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Die Wahrheit · 1927-09-02 · Heft 36 (2.9.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 36 (2.9.1927)
Date
1927-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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frsffieinf jeden Sveitag £feeis dieses Jtoimnier .* 50 **roscneii 0/E WAHRHEIT CesteTTeitäiscneWotäensdkvift fite jüdische Jnteccsseit Veröffentn&ungen der „Union dteutstäösterr. Juden" Redaktion und Administration: Wien II; JVeinesfeoJfc Jfc. 13 Fernruf 42-2-16 XLIIL Jahrgang Wien, 2. September 1927 Nummer 36 Die abgelehnte Minderheit Als nach vierjährigem Völkermord die Er kenntnis aufzudämmern schien, daß die Methoden des Kannibalismus doch nicht ganz zweckentsprechend sind, die Beziehungen der modernen Staaten zueinander endgültig zu regeln, da wurde es als gutes Omen begrüßt, daß sich just aus dem Lager der Gelehrtenwelt eine Stimme erhob, der aus den Fugen geratenen Welt neue Wege zu weisen. Man folgerte aus der Umkehrung des lange genug erprobten Sprichworts „inter arma silent musae", daß die Wissenschaft die Macht zeigen werde, nun ihrerseits <lem Krieg, und zwar radikal und für alle Zeiten den Garaus zu machen. Indem man all das, was die Menschen immer wieder dazu gebracht hatte, einander blutig zu befehden, dem kleinlichen Gezänke ewig wechselnder politischer Strömungen entzog und es auf die allein wertbeständige Basis der abstrakten Gerechtigkeit stellte, die Wechselbeziehungen der Völker statt nach subjektiven Wünschen nach dem Gebot des objektiven Ethos regelte, schien der Apfel der Erls endgültig begraben. Umsomehr, als der Gelehrte, der diese fundamentale Umwälzung des weltgeschichtlichen Geschehens ins Auge faßte, durchaus . die politische Macht . zu besitzen schien, seine Theorien praktisch durchzuführen: es war der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Wilson. Es ist hier nicht der Platz, die Enttäuschung zu schildern, die die Menschheit — nicht zuletzt wohl Wilson selbst — von der Entwicklung des von ihm geschaffenen Programms erlebt hat. Tatsache ist jedenfalls, daß gerade die Mächtigen der Erde zu den neuen Methoden so erschreckend wenig Vertrauen zeigen, daß sie lieber krampfhaft an den alten, verrufenen festhalten, wie das Fiasko der Abrüstungskonferenz beweist. Das sei hier nur deshalb erwähnt, um zu zeigen, wie viel Ursache zur Vorsicht erst jene geschichtlichen Geheimschaften haben, die keine politischen Machtmittel in die Wagschale zu ihren Gunsten zu werfen haben. Soweit sie nichts zu riskieren haben, mögen sie immerhin getrost auf die Verheißungen der neuen Richtung pochen. So war es von Deutschland klug, in den Völkerbund einzutreten und dort seine im ethischen Sinne unverwirkbaren Ansprüche auf einem Platz in der Sonne geltend zu machen, da ihm ja andere Mittel zu seiner politischen Behauptung derzeit nicht zu Gebote stehen. . . Ganz anders aber stellt sich die Lage der Juden dar. Niemand weiß besser als wir, daß diese Lage durchschnittlich nicht allzu rosig ist, niemand wünscht sehnlicher als wir eine baldige durchgreifende Besserung in dieser Hinsicht herbei. Aber es ist doch zu beachten, daß die jüdische Not heute nicht wie im Mitelalter im Mangel an politischen Rechten begründet ist, sondern in der geflissentlichen Ignorierung dieser Rechte. Sollen nun die Juden in den verschiedenen Ländern gänzlich auf ihre alterworbenen Rechte verzichten, um sie gegen die Zukunftsverheißungen der Wilsonschen Idole zu vertauschen, oder sollen sie nicht lieber das sichere Unterpfand in ihrer Hand festhaltend, ihre verbrieften Rechte zu kräftigerer Geltung zu bringen suchen? Das ist die große Frage, die durch die jüdischnationale Aktivität zur Erlangung „jüdischer Minderheitsrechte" dringlich geworden ist. Der Zionismus glaubt aus dem Weltkrieg moralisch gestärkt hervorgegangen zu sein. Balfour hat seine Ansprüche auf Palästina, Wilson, bzw. dessen europäische Interpreten haben die jüdischnationalen Belange im „Galuth" anerkannt. Trotzdem steht es um die R e a 1 i s i e r u n g der jüdischen Heimstätte in Palästina trauriger als je. Hierüber wird im Anschluß an den Zionistenkongreß wohl noch manches zu sagen Gelegenheit sein. Was schon bisher in der letzten Zeit gesagt worden ist — auch von führender z io ai st i scher Seite! — müßte eigentlich die Jüdischnationalen zur größten Bescheidenheit erzogen haben. Den Zustand der rechtlichen Absonderung von der „Mehrheitsnation*4 in den einzelnen Ländern haben die Juden ja im Mittelalter genossen und es ist kaum anzunehmen, daß dieser Genuß irgend einer jüdischen Partei als wieder erstrebenswert vorschwebt. Ein Sieg der jüdischnationalen Ideologie im Galuth bei gleichzeitiger Niederlage des Zionismus in Palästina kann gar nichts anderes bedeuten als eine faktische Rückkehr ins Ghetto. Das bedarf wohl keines ausführlichen Beweises. Auch im Zionistenlager selbst scheint diese Erkenntnis durchaus verbreitet. So erklärt sich gewiß auch die Massenabwendur.g der Wiener Juden von der jüdischnationalen Landespolitik, die sich bei der heurigen Nationalratswahl gezeigt hat. Leider scheinen aber die Führer solche Winke mit dem Zaunpfahl nicht zu verstehen. Statt aus der Palästinakrise, die nicht bloß eine wirtschaftliche, sondern eine politische ist, die Notwen-

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