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Die Wahrheit · 1927-09-02 · Heft 36 (2.9.1927) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 36 (2.9.1927)
Date
1927-09-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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OHE WAHRHEIT älMilfflH» Seite 9 Eine Hochschule für freie Wissenschaft des Judentums in Amerika. „Amerika, du hast es besser, Als unser Kontinent, der alte . . Als Goethe dieses wundervolle Spruchgedicht schuf, ahnte er nicht, daß es auch in bezug auf die eben damals begründete Wissenschaft des Judentums seine volle Gültigkeit behalten würde. Die Wissenschaft des Judentums wurde geboren aus dem Drang nach vertiefter Selbsterkenntnis, der um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts in den besten Köpfen und edelsten Herzen des jüdischen Volkes erwacht war, nachdem die Juden mit der europäischen Kultur in intime Berührung gekommen waren. Mit unsagbar freudiger Ueberraschung entdeckte man unerschöpfliche Schätze einer dreitausendjährigen Vergangenheit und man fühlte sich gewaltig angelockt, diese Schätze beim Licht der neu erblühenden kritischen Wissenschaft zu heben und vor der Welt auszubreiten. Die große Fülle des Wissens, die seit Geschlechtern in der Judenheit überliefert war, wurde in neue Formen gegossen. Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis die neue Wissenschaft so weit ausgebaut worden war und sich konsolidiert hatte, daß sie in ihrem eigenen Geiste gelehrt und gelernt werden konnte. Die alte Jeschiba war nämlich allmählich in Verfall geraten, ihr Lehrbereich erschien viel zu enge und ihre Lehrmethoden nicht mehr zeitgemäß. Aber als es galt, für die moderne Wissenschaft des Judentums Lehrstätten zu errichten, wurde man erst gewahr, daß die alte Jeschiba einen hohen Vorzug hatte, dessen die moderne, auf ihren Fortschritt so stolze Zeit sich nicht rühmen konnte. Die alte Jeschiba hatte mit der antiken griechischen Akademie das eine gemeinsam, daß in ihr gleichwie in den Hochschulen von Hellas die Wissenschaft um ihrer selbst willen betrieben wurde, nicht als Zweck- und Brotstudium, pie Thora durfte man nicht als Spaten betrachten, mit dem man nach Gold gräbt. Thora lernte man „lischmoh" — bis man sich darin, so weit als die Begabung und die Muse es erlaubte, vervollkommnet hatte. Ob einer dann eine Prüfung machte und einen Posten als Rabbiner erhielt, das war von ganz anderen Umständen abhängig, war aber durchaus nicht das Lehrziel, nicht das Studienziel. Dieser unschätzbare Vorzug der alten Jeschiba, entsprungen einem hohen Idealismus, der allein der altgriechischen sowie der echt jüdischen Gesinnung entsprach, war beim Uebergang in die modern europäische Sphäre verloren gegangen. An den Universitäten studierte man, um etwas zu werden: Arzt, Beamter, Lehrer, Rechtsanwalt, Geistlicher. Für eine Hochschule, die nur der Förderung der Wissenschaft des Judentums dienen sollte, ohne zugleich ihre Jünger zu einem bürgerlichen Beruf und zu „nützlichen Menschen" zu erziehen, hatte kein Staat und kein Mäzen im damaligen Europa etwas übrig. Zum Glück hatte damals bereits das Bedürfnis nach modern gebildeten Rabbinern und Predigern sich in ausgedehntem Maße geltend gemacht, und so hörte die Wissenschaft des Judentums wenigstens zum Teil auf, ein „unnützes", weil brotloses Studium zu sein. Zwar sind die eigentlichen Begründer und Bahnbrecher dieser Wissenschaft, die Unvergängliches geleistet, Zunz, Krochmal, Dukes. Luzzato, Blumenfeld, Schorr, Graetz. Steinschneider keine Rabbiner gewesen. Rapopört wurde es in der äußersten Not. Aber die ersten Hochschulen, an denen Luzzato und Graetz lehrten, waren Rabbinerschulen, das Collegio Rabbinico in Padua und das Jüdisch-theologische Seminar in Breslau. Sogar die streng orthodoxe Hildesheimersche Hochschule in Berlin nennt sich Rabbiner-Seminar, gab also den freien Charakter der alten Jeschiba auf. Dagegen wurde auf Initiative von Moritz Lazarus, Abraham Geiger und Ludwig Philippsohn in Berlin 1871 die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gegründet. Doch gönnte ihr die preußische Regierung den Titel Hochschule nicht und sie mußte sich mit „Lehranstalt" begnügen. Und der freien Wissenschaft zu dienen, erlaubten ihr die Umstände nicht, sie war im Grunde ein Rabbinerseminar, obgleich der Lehrbetrieb an ihr, wie übrigens an allen anderen, nach dem Muster des Breslauer gegründeten Rabbiner-Seminarien den strengsten Anforderungen der akademischen Lehrweise genügte. Dagegen kann Amerika sich rühmen, in dem „Dropsie College for Hebrew and Cognate Learning" zu Philadelphia eine solche Lehranstalt für freie Wissenschaft des Judentums zu besitzen, die erst vor kurzem das 20jährige Jubiläum ihres Bestehens feiern konnte. Gegründet wurde die Anstalt im Jahre 1905 und eröffnet im Jahre 1907. Der Gründer war ein einfacher Privatmann, ein hervorragender Bürger von Philadelphia, der Rechtsanwalt Moses Aharon D r o p s i e. Er vermachte der Anstalt sein ganzes Vermögen und ordnete an, daß die Zulassung zum Studium ohneUnterschied des Glaubens, der Hautfarbe und des Geschlechtes zu erfolgen habe. Der Staat verlieh der Hochschule das Recht, den Titel eines Doktors derPhilosophie zu verleihen. Sie verfolgt das Ziel, graduierten Studierenden eine höhere wissenschaftliche Ausbildung in diesen Fächern zu gewähren, als sie an der Universität erworben werden kann. Die Verwaltung ruht in den Händen eines Komitees, dem einige der besten Männer unter den Juden der Vereinigten Staaten angehören, als Präsident steht an der Spitze Prof. Dr. Cyrus Adler, einer der vielseitigsten und energischesten Organisatoren, des geistigen und sozialen Lebens in Amerika. Ihm ist die Leitung einiger weiterer Institutionen von gleichem Rang und Bedeutung anvertraut. Erst vor wenigen Tagen bezeichnete ein hervorragender Amerikaner Prof. Cyrus Adler als „The Trustee of the jewish people of Amerika" (den Treuhänder des jüdischen Volkes von Amerika). Die Gegenstände des Studiums sind folgende: hebräische Sprache und Grammatik, biblische Literatur, die hebräische Bibel und ihre Uebersetzungen, besonders die aramäischen und griechischen, biblische Geschichte und Archäologie, rabbinische Literatur, namentlich die beiden Talmude und die Midraschim, die dem Hebräischen verwandten Sprachen und Literaturen, namentlich Baby-

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