Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 36 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT digkeit zur äußersten Zurückhaltung in der Landespolitik abzuleiten, hat der Sejmdeputierte Grünbaum — die „Wahrheit" hat es jüngst aus dem „Haint" zitiert — die Absicht kundgetan, daß die Niederlage des Zionismus in Palästina durch um so eifrigere Propagierung der jüdischnationalen Belange im Galuth paralysiert werden soll. Diese Logik ist sehr merkwürdig, aber sie wird offenbar von den Führern in allen Ländern geteilt. Sie waren schon lange nicht so rührig in der Verfolgung ihrer „nationalen" Galuthpolitik wie in diesem Jahre. Zuerst kam ihr Vorstoß im Berliner Kongreß der Völkerbundligen. Meine Ausführungen über das Fiasko, mit dem diese Aktion endete, kennen die Leser der „Wahrheit" bereits aus Nummer 28 vom 8. Juli d. J. Dieser Mißerfolg hat die Herren nicht gehindert, eine eigene jüdische Zentrale für die Interessen der „jüdischnationalen Minderheiten" zu schaffen, und diese Körperschaft hat in Zürich vom 17. bis 19. August getagt. Aus Oesterreich tauchten als „Vertreter" bei der Tagung Oberrabbiner Dr. Chajes, Dr. Leo Goldhammer und Dr. Oskar Karbach auf. Eine Legitimation hatten diese drei waschechten Jüdischnationalen nicht, da die nichtnationalen Juden — also die überwiegende Mehrheit der österreichischen Juden — wie in diesem Blatte schon gemeldet, von diesem gefährlichen Spiel nichts wissen wollten. Ebenso haben bedeutende jüdische Organisationen des Auslandes eine Beteiligung entschieden abgelehnt, so das American Jewish Comittee (Präsident Louis M a r s h a 11), die A11 i a n c e I s r a elite Universelle in Paris, das Joint Foreign Committee (Lucien Wolf) und schließlich die A g u d a s J i s r o e 1. Der Kongreß war also keine Vertretung der Judenheit der Welt, sondern nur eine Zusammenkunft unlegitimierter Vertreter, deren Beschlüsse unverbindlich sind. Die „Wiener Morgenzeitung" klagte in ihrem Begrüßungsartikel vom 19. August: „Es ist ein beliebter antijüdischer Kunstgriff, die Judenschaft als Feuilleton Des Baumes Gleichnis Von Dr. V. Kur rein. „Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie zu bekriegen, sie einzunehmen, verdirb nicbt den Baum, indem du die Axi daran legst, denn von Ihm nährst du dich; ihn sollst du nicht ausrotten, denn der Mensen ist ein Baum des Feldes . . . . " V, 20,;9 Die vielgelesene Erzählung vom Baume der Erkenntnis, die auf den ersten Blättern der heiligen Schrift verzeichnet ist, drängt dem Nachdenklichen viele Fragen auf. Wieso ist gerade der Baum dazu ausersehen, den Menschen die Erkenntnis von Gut und Böse zu vermitteln? Warum war ein Baum bestimmt, das Geheimnis von Tod und Leben zu hüten? Erstes Gebot und erstes Verbot, das dem Menschenpaare auferlegt wurde, betraf die Bäume Edens. Sie gaben den ersten Menschen die Nahrung; ihre Blätter deckten die Blöße der Nackten. Von Urbeginn war das Schicksal des Menschen mit dem Baume verknüpft. Alle waren erlaubt, einer versagt, und der Mensch opferte dem verbotenen Genüsse das ganze Paradies. Stumm und regungslos steht der Baum an seiner Stelle, fest wurzelt sein Stamm in der Erde. Ewigem Gesetze gehorchend grünt, blüht und trägt er Früchte, um im Winter zu dorren und zu rasten, in unabänderlichem Kreislaufe Jahr um eine einheitliche . . . Masse anzunehmen, die das Gesetz des Handelns von einem versteckten Zentrum erhält." Ja glauben die Zionisten, daß solche internationale Konferenzen, deren Zweck es doch ist, einen einheitlichen jüdischen Willen den verschiedensten souveränen Staaten aufzuoktroyieren, geeignet sind, den erwähnten Verdacht aus der Welt zu schaffen? Wenn die Nichtjuden von einer jüdischen Weltkonferenz hören, denken sie leicht an die „Weisen von Zion". Und sie greifen zu deren famosen „Protokollen", aber nicht zu den wirklichen Konferenzberichten. Die jüdischen Reden auf der „Rechtsschutzkonferenz" in Zürich, sowie auf dem fast gleichzeitig in Genf tagenden Kongreß der nationalen Minderheiten sind daher in die Luft gesprochen und es erübrigt sich, deshalb hier auf die Ausführungen einzugehen, so gutgemeint sie auch gewesen sind. Interessanter als die gehaltenen Reden sind, besonders für uns Oesterreicher, die — verhinderten. Zum Genfer Nationalitätenkongreß wurden nämlich die österreichischen Juden nicht zugelassen. Mit ihnen wurden die Friesen Deutschlands (!) und die Mazedonier (!) abgelehnt, und man kann aus dieser Zusammenstellung die Tendenz der Konferenz erraten, nur solche „nationale" Minderheiten zuzulassen, die ein durch die Tatsachen gegebenes Recht auf diese Bezeichnung haben. Mit der Ablehnung der österreichischen Juden haben die maßgebenden Faktoren gezeigt, daß sie ein größeres Verständnis für die Stellung der Juden in Oesterreich besitzen als die österreichischen Zionistenführer, sogar der Wiener Oberrabbiner. Die Begründung für deren Ablehnung ist interessant genug. Der leitende Ausschuß des Kongresses, insbesondere Präsident Dr. W i 1 f a n, hat es sich nämlich zum Grundsatz gemacht, Gruppen nur dann aufzunehmen, wenn feststeht, daß ihre Bestrebungen die Mehrheit der Volksgenossen hinter sich haben. Und das trifft in unserem Falle wirklich nicht zu, und wird auch so bald nicht zu¬ Jahr der Schöpfung Gebot erfüllend. Es ist ein Bild des Gehorsams, der nur den Willen seines Schöpfers kennt. Darum ist der Baum Träger des ersten Verbotes und als Prüfer für Gehorsam und Ungehorsam ausersehen worden. Von ihm sollte der Mensch lernen, dem Gebot des Schöpfers gehorchen; er hat es nicht getan und das Paradies verloren. Aus dem Garten des Friedens und kampflosen Lebens mußte der Mensch hinaus in eine Welt der Dornen und Disteln, des Daseinskampfes, wo es um Leben und Tod geht. Einen Gedanken von wunderbarer Tiefe bringt der Midrasch, wenn er sagt: „Als Gott das Eisen erschuf, erzitterten die Bäume; das Eisen aber sprach zu ihnen: wenn keiner von euch mir das Holz zum Stiele gibt, sollt ihr von mir nicht beschädigt werden." Der Mensch erfand den Stiel zur Axt, fällte Bäume und machte sie seinem Willen dienstbar — zu Frieden und zu Krieg. Wie das Eisen zu Schwert und Pflugschar geschmiedet wird, muß auch der Baum der Erhaltung und Zerstörung von Leben dienen. Darum sagt die Schrift: „Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, sie zu bekriegen, sie einzunehmen, so verdirbt nicht den Baum, indem du die Axt an ihn legst, denn du nährst dich von ihm, und sollst du ihn nicht ausrotten, denn der Mensch — ist ein Baum des Feldes." Die fruchttragenden Bäume müssen geschont werden, die andern dürfen ihr Holz zu Geräten des Kampfes liefern. „Der Mensch — ein Baum des Feldes." Schon die alten Schriftausleger sind diesem poetischen Worte mit der prosaischen Erklärung zu Hilfe gekommen, daß Leben und Ernährung des Menschen von dem Baume des Feldes abhängt. Es bedarf nicht vieler Worte. Ein baumloses Land ist kein Segen für die