Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 36 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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geite 10 fMMf!^ DIE WAHRHEH Ionisch, Assyrisch, Arabisch, Syrisch, Aethiopisch, Samartanisch und Phönizisch, semitische Paläographie und Archäologie, ägyptische Sprache und Literatur, Pädagogik, Kulturgeschichte, jüdische Geschichte und Literaturgeschichte alter und moderner Zeit. Außer den Vorträgen der Professoren werden Seminarübungen abgehalten, auf denen das Hauptgewicht ruht. Die Professoren halten auch populäre Vorlesungen, die dem breiten Publikum zugänglich sind. Kollegiengelder werden nicht erhoben. Studenten, die gute Seminararbeiten liefern, erhalten Stipendien von je 500 Dollar jährlich. (Die Anstalt hat eine Bibliothek von über 29.000 Bänden.) Unter den Professoren begegnen wir einen Wiener, dem rühmlich bekannten Aegyptologen Dr. Nathanael Reich, dem Sproß einer hochangesehenen Rabbinerfamilie. Trotz des glänzenden Namens als Papyrologe, den er sich in Oesterreich und Deutschland erworben hatte, konnte er hier keine Professur erhalten. Cyrus Adler hat ihn an sich gezogen^ Unter den Auspizien des Dropsie College gibt Professor Adler seit 1910 die neue Serie der J e w i s h Quarteraly Review heraus, welche bis dahin 20 Jahre lang in London unter der Leitung von Claude G. Montefiore, Israel Abrahams und Salomon Schechter einen ersten Rang innerhalb der jüdisch - wissenschaftlichen Literatur erworben hatte. Auch wir in Oesterreich waren einmal nahe daran, eine derartige Anstalt zu besitzen. Der Enkel eines der verdienstvollsten Mitbegründer der Wissenschaft des Judentums hatte sich einträglichen Beschäftigungen zugewendet und enorme Reichtümer zusammengescharrt. Am Abend seines Lebens fing er an, sich für seinen berühmten Großvater zu interessieren und faßte den Plan, zu dessen Andenken eine Art Forschungsinstitut für die Wissenschaft des Judentums zu begründen. Er gedachte diesem Zwecke eine bedeutende Summe zuzuwenden. Leider aber starb er bald darauf. Der einzige Sohn und Erbe des großen Vermögens ließ sich alsbald nebst seinen drei Schwestern taufen . . . Amerika, du hast es besser .... Korneuburg. Am Fuße des Bisambergs hat die Scholle in ihrem Kampfe mit dem Schornstein bereits gesiegt. Nicht mehr werden, wie in dem stillos wirkenden Terrain der nächsten Umgebung Wiens weite Ackerflächen durch große Fabriksanlagen unterbrochen und die gigantischen Mühlsteine des Lebens, zwischen denen, wehrlos gegeneinander ausgespielt, Kleinbürger und Kleinbauern auf der einen, Arbeiter und Angestellte auf der anderen Seite liegen, Großgrundbesitz und Großindustrie, machen sich nicht mehr bemerkbar. Man kann endlich vergessen, daß diese Differenzen aus den Wiener Festwochen bald Trauerwochen machten, in denen nicht nur wir Juden Zerstörung, zu beklagen hatten. Da, wo die freundliche Rebe die Höhe schmückt und grün© Auen das Donauufer kleiden, liegt, noch heute mit Recht die „neue Burg an der Kornsedte" genannt: Korneuburg. Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts war Korneuburg mit dem gegenüberliegenden Klosterneuburg vereinigt und die beiden Städte bildeten eine große Stadt, bis die Donau eine immer breitere Scheidemauer zwischen ihnen errichtete. Zu jener Zeit bewohnten sowohl Klosterneuburg als auch Korneuburg zahlreiche Juden, es ist aber noch lange nachher nicht leicht, die Juden dieser Städte auseinanderzuhalten, da in den Urkunden oft nur von Neuburg die Rede ist, und noch jetzt gibt es jüdische Familien, die in ihrem Namen Neuburger die Erinnerung an diese Gemeinden wahrscheinlich bewahrt haben. Wenn aber ruhige Entwicklung den jüdischen Gemeinden in Oesterreich, wie die Geschichte löhrt, nicht gegönnt war, scheint den Juden von Korneuburg dieses Glück ganz besonders gefehlt zu haben, da dort schon im Jahre 1302 auf den bloßen Verdacht, an einer Hostie eine „Schändung" verübt zu haben, zwei Juden, und zwar ein gewisser Zerkel und der Schulmeister (wahrscheinlich der Rabbiner) verbrannt und die übrigen vertrieben wurden. Das Haus des genannten Zerkel oder Zerklein wurde in eine „Gottcsleicbnamkapelle" verwandelt, der die üppig wuchernde Legendenbildung jener Zeit und vielleicht auch eine gewisse unbewußte Auflehnung der Volksmassen gegen das offizielle Christentum großen Zuspruch verschafften. Die geistlichen Autoritäten selbst mußten bald darauf das von ihnen als Unfug bezeichnete Treiben abstellen und es gab bald wieder Juden in Korneuburg. Als aber im Jahre 1334 (nach anderen Quellen 1338) in Pulkau im Hause eines Juden wieder angeblich eine blutige Hostie gefunden wurde, brach eine allgemeine Judenverfolgung im nördlichen Niederösterredch aus und auch in Korneuburg wurden alle Juden erschlagen. Im Jahre 1338 wurde die sogenannte „Gottesleicimamkapelle" in ein Augustinerkloster verwandelt und damit eine schwer zu meisternde Bewegung in ein den kirchlichen Behörden genehmes Bett geleitet. Trotz dieser zweimaligen blutigen Verfolgung kehrten immer wieder Juden nach Korneuburg zurück und unter anderen Jude.nrichtern erscheint im Jahre 1377 Konrad Tanhauser als Ungelter und Judenrichter von Korneuburg. Erst vom Jahre 1409 angefangen ist kein Judenrichter in Korneuburg mehr bekannt und zur Zeit der Wiener Geserah (1420/21) dürfte es dort keine Juden mehr gegeben haben, da diese Stadt nicht mehr unter den vertriebenen Gemeinden genannt wird, während im Jahre 1460 Friedrich III. die „Judenschule" der Stadt Korneuburg schenkte. Diese heute noch unter dem Namen „ßossmühle1* bestehende ehemalige Synagoge ist eines der ältesten Gebäude der Stadt und macht trotz ihrer gegenwärtigen Verwendung als Magazin noch immer einen ehrwürdigen Eindruck. Sie ist eine der wenigen in Niederösterreich bis heute unverändert erhaltenen Synagogen aus dem Mittelalter und versetzt den Besucher mit ihren hohen, schmalen Fenstern, dem in die Tiefe führenden Eingang und ihren Resten einer Frauerigalerie, zu der eine sehr gewagte Treppe an der Westv/and führt, so recht in die Zeit zurück, in der sie inmitten eines Juden vierteis gestanden haben mochte. In ihrer Bauart erinnert die Korneuburger Synagoge stark an die Prager Altneuschul, mehr noch aber an die Mattersdorfer Synagoge, die ja ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert stammt. Im 17. Jahrhundert kamen auch nach Korneuburg wieder Juden, ebenso wie sie damals ja in ganz Niederösterreich wieder eine größere Rolle spielten; die Blütezeit der Gemeinde war aber dahin. Aus dem 17. Jahrhundert stammen auch die elf jetzt im Museum der Stadt Korneuburg befindlichen Bilder, die die Hostienlegende des Jahres 1302 darstellen. Diese Gemälde entsprechen wohl dem romantischen Restaurierungsbedürfnis der Gegenreformation, historisch wertvoll sind an ihnen aber wahrscheinlich nur die dargestellten Figuren. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen nach und nach wieder Juden aus Mähren imd Ungarn nach dem neu aufstrebenden Städchen und gelangten dort als Kaufleute zu giltbürgerlichem Wohlstand. Sie mieteten im zweiten Stockwerk des Hauses Hauptplatz Nr. 19 ein fünfzig; Personen fassendes Beitlokal und auch einen jüdischen Friedhof besitzt Korneuburg seit dem Weltkriege wieder, als dort jüdische Soldaten aus fernen Ländern ihr Ende fanden. In der Mitte der Stadt steht als Anbau zu dem trotz seiner mittelalterlichen Gotik erst in neuester Zeit erbauten Rathause der alte Stadttuim von Korneuburg, Wächter und Wahrzeichen der Stadt zugleich. Eine Inschrift an diesem Turm kündet in markigen Worten von den Schicksalen, die dieser Turm mitangesehen: Eh' daß man zählt 1200 Jahr Allhier ein Thürmlein St Nicolaus' war. Gen' den Hussit zog man Wall und Graben, 1440 sie mich dazugestellt haben. Manch Kriegsvolk sah ich kommen zu Häuf, Der Böhm' und Ungar schaut' zu mir herauf, Türk und Schwed', der Türk zum andern, Zweenmal der Franzmann auch; Die kamen wie Feuer und giengen wie Rauch,