Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 37 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 iiliSillllilii.IlllliilliliiiliiM IIIIillllliliUllliiB DIE WAHRHEIT Block haben sich die Zionisten, die es heute schon nicht mehr wagen, unter eigener Flagge aufzutreten, angeschlossen, um im Wahlkampf noch zu retten, was zu retten war. Diese Gemeinschaft, die ausschließlich zum Zwecke der Vermeidung einer Zersplitterung jüdischer Stimmen geschlossen wurde, bedeutet keineswegs eine Verquickung der Tendenzen der jüdischen Demokraten mit zionistischen Belangen. Auch das Wahlergebnis der ebenfalls stark jüdischen Stadt L u b 1 i n zeigt die neuen Wandlungen im jüdischen Volksleben Polens nach dem Fehlschlag in Palästina. Hier errangen die Bundisten 8 Mandate, die Orthodoxen 3, die Volkspartei 2, die Z i o n i s t e n — die auch hier sich an die größeren Parteien angeschlossen haben — mußten sich im Kompromißwege mit 2 Sitzen begnügen, während die Poale Zion links, die mehr kommunistisch als zionistisch eingestellt ist, nur 1 Mandat erlangte. In Nowy Dwor erhielt der Bund, der Block der Zionisten, Agudisten, Volksparteiler und Kaufmannsverbände 6 Mandate, wovon auf die Zionisten ebenfalls im Kompromißwege, nur 1 Mandat entfällt. Die Zionisten wagen heute unter eigener Kampfparole nicht mehr in den Wahlkampf zu treten. In Luck (Wolhynien) sind sie unter dem etwas merkwürdigen Schlagwort „Vertreter der Synagogen" aufgetreten. Unter den verelendeten Massen, die der Zusammenbruch in Palästina und die starke Rückwanderung verfehlter Existenzen in den letzten Monaten sehr empfindlich erfaßt hat, herrscht eine große Verbitterung gegen den Zionismus, der den Juden eine Zeitlang als die einzige und beste Lösung der Judenfrage erschien. Dr. Fritz Seifter (Bielitz). Der 15. Zionistenkongreß. Der XV. Zionistenkongreß ist mitten im Gange und ein umfassender Ueberblick auf seine Tätigkeit ist vor seiner Beendigung nicht möglich. Nur so viel für heute: Nach seiner traditionell feierlichen Eröffnung durch W e i z m a n n und S o k o 1 o w wurde mit der Generaldebatte begonnen, in der die finanzielle und politische Aussprache einen besonders breiten Raum einnahm. Das Verhältnis zur Mandatarmacht ist Gegenstand ernster Erwägungen, im Mittelpunkt des Interesses aber steht, wie zu erwarten war, die Frage der Erweiterungder Jewish Agency. Weizmann glaubte merkwürdigerweise, in seinem Rechenschaftsbericht um diese Kardinalfrage mit dem „Heiterkeit und Beifall" auslösenden Witz herumkommen zu können, „die Oeffentlichkeit sei darüber besser informiert als er". Er tut Unrecht daran, denn diese jüdische Oeffentlichkeit hat ein großes Interesse gerade an seinen Mitteilungen, denn daß diese Frage ernster ist, als man sie darzustellen beliebt, bev/eist der folgende Artikel des rumänischen Kongreßdelegierten Dr. Mayer Ebner, den wir auffallenderweise gerade in der „W i e n e r Morgenzeitung" finden, der doch sonst so radikalen und „ Assimilanten"-feindlichen. Die letzte Karte. Ich scheue mich nicht, die Frage auf des Messers Schneide zu stellen, und ich behaupte: unser ganzes Aufbauwerk steht und fällt mit der Art, wie der Kongreß die Frage der gemischten Jev/ish Agency 1 ö s e n w i r d. Jabotinsky erzielt die höchsten rednerischen Wirkungen, wenn er in bewegten Worten darüber klagt, daß wir Zionisten unser Recht der Erstgeburt um ein Linsengericht den Assimilanten verkaufen sollen. Denn die gemischte Agency und nicht der Kongreß wird zum Mittelpunkt der Bewegung. Der Kongreß verliert sein Budgetrecht und die zionistische Organisation ihre zentrale Bedeutung. Ein neues Element — klagen Jabotinsky und Grünbaum — trete in Aktion, das sind die Assimilanten, die an Erez Israel nur ein philanthropisches und an einem nationalen Wiederaufbau gar kein Interesse haben. Jabotinsky und Grünbaum erklären sich ab er an einem nicht auf nationaler Grundlage aufgebauten Zion desinteressiert. Dies in nuce die Haupteinwendungen gegen die Weizmannsche Politik der gemischten Jewish Agency und in Wahrheit dreht sich der ganze Kampf um die Macht rund und um die Jewish Agency, Zugegeben, es wäre alles richtig, was Jabotinsky und Grünbaum ad rem sagen, müssen wir an die Opposition die Frage stellen, wie sie die Mittel zum Aufbau aufzubringen gedenkt. Denn darüber sind wir uns doch alle klar: Wir unvollendeten — Turm bauen. Die Furcht vor der Gewalten der Natur, die Sehnsucht nach einem starken Schutz, einer sicheren Zuflucht lehrte die Menschen Ziegel brennen und zu einem Baue zu verbinden. Die Bibel nennt Resen zwischen Ninive und Kelach schon „die große Stadt". Das Haus wird die engere Welt des seßhaften Menschen. Dort lebt und schafft er; dort ruht er aus, dorthin bringt er die Früchte und den Ertrag seiner Arbeit. Das Hausbauen ist des Mannes Sache. Darin liegt tiefer Sinn. Er ist der Starke, der Schützer von Weib und Kind, und so ist es seine Pflicht, das Haus, das dem Schutze der Familie diene, zu errichten. Das neuerbaute Haus bedarf besonders der Fürsorge und starken Hand des Mannes. Darum soll der junge Ehemann nicht in den Krieg ziehen, sondern ein Jahr lang vom Kriegsdienste frei in seinem Hause bei seinem Weibe bleiben. Die Sprache bezeichnet den Familienvater als Bai habajis „Herr des Hauses"; denn der Begriff der Familie und des Familienlebens ist mit dem Hause unzertrennlich verbunden. Die geordnete Ehe nimmt im Hause ihren Anfang. Dort steht die Wiege des Kindes, dort wächst es heran, um zum „Menschen" zu werden. Eine wunderbare Gemeinschaft bildet sich zwischen dem Hause und seinen Inwohnern. Es wird von ihnen geliebt, geschützt, man setzt Leib und Leben für seinen Schutz ein, verteidigt Haus und Hof gegen Feinde und Gefahr. Dies aber nicht nur, weil man es liebt, oder weil es ein schwer errungenes Gut ist, sondern weil eine große Verantwortung von ihm ausgeht. Es ist kein leeres Wort, wenn man die Ba'ale battim, die Familienväter, die für Haus und Familie zu sorgen haben, erst als voll- 5\ Feuilleton Das Geländer am Dache. Von Dr. K u r r e i n. „Wenn du ein neues Haus baust, so mache ein Geländer um dein Dach, damit du keine Blutschuld auf dein Haus ladest, so einer abstürzt," V, 22, 8. Als Kain die göttliche Verzeihung für die auf ihm lastende Blutschuld erhalten hatte, und der Fluch der Unstetigkeit von ihm genommen war, baute er eine Stadt, die er nach dem Namen seines Sohnes Chanoch nannte. Kain, der erste Städtegründer, empfand den Wunsch nach Seßhaftigkeit besonders stark, weil er den Fluch der Unstetigkeit ausgekostet hatte. So wurde er der Ahnherr der Häuser und Städte bauenden Menschheit Das Haus begleitet als Wohnstätte den Menschen von Urzeit an und ist der Raum, worin er sich geborgen weiß, zu dem er wie zu einem magnetischen Pol von einer unbezwingbaren Macht getrieben wird. Die Natur hat den Menschen als die schutzloseste Kreatur erschaffen, ihn gerade gezwungen, sich ein schützend Obdach zu schaffen, wenn sie ihm ihr unfreundliches Angesicht zeigt. Der Mensch wurde Höhlen-, Zeltbewohner, Häusererbauer und Städtegründer. Noa zimmerte das „schwimmende Haus" und das Geschlecht nach der Sintflut konnte einen — wenn auch