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Die Wahrheit · 1927-09-02 · Heft 36 (2.9.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 36 (2.9.1927)
Date
1927-09-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT mmmmmtmmmmmmmmm IIÜIISuiuii.. Seite 5 gerade an diese Partei, an sie, die Deutschen* die ihre völkische Gesinnung besonders betonen, und bitte sie: Wehrt Euch in Euren eigenen Reihen gegen solche Bubenstreiche! Laßt die Toten ruhen! Und sorgt dafür, daß wir uns nicht durch eine weitere Häufung solcher niedrigen Greuel vor dem Ausland wirklich den Namen „Barbaren und Vandalen" verdienen, als ein Schimpfwort, das jenem alten deutschen Volksstamm der Vandalen, wie wir heute wissen, zu Unrecht verliehen worden ist. Und gedenkt schließlich der Tatsache, daß Bismarck, Euer Bismarck, in seinen berühmten Verteidigungsreden, die er für die Aufrechterhaltung der Todesstrafe in Deutschland von sich gegeben hat, der Meinung war, das Henkersbeil müsse bleiben, nicht zuletzt auch, um Grab- und Leichenschänder zu bestrafen. * * * Der braunschweigische Landtagsabgeordnete Dr. G. von Frankenberg richtet einen „Offenen Brief" an die Nationalsozialisten im Anschluß an die Kölner Friedhofsschändung, in dem es unter anderem heißt: „ . . . Können Sie sich übrigens, na, sagen wir mal, den Alten Fritz oder Bismarck oder die Königin Luise vorstellen, wie sie einem beerdigten Juden mit einer Eisenstange oder einer Spitzhacke zu Leibe gehen? Ich, offen gestanden, nicht. Wer hat Sie bloß auf den Gedanken gebracht, das Germanentum auf diese Weise zu retten? . . . Nun werden Sie mir vielleicht durch Ihren Redakteur vom Dienst erwidern lassen, ich sei sehr im Irrtum. Sie hätten nachweislich nie dazu aufgefordert, Judengräber zu schänden. Aber, nein, das können Sie mir nicht antworten, denn Sie wissen so gut wie ich, daß sich bei zahlreichen Ihrer Anhänger längst eine grabschänderische Praxis herausgebildet hat. Wenn Sie also nicht wollten, daß Gräber geschändet werden, dann brauchten Sie das Ihren Freunden ja nur unzweideutig mitzuteilen. Wenn die Antisemiten wüßten, daß es feige, unanständig und verrückt ist, tote Gegner in ihrer Ruhe zu stören, so würden sie es doch unterlassen . . ." * * * Wer ist sonst an diesen 42 Grabschändungen schuld? Die ...Juden selber. Im Ritualmordhetzblatt des sattsam bekannten Hitlerianers Streicher, dem „Stürme r" (Nürnberg), war kürzlich zu lesen: „Um die Antisemiten und Hakenkreuzler in der öffentlichen Meinung herabzusetzen, werden sie von den Judenblättern in der gemeinsten Weise verdächtigt Keine Lüge ist ihnen dabei zu dumm und zu schlecht. In neuester Zeit müssen die sogenannten Friedhofsschändungen zur Herabwürdigung der Judengegner herhalten. Auch ohne den Schatten eines Beweises dafür zu haben, wird gerade heraus behauptet, die Hakenkreuzler seien Schuld daran, wenn irgendwo von Schulbuben ein jüdischer Grabstein umgeworfen wird. Es ist als sicher anzunehmen, daß die Juden sogenannte Friedhofsschändungen selbst besorgen, um hernach eine Möglichkeit zur Hetze zu haben." Wer die geradezu sprichwörtliche jüdische Pietät gegenüber den Toten kennt, muß diese Beschuldigung als grotesk empfinden. Leider gibt es aber — zumal in Bayern — Leute, die selbst diese tolle Lüge des Hetzers Streicher gläubigen Gemütes hinnehmen. . . . ■*■ jj. ■* In der Nacht vom 16. zum 17. August wurden in Belgard in Pommern auf dem evangelischen Friedhofe etwa 50 Grabsteine und Denkmäler demoliert. Es ist natürlich, daß jeder Jude gegen die Verbrecher, die die Ruhe dieser christlichen Toten gestört haben, die gleiche Abscheu empfindet, als ob es sich um die Verwüstung eines jüdischen Friedhofes handelte. Es ist das ein so klares Empfinden, daß es gar nicht erst ausgesprochen zu werden braucht. Aber auch diese Gewalttat gegen einen evangelischen Friedhof wird von völkischer Seite wieder zu Verlästerungen der Juden benutzt. Das „Deutsche Tageblatt" leitet in seiner Nummer vom 19. August die Mitteilung über die Schändung eines evangelischen Friedhofes mit folgenden Sätzen ein: „Wir haben gestern die Dreistigkeit gebrandmarkt, mit der die jüdische Presse es wagt, die Schändungen jüdischer Friedhöfe auf die völkische Bewegung zurückzuführen. Wir sprachen dabei aus, daß die Friedhofsschändungen eine Perversität sind, die aus dem verbrecherischen Geist geboren wird, den die jüdische Novemberrevolution im Bunde mit der jüdischen Presse gezeugt hat. Wir weisen darauf hin, daß die Schändungen sich darum auch gegen christliche Friedhöfe wenden, und unsere Leser werden diesen Sachverhalt bestätigt finden, wenn sie folgende traurige Meldung lesen, die der „Deutschen Tageszeitung" aus Kolberg zugeht . . ." Mit bewundernswerter Kunst dehr Verdrehung schilebt dieses Blatt nicht nur wie üblich die Schuld an der Novemberrevolution und an der Schändung christlicher Friedhöfe den Juden zu, sondern legt ihnen auch die Verwüstung der jüdischen Friedhöfe zur Last. Und wenn man die Logik dieser Begründung vollständig fortsetzt, so ist schließlich das Judentum an der ganzen völkischen Bewegung schuld . . . Jeder, der mit echter Menschlichkeit empfindet gleichgültig, ob Jude oder Christ wird diese Art politischen Kampfes ablehnen. * * ■ 5fc Die Zeitschrift „Christliche Welt" (Nr. 12) schreibt: „Unheimlich häufen sich die Nachrichten von Verwüstungen jüdischer Friedhöfe ... Es sind doch überall Christen, getaufte und konfirmierte, die so etwas tun, mögen sie nun zum Glauben stehen wie sie wollen Und insbesondere die deutsch-kirchlichen Kreise hätten alle Ursache dagegen aufzutreten. Vielleicht tun sie es. Woran uns liegt, wenn wir hier davon reden: die offizielle Kirche in Presbyterien, Synoden und sonstigen Organen soll gegen solchen lästerlichen Unfug laut und vernehmlich ihre Stimme erheben." Endlich..... Held Daudet. Frankreichs antisemitischer Führer. Leon Daudet beschäftigte durch seinen Hauskrieg in Paris, durch seine abenteuerliche Befreiung aus dem Gefängnis in den letzten Wochen lebhaft die französische und außerfranzösische Oeffentlichkeit Er ist der geistige, der publizistische Führer der nationalistischen „Action Francaise". Seine stark judenfeindlich gefärbten Romane werden in Frankreich in Zehntausenden von Exemplaren gelesen. Der ungarische Satyriker Ladislaus L a k a t o s nimmt in einer der letzten Nummern des Stefan Großmannschen „T a g ebuchs" Daudet unter die Lupe. So treffend, so humorvoll und in vielem so wahrheitsgetreu, daß wir einen Ausschnitt aus dem amüsanten Aufsatz unseren Lesern hier vorlegen: „Der große Alphonse Daudet hinterließ viele Romane und zwei Söhne. Die Romane waren ihm gelungen, die Söhne nicht. Leon war der eine, Ernest der zweite. Keiner der beiden hatte die schriftstellerische Begabung des Vaters geerbt, demzufolge wollten selbstverständlich beide Schriftsteller werden. Das ist nur natürlich. Wer als Bourbon geboren wird, will herrschen, wer als Daudet zur Welt kommt will schreiben. Die beiden Daudet-Söhne schrieben eine antisemitische Zeitung. Leon war der Bedeutendere. Leon Daudets Laufbahn wurde von zwei Erinnerungen bestimmt. Die eine Erinnerung ist der Name seines Vaters, die zweite die Dreyfuß-Affäre, die sein ganzes Leben erfüllt. Den Namen seines Vaters mißbrauchte er so lange, bis er ihn verdunkelte. Ein lebendiger Antisemit ist immer interessanter als ein toter Klassiker, und die gesammelten Werke eines Schriftstellers sind nicht imstande, mit den gesammelten Skandalen eines Hetzjournalisten zu wetteifern. Heutzutage lesen in Paris mehr Leute Leon Daudets tobsüchtige Artikel als Alphonse Daudets sonnige Romane, und wenn ich zum Beispiel noch weiß, daß Leon Daudet der Sohn Alphonse Daudets ist, so wird die Generation nach mir bereits wissen, daß Alphonse Daudet der Vater Leon Daudets war. Die Dreyfuß-Affäre. Sie lastet auf Leon Daudets Leben. Mit ihrer vergifteten Romantik, mit ihrer aufregenden Jagd, mit ihren feurigen Phrasen, mit ihren ruhelosen Leidenschaften. Die Affäre liegt bereits über fünfundzwanzig Jahre zurück, für Leon Daudet jedoch sind diese fünfundzwanzig Jahre noch nicht Vergangenheit Für ihn ist seither nichts geschehen, und er hält noch immer bei den gefälschten Dokumenten und unverfälschten Lügen, bei den hundertprozentigen Verleumdungen und übelgesinnten Angriffen. Und auch seine jetzige Flucht aus dem Gefängnis ist

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