Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 36 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 II mtMnmam. die Wahrheit Talmudheroen widerfahrene Unbill, aber wahrscheinlich in einem Moment der Zerstreutheit, in der „Wiener Morgenzeitung" sogar das Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" dem geduldigen Hillel vindiziert. Der nicht nur durch übermenschliche Sanftmut, sondern auch durch außerordentliche Bescheidenheit ausgezeichnete Hillel würde schon aus schlichter Wahrheitsliebe gegen diese zuweitgehende Genugtuung protestiert haben. Er war nicht der Mann, der so viele Jahrhunderte nach Moses Anspruch auf die Priorität einer Lehre erhoben hätte, die klipp und klar in der Thora des Moses verkündet worden war. Christliche Theologen, die unbegreiflicherweise dieses Gebot erst im Neuen Testament entdeckt haben, dürften entzückt davon sein, wenn einige Verwirrung über dieses Thema Platz griffe. Aber in jüdischen Kreisen wird man weiterhin unerschütterlich daran festhalten, daß das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" in der Thora des Moses nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden ist. Und die Lehre: „Was dir unlieb ist, füge deinem Nebenmenschen nicht zu" nicht etwa auf Voltaire oder Diderot, sondern auf Hillel im Talmud zurückzuführen sei. _ Ego. Materialien zur Geschichte der Entstehung des Kultusgemeindebezirkes Wien XXL (Floridsdorf). Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Fortsetzung.) War somit das Jahr 1877 durch die Vollendung des Gotteshauses, Erwerbung eines Friedhofes und Gründung der Chevra Kadischa von weittragender Bedeutung für die Entwicklung des Kultuslebens in Floridsdorf gewesen, so sollte sich bald noch eine namhafte Steigerung desselben hinzugesellen. Die im Jahre 1875 erfolgte Donauregulierung hatte es hauptsächlich bewirkt, daß die aus der Enge des Weichbildes der Stadt Wien hinausziehenden industriellen Anlagen auf den nunmehr vor Ueberschwemmungen gesicherten, überaus billigen Gründen des linken Donauufers zum Neuaufbau gelangten. Mit den Fabriken waren es zwar weniger die Direktoren, wohl aber die anderen fluktuierenden jüdischen Beamten und Lieferanten, die sich in Floridsdorf und den anderen nahegelegenen Ortschaften niederließen. Die Beitragsleistung und Zugehörigkeit derselben zum Minjanvereine waren freiwillig, die Nutznießung der Institutionen aber stand aus religiös-sittlichen Gründen jedem Ansuchenden zur Verfügung. Diesem Widerspruch, der zur unerträglichen Belastung der einzelnen Mitglieder des Minjanvereines führen mußte, konnte nur durch Gründung einer Kultus gemeinde, die die Steuer pflicht besaß, ein Ende bereitet werden. Das hindernde „Normale vom 28. A p r i 1 18 5 8" war längst durch die liberale Gesetzgebung fortgespült und außer Kraft gesetzt worden. Nunmehr war es Doktor Leopold Grünwald, damals Obmann des Minjanvereines, der diese Idee der Verwirklichung entgegenführte. Dr. Leopold Grünwald, ein Sohn des angesehenen und einflußreichen Moritz Grünwald, hatte das Doktorat der Philosophie an der Wiener Universität erworben, war Schüler der Rabbinatsschule des Rabbiners Dr. Israel Hildesheimer in E i s e nstadt gewesen, machte aber von seinen Studien keinen Gebrauch, sondern ließ sich als Kaufmann in Floridsdorf nieder. Er war wohl auch vermöge seiner sonstigen vorzüglichen Eigenschaften vollauf geeignet und berufen, den Uebergang aus den kleineren Verhältnissen eines Vereines in die größeren einer Gemeinde einzuleiten und durchzuführen. Im Jahre der Fertigstellung des Tempels — 1877 — wurden die ersten Schritte hiezu unternommen, die aber nicht sobald zum Ziele führten. Behördliche Bedenken — wie früher zumeist — standen der Durchführung anfangs im Wege. Aber auch sachliche Schwierigkeiten waren vorerst zu überwinden. Die Ortschaften, deren jüdische Bewohner zu einer Gemeinde zusammengeschlossen werden sollten, gehörten 2 Bezirkshauptmannschaften (Korneuburg, Großenzersdorf) an, wobei noch die Wiener Polizei, zu deren politischem Rayon die Fabriksorte zählten, nicht wenig Einfluß ausübte. — Unterdessen wurde an dem Ausbau der bestehenden Institutionen weiter gearbeitet. Dem Religionsunterrichte wurde größere Aufmerksamkeit zugewendet. 1878 wurde Ignatz Low (gleichnamig wie der Oberlehrer der Wiener Talmudthora-Schule) zum Religionslehrer und Kantor bestellt. Derselbe versah auch das Amt eines Sekretärs und wirkte gemeinsam mit Adolf Ehrenfest, Volksschullehrer und Religionslehrer, vielseitig in den aufstrebenden Ortschaften. Die Leitung des Minjanvereines ließ aber den einmal gefaßten Gedanken, eine Gemeinde zu bilden., nicht los; sie verfaßte Statuten, berief Versammlungen und reichte Eingaben über Eingaben ein. Auch diese sind verloren gegangen, wohl aber ist eine Zuschrift der Bezirkshauptmannschaft Korneuburg in dieser Angelegenheit an die n.-ö. Statthalterei erhalten geblieben. Sie befindet sich im Archiv letzterer unter C. V. Z. 31771 und lautet: „Hohe k. k. n.-ö. Statthalterei! In Befolgung des hohen Erlasses vom 26. März 1877, Z. 8233, wurde ein Verzeichnis der in Floridsdorf, Groß-Jedlersdorf, Jedlesee, Alt- und Neu- Leopoldau, Mühlschüttel und Kagran bleibend ansässigen Israeliten verfaßt, aus welchem ersehen werden wolle, daß in diesen, mit Ausnahme von Alt-Leopoldau und Kagran, zum Polizei-Rayon von Floridsdorf gehörigen Gemeinden zusammen 111 israelitische Familien mit 641 Köpfen bleibend ansässig sind. Diese Anzahl von Glaubensgenossen würde jedoch bedeutend erhöht werden, wenn auch die im politischen Amtsbezirke Korneuburg bleibend ansässigen Israeliten zu der projektierten Kultusgemeinde in Floridsdorf zugewiesen werden würden. Laut anruhenden Protokolles vom 17. Oktober 1878 wurde die Bildung einer israelitischen Kultusgemeinde in Floridsdorf von der Gesamtheit der anwesenden besteuerten Israeliten als wünschenswert erklärt, ja dieselbe muß von mir in Uebereinstimmung mit der k. k. Bezirkshauptmannschaft Groß-Enzersdorf aus Rücksicht für die ordentliche Handhabung des Matrikenwesens sowie der israelitischen Kultuspflege als notwendig bezeichnet werden. Was ferner die Aufbringung der Kultusauslagen anbelangt, so wird dieselbe ganz und gar nicht nach dem direkten Steuergulden, sonden einzig und allein nach einem Zensus (§§ 6—10 der Statuten) wie es bei allen israelitischen Kultusgemeinden in Niederösterreich, Mähren und Ungarn der Fall ist, beabsichtigt. — Deshalb wurde auch hieramts von einer strengen steuerämtlichen Erhebung der Steuerkraft der verzeichneten israelitischen Glaubensgenossen Umgang genommen. Die Wahl der Gemeinde Floridsdorf als Sitz der neuen Kultusgemeinde erscheint sowohl mit Rücksicht auf die Mehrheit der bereits ansässigen israelitischen Glaubensgenossen als auch in Anbetracht der Verkehrsverhältnisse sehr zweckmäßig. In dem anvorerwähnten hieramtlichen Berichte vom 10. Oktober 1877, Z. 10661, wurden die konfessionellen Verhältnisse der Israeliten dieses Amtsbezirkes und die Matrikenführung über dieselben, insbesondere jene des Minjanvereines in Floridsdorf näher erörtert und in der demselben zuliegenden Berichte die rituellen Anstalten, ausführlich dargestellt. Aus dieser Uebersicht wolle nun ersehen werden, daß der israelitische Minjanverein in Floridsdorf, welcher aus zirka 43 Mitgliedern besteht, durch die Vermietung der Tempelsitze und durch freiwillige Beiträge seine Kultusbedürfnisse zu decken imstande war, was von der aus viel mehr Kultusgenossen bestehenden Kultusgemeinde. insbesondere mit Zuhilfenahme der Stolagebühren noch leichter erwartet werden kann. Hiernach erlaube ich mir im Verein mit der k. k. Bezirkshauptmannschaft Groß-Enzersdorf die hochgeneigte Bewilligung einer israelitischen Kultusgemeinde in Floridsdorf nach Inhalt der anruhenden Statuten, welche anderen bereits bestehenden israelitischen Kulusgemeinden nachgebildet sind, ergebenst zu beantragen. K. k. Bezirkshauptmannschaft Korneuburg am 31. Dezember 1878. Der Amtsleiter." (Unterschrift unleserlich.) (Fortsetzung folgt.)