen Seele gelten. Legt der Daseinskampf und das Ringen um den Erwerb genug Gefahren auf den Weg, werden die Invaliden und Opfer des Lebenskampfes nie aufhören, so muß das Haus, die Stätte der Ruhe und des Ausruhens, Frieden und Sicherheit für Körper und Seele bringen. Das „gesunde" Haus muß unter seinem Dache seelisch und körperlich gesunde Menschen beherbergen, die das göttliche Geschenk des Lebens vor und für einander gewissenhaft behüten, „damit du keine Blutschuld auf dein Haus ladest, so einer von dem Dache abstürzt, sichere dein Dach, und dessen sei Zeichen: das Geländer am Dache."