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Die Wahrheit · 1927-09-02 · Heft 36 (2.9.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 36 (2.9.1927)
Date
1927-09-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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tm wahrheut Seite 1 Glossen. Das selbst von einzelnen klerikalen Blättern weitergetragene Gerücht, der Papst werde eine eigene Enzyklika gegen den Antisemitismus veröffentlichen, hat sich als ein — Gerücht erwiesen. Papst Pius XL hat zu wiederholtenmalen es öffentlich ausgesprochen, daß das Christentum die Religion der Liebe sei, die den Haß und die Verfolgung verdammt und daß er daher den Antisemitismus für eine, die Grundlagen des Christentums untergrabende Bewegung halte. Kein Priester der katholischen Kirche kann, es wäre denn, daß er das Evangelium verhöhnen wollte, anders sprechen, un4 da sollte der Papst annehmen, daß er seinen Ausspruch über den Antisemitismus auch schriftlich bestätigen müsse, weil sich vielleicht einige Frechlinge finden könnten, die es ihm nicht aufs Wort glauben, daß zwischen der Religion der Liebe und der Religion des Hasses ein Abgrund gähnt, den keine satanische Rabulistik überbrücken kann? * * * Der Sekretär der rumänischen Gesandtschaft in Washington Andrei P o p o v i c i hat gelegentlich einer offiziellen Veranstaltung dem Bedauern Ausdruck gegeben, daß hervorragende Amerikaner „den über Rumänien verbreiteten Unwahrheiten über Judenverfolgungen in diesem Lande" Glauben schenken. Es ist erfreulich, aus dieser Aeußerung ersehen zu dürfen, daß die rumänischen Staatsmänner sich wenigstens vor dem Auslande wegen der menschheitsschändenden Judenverfolgungen schämen. Aber es ist schmerzlich, feststellen zu müssen, daß sich dieses Schamgefühl zunächst in halbem Ableugnen blutiger Tatsachen äußert. Man muß aber zugeben, daß der offizielle rumänische Vertreter in Washington seiner Mission in einer Weise gerecht wurde, die selbst minder hervorragende Amerikaner in der Empörung über die grauenvollen Zustände in Rumänien bestärken müßte. Herr Popovici leugnet gar nicht, daß ein jüdischer Student getötet wurde. Beschwichtigend fügt er aber hinzu: „nur ein einziger". Was ist es aber mit den Richtern, die den antisemitischen Mörder unter allgemeinem frenetischen Jubel freisprachen? Kann man auch da behaupten, daß der bis zur rasenden Mordlust gesteigerte Judenhaß „nur einen" Bekenner in Rumänien gefunden hatte? Das Schweigen des Herrn Popovici über diesen Punkt spricht allein schon ganze Bände voll Anklagen. Und dann die weitere unbesonnene Aeußerung des rumänischen Ex-offo-Verteidigers: „Ueberdies haben sich diese Exzesse auf die Region der Universitäten beschränkt!" Eine nette Beschränkung das! Nicht etwa betrunkene Strolche sind über eine Minderzahl wehrloser, schuldloser Juden hergefallen und haben sie blutig mißhandelt, sondern die studierende Elite der Nation, aus der die zukünftigen geistigen Führer des Landes hervorgehen werden, üben sich in diesen kleinen Scherzen, bei denen sje kaum noch ernstlich von autorativer Seite gestört wurden. Wenn je, so hat diesmal die halbe Wahrheiten enthaltende Rede des Herrn Popovici die Richtigkeit des Wortes gerechtfertigt, daß manchmal die Entschuldigung eine Selbstanklage ist und daß zwei halbe Wahrheiten oft eine ganze Lüge bilden. * * * Wenn die Rumänen wieder einmal die ganze Wahrheit über die empörenden Judenverfolgungen in ihrem Lande erkennen wollen, so wäre ihnen zu raten, in einem vor Dezennien erschienenen, jetzt schier verschollenen Buche Carmen Sylvas nachzuschlagen, die als Schriftstellerin manches heraussagte, was sie als Königin von Rumänien vielleicht auch zum Teile verschweigen mußte. In den Betrachtungen Carmen Sylvas über die Juden kann man unter anderem lesen: „Wir lernen die Bibel, sobald wir lallen können, und mißhandeln das Volk, das sie uns geschenkt. Mir sagte einmal ein geistreicher Jude: „Ich wünsche Ihnen, daß einmal Ihre Geschichte so geschrieben wird, wie die unsrige, und daß man dieselbe in Ihren Kirchen als Andachtsbuch lesen kann, so wie wir es tun.'4 „Wir sind voll Neid und Mißgunst, statt zu bewundern. Die einzigen Juden, die in Verfall geraten können, sind diejenigen, die Christen werden und sich dem Christentum anbequemen, nicht dem Christentum in seiner ersten Gestalt, sondern dem, was man heutzutage Christentum nennt und das Tolstoi mit Recht verweigert dafür zu halten." * „Die Christen haben ihren Judenhaß und die ewige Verfolgung, die sie dieses bewunderungswürdige Volk haben erdulden lassen, mit der Kreuzigung Christi entschuldigt. Seien wir ganz ehrlich gegen uns selbst. Was würden wohl die heutigen Christen tun, wenn Christus wiedererschiene? Ich fürchte, sie würden nicht einmal Hosianna schreien, sondern ihn sofort für einen gefährlichen Sozialisten erklären und wenigstens in ein Irrenhaus sperren." „Wir leben und zehren alle von der Bibel und gestatten uns, das Volk zu verachten, welches das Buch der Bücher hervorgebracht. Wir verachten es auch wohl nicht, sondern wir fürchten es eher. Aber warum lernen die Christen nicht von ihnen? Wir sind ja aus dem Judentum hervorgegangen, warum wenden wir uns ab und verleugnen unsere Herkunft?" *. «• Uebrigens sei nicht die Bemerkung unterdrückt, daß von Carmen Sylvas Betrachtungen über die Juden auch die — Juden einiges sich zu Gemüte führen dürften. * a. * * Dem großen Hillel, dem neulich von Frau Dr. S c h w a r z w a l d die Priorität des von ihm lange vor Cristi Geburt geprägten Satzes: „Was dir unlieb ist, füge deinem Nebenmenschen nicht zu", streitig gemacht wurde, um ihn irgendeinem nicht näher bezeichneten Franzosen aus dem achtzehnten Jahrhundert zuzueignen, ist eine glänzende Satisfaktion zuteil geworden. Ja, eine schier zu glänzende. Ein vielleicht übereifriger Verehrer Hillels hat, vermutlich in seiner Entrüstung über die diesem Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II., GlOCkeiigaSSe 24 Tel. 48-4-79 Für Kultusbeamte und Vereinsfunktionäre gegen Legitimation 10% Nachlaft ]AC. MAYER

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