Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 36 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Illllllllllllllilllllllllllllllüll! DIE WAHRHEIT e4ne getreue Parodie auf Jules Guerims Fort Chabrol, als sich ein Führer der Demagogie in einer Straße verbarrikadiert hatte, bis ihn schließlich die Feuerwehr, gleich einer Maus, aus dein Versteck schwemmte. Leon Daudet ist romantisch, unruhig, ein Hetzer und — Jude. Das ist kein Witz. Im heutigen Frankreich gibt es eine große Anzahl jüdischer Schriftsteller (Porto-Riehe, Tristan Bernard, Henri Bernstein, Pierre Benoit usw.), doch ist keiner von ihnen ein derart typischer Jude wie Daudet, der Vollblutfranzose und Christ. Tristan Bernards Humor ist direkt molierisch, die Offenbarung reinsten lateinischen Geistes, erfüllt von den ältesten französischen Traditionen. Dieser jüdische Künstler ist i estlos menschlich und französisch. Der antisemitische Publizist dagegen ist ein waschechter, vierzehnkarätiger Semite, seine Schriften sind voll jener Wendungen, jener Nervosität, Unruhe, Verblendung, jener über allem Leben und aller Realität stehenden, nur noch im fremden Leiden wurzelnden leidenschaftlichen Nervosität, die von den Antisemiten (ich weiß nicht, ob mit Recht) als die typisch internationale Eigenschaft des jüdischen Agitators und Pamphletisten bezeichnet wird. Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Henriette Goldschmidt. Geboren am 23. November 1805 in der kleinen Stadt Krotoschin (der ehemaligen Provinz Posen), heiratete sie den feinsinnigen, hochgebildeten Vetter Rabbiner Dr. Goldschmidt, dem sie nach Warschau folgte. Schwer litten beide Gatten unter den dort herrschenden Verhältnissen, weil „es furchtbar ist, in einem Lande zu leben, in dem man sein Recht nur durch das Unrecht der Bestechung erlangen kann. Und wie ein Wunder erschien es mir, als nach fünf Jahren meines Aufenthaltes in Warschau mein Schicksal die Wendung nahm, nach der auch mein Mann sich sehnte." (Henriette Goldschmidt: „Erinnerungen".) Daß Henriette Goldschmidt gerade im Schillerjahre 1859 nach Deutschland zurückkehren konnte, erschien ihr besonders bedeutungsvoll; war doch Schiller von frühester Jugend an ihr Idealdichter. In ihrem geistig hochstehenden Heim empfingen Männer wie Jatho wertvolle Anregungen fürs ganze Leben. Ihren Stiefkindern war sie eine mustergültige Mutter. In ihren häuslichen Pflichten ist sie aber nicht untergegangen. Hier in Leipzig entwickelte sich Henriette Goldschmidt zur Führerin der deutschen Frauenbewegung. Sie fand in Leipzig Erfüllung aller ihrer hohen ethischen Wünsche. Hier arbeitete sie zusammen mit Louise Otto Peters und Auguste Schmidt, mit denen sie Schulter an Schulter kämpfte „für die Freiheit der weiblichen Persönlichkeit". Von hier aus erscholl der Ruf nach Anerkennung der weiblichen Arbeit als „wichtiger Faktor für unsere Kulturaufgabe". Diesem Dreigestirn Leipziger Frauen verdankt man die Einberufung der ersten Frauenkonferenz und Begründung des allgemeinen deutschen Frauenvereines am 18. Oktober 1865. Alle Bestrebungen für Frauenrechte und -pflichten, für Frauenbildung und Frauenstudium sind Folgeerscheinungen jener ersten Kundgebung von Frauen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, das Licht der Wissenschaft und Einsicht auch den Frauen zu bringen, damit sie in die Lage versetzt werden, ihren Kulturberuf zu erfüllen. Den Kulturberuf der Frau erblickte Henriette Goldschmidt in dem Erziehungsberufe. „Die Frauenfrage — eine Kulturfrage" war der Titel der ersten öffentlichen Rede, die sie in Leipzig hielt. Im Kriegswinter 1870/71 sprach sie über „Die Stellung der Frau bei den alten Kulturvölkern". (Zwölf Vorträge.) Im Jahre 1882 folgten sechs Vorträge: „Ideen über weibliche Erziehung im Zusammenhange mit dem System Friedrich Fröbels." Nachdem Henriette Goldschmidt an den Bestrebungen des Allgemeinen deutschen Frauenvereines regsten Anteil genommen, allen vom Verein veranstalteten Frauentagen beigewohnt, in fast allen deutschen Städten mustergültige, formvollendete Reden gehalten — berühmt wurde ihre Frage: „Ich sehe hier die Väter der Stadt; wo sind die Mütter?" — und zahllose Petitionen verfaßt hatte, überließ sie den weiteren Ausbau des Vereines den beiden bewährten anderen Führerinnen, um sich voll und ganz ihrer selbstgewählten Lebensaufgabe, dem Fröbelschen Erziehungswerk, zu widmen. Sie erblickte den einzig rationellen Weg zur Schulung des Intellekts und Entwicklung des sozialen Gefühls, zur Erziehung zur Mütterlichkeit und zum Bürgertum der Frau in der Meth|>de Friedrich Fröbels, des großen Reformators auf pädagogischem Gebiet, dessen Lehren sie voll Bewunderung sich zu eigen gemacht hatte. Seinen Ideen eine Wirkungsstätte zu schaffen, war ihr Ziel, das sie von Grund aus verfolgte. Sie erließ einen Aufruf zur Gründung des Vereines für Familien- und Volkserziehung (1871), dessen goldene Worte noch heute gelten und gesprochen sein könnten. „Der große Aufschwung, den unsere Heimat genommen hat, erhöht auch das Bewußtsein der Pflichten, die jeder Bürger sich selbst auferlegen muß. Je mehr Kräfte unser großes politisches Gemeinwesen nach außen erfordert, desto eifriger müssen wir darauf bedacht sein, die inneren, die Familienverhältnisse, in jener sittlichen Reinheit zu erhalten, die von jeher die Quelle unserer nationalen Kraft gewesen ist." Als Vorsitzende hat Henriette Goldschmidt über 40 Jahre den von ihr gegründeten „Verein für Familen- und Volkserziehung" geleitet und Institute geschaffen, deren außerordentliche Bedeutung für die Kinderwelt, die weibliche Jugend und für reife Frauen heute allgemein anerkannt ist. Der Verein schuf zunächst einen Volkskindergarten. Im Jahre 1889 wurde das Haus Weststraße 16 (heute Goldschmidt-Haus genannt) erworben und darin ein zweiter Volkskindergarten, ein Seminar für Kindergärtnerinnen und das „Lyzeum" eingerichtet, das ein Vorläufer der jetzt von Gemeinden und Staat errichteten Frauenschulen genannt werden kann. Die Art und Anlage dieser Anstalten zeigten bereits den Weg, den Henriette Goldschmidt rastlos und konsequent verfolgte, den Weg: „Vom Kindergarten zur Frauenhochschule". Daß es der Greisin noch beschieden war, durch die hochherzige Schenkung eines Leipziger Musikverlegers dieses Ziel zu erreichen und im Herbst 1911 die „Hochschule für Frauen" in der Königstraße zu eröffnen, bedeutet eine Krönung des Lebenswerkes von Henriette Goldschmidt. In einem schönen Bau wurde ein weiterer Kindergarten, die „Fröbel-Frauenschule" (vormals „Lyzeum") und eine Kinderiesehalle untergebracht, so daß dieser, von Henriette Goldschmidt angelegte Kreis sich schloß. „Die Hochschule für Frauen in Leipzig will allen nach Bildung strebenden Frauen verständnisvolle Teilnahme am Geistesleben unserer Zeit und unseres Volker, ermöglichen, der Frau eine auf gründlicher Einsicht beruhende Vorbereitung für die Ausübung des mütterlichen Erziehungsberufes geben und sie befähigen, sich den ihr innerhalb der Gemeinde, des Staates und der Gesellschaft erwachsenden mannigfaltigen, gemeinnützigen Aufgaben mit weitem Blick und mit vollem Verständnis für die Bedürfnisse der Gegenwart zu widmen. Da es an einer höheren pädagogisch-sozialen Bildungsstätte für die Frauen fehlt, will ,,die Hochschule für Frauen" in Leipzig diesem Mangel abhelfen und einem großen Ziele dienen. Nicht der verwegene Gedanke, das Universitätsstudium der Frauen aufheben oder ihm Konkurrenz machen zu wollen, hat ihre Errichtung beeinflußt. Die Leipziger Hochschule für Frauen soll diejenige Fakultät schaffen, die der Universität fehlt, und die ihr vielleicht fehlen muß: sie soll die Frau für ihren mütterlich-erziehlichen Beruf geistig reif machen." (Henriette Goldschmidt.) Die Ungunst der Verhältnisse brachte es mit sich, daß bald nach dem Tode von Henriette Goldschmidt (30. Jänner 1920) der „Verein für Familien- und Volkserziehung" sich auflöste. Er vermachte der Hochschule neben seinen Grundstücken und Vermögenswerten seine sämtlichen Anstalten einschließlich des Henriette Goldschmidt-Kinderheims (in Lindenau). Im Herbst 1921 ging die Hochschule für Frauen mit ihren gesamten Anstalten in den Besitz der Stadt Leipzig über unter gleichzeitiger Umgestaltung und Verschmelzung der verschiedenen Lehranstalten zu dem „Sozialpädagogischen Frauenseminar". Das Erbe Henriette Goldschmidts lebt also fort, wenn auch in anderer Gestalt. Ueber ihre Verdienste wie über ihr ganzes Leben berichtet ausführlich das schöne Buch „Henriette Goldschmidt" von Josephine Siebe und Dr. Joh. Prüfer, Leipzig, Akad. Verlagsgesellschaft. (Fortsetzung folgt). ^^MPl^MM9EWgMMgnMgM»annMMCMKftagiBiaiMIMll3MEBBBMMSaM^ ■'■ \ Wl^TITJUl ertet AloDoenten ter „Die Watrlteil'l Bezugsbedingungen: I nolhjährig: für Oesterreich S 8.50, Ungarn I Pengö 8-50, Deutschland Goldm. 7.—, Tschecho- I Slowakei cK60—, Polen ZI. 11—, Schweiz Fr. 7.-, I Amerika lVs Doli., Italien Lire 40.—,England Schilling * 15.—.Rumänien Lei 300—Jugoslawien Dinar 100.— 8