Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 37 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064335--15678-3088477- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Czscfbeinf ieden fTreifag üFreis dieser Jfummcr: 50 §tosdleii D/£ WAHRHEIT Cestemeichiscne Wocnenscnrift für jüdische Jnteressen Veröffentticnun&en der „Union deutscnösterr. Juden4 Redaktion und Administration: Wien IL, Jiemestxuße Jfo. 13 Fernruf 42-2*16 XLIII. Jahrgang Wien, 9. September 1927_Nummer 37 -.T Afewes vo/77 polnischen Judentum. #J Wie berichtet, haben die letzten Wahlen in den Stadtrat in Warschau erhebliche Verschiebungen innerhalb der jüdischen Parteien gebracht. Die Bundisten (jüdischen Sozialdemokraten) sind als stärkste Gruppe hervorgegangen, während die Zionisten von 28 jüdischen Mandaten nur drei retten konnten, und dies auch nur durch Koppelung mit anderen Parteien. Dieses Ergebnis ist für den Umschwung der Stimmung in Polen gegenüber dem Zionismus höchst charakteristisch. Inzwischen haben auch letztens in W i 1 n a die Wahlen ins Stadtparlament stattgefunden, und inBialystok stehen dieselben unmittelbar bevor. In W i 1 n a bilden die Juden mit 80.000 Seelen rund 45 Prozent der Gesamtbevölkerung; diese Stadt ist der Mittelpunkt einer traditionellen jüdischen Kultur und zeichnet sich durch ein besonders reges jüdisches Leben auf allen Gebieten aus. Die Idee des „Tor" (Organisation zur Ansiedlung von Juden in Polen) hat in Wilna ihren Ursprung und Hauptsitz. Die bedeutendsten Werke auf allen Gebieten des jüdischen Lebens, in Literatur, Kunst und Wissenschaft verdanken dem regen Geiste des Wilnaer Judentums ihren Ursprung. Namhafte jüdische Bibliotheken, zahlreiche jüdische Gymnasien und Lehrerseminare, ja sogar jüdische Forschungsinstitute bilden ein charakteristisches Merkmal jüdisch-kulturellen Lebens in diesem Gebiet des polnischen Ostens. Die Wilnaer Juden sind Gegner des Hebraismus (Tarbuth) und bedienen sich ausschließlich in Wort und Schrift der „jiddischen" Sprache, die dort schon sehr hoch entwickelte Formen angenommen und sogar eine eigene jiddische Grammatik gezeitigt hat. Die landläufige Bezeichnung des Jiddisch als Jargon lehnen die Wilnaer Juden mit Entrüstung ab. Jiddisch ist ihnen eine Art Nationalsprache. Einzigartig ist das Wilnaer Ghetto, ein ganzer Stadtteil, der hier noch alle Lebensformen des jüdischen Mittelalters unverfälscht bewahrt hat. Die Umwälzungen der Technik und der Geisteswissenschaften in den letzten Jahrzehnten sind an dem Wilnaer Ghetto scheinbar spurlos vorübergegangen: ganze Straßen durchziehen Bet- und Lehr^äuser, und in vielen derselben wird jahraus jahrein ohne Unterbrechung bei Tag und Nacht gelehrt und gelernt. Die letzten Wahlen haben in das jüdische Leben Wilnas starke Bewegung gebracht. Auch dort hat die für die Juden Kongreßpolens charakteristische Parteizersplitterung der Wahlbewegung ihr besonderes Gepräge gegeben. Gewitzigt durch die Warschauer Erfahrungen haben sich jedoch die größeren Parteien zu einer Wahlgemeinschaft zusammengeschlossen, während die jüdischen Sozialdemokraten (Bundisten) jedes Zusammengehen mit anderen Parteien ablehnten und selbständig auf den Plan traten. Das zum Himmel schreiende Elend, unter welchem bis 90 Prozent der Wilnaer Judenschaft lebt, die Proletarisierung breiter Volksschichten durch den Weltkrieg und den darauffolgenden Bolschewikenkrieg brachte es mit sich, daß die jüdischen Sozialdemokraten den größten Zuzug aus dem Lager der völlig verarmten Kleinhandwerker und Taglöhner fand. Jüdische Fuhrwerker, Lastenträger, Schwerarbeiter, Packer, Wasserschöpfer u. dgl. m., die alle ein menschenunwürdiges Dasein führen, sind eine für den jüdischen Osten durchaus charakteristische Erscheinung. Die jüdischen Sozialdemokraten haben sich so als stärkste Partei bewährt und konnten 3 Mandate erringen, die demokratische Volkspartei gewann 2, der Kaufmanns verband und die Handwerker ebenfalls 2, während die Kleinhändler nur 1 Mandat erlangen konnten. Typisch für das Ergebnis der Wilnaer Wahlen ist der Niedergang der zionistischen Parteien, die nur in Anlehnung an die demokratischen Gruppen im ganzen 2 Mandate (früher 5) retten konnten. Die zionistische Berichterstattung hat von einem Sieg der „Nationalen Liste" mit neun Mandaten berichtet. Aber während man in Oesterreich unter einer jüdisch-nationalen Liste ganz eindeutig eine zionistische Wahlgruppe versteht, liegen hier die Verhältnisse grundverschieden. In Wilna wie überhaupt in den meisten Städten Polens sind fast 95 Prozent der Judenschaft jüdisch-national — aber nur der geringste T e i 1 z i o n i s t i s c h, ja die meisten jüdischen Parteien, wie z. B. die Bundisten, die Volkspartei, die Demokratische Volkspartei usw., bekämpfen den Zionismus als Schädling des Judentums aufs heftigste. Die „Nationale Liste" in Wilna setzte sich aus der Demokratischen Volkspartei, dem Kaufmannsverband, dem Handwerkerverband und dem Verband der Kleinhändler zusammen, und an diesen