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Die Wahrheit · 1927-08-26 · Heft 35 (26.8.1927) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 35 (26.8.1927)
Date
1927-08-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 fl ffllllfl^ DIE WAHRHHÜ Vewöffentti€tknnij>en der jUnion deuisdkösteBteidkisdkev Juden Wien IX. Serggosse U (fostsipax&cnssen- JKonfo Jflr. M0% <T<eI. Y0-2-77 Die Wiener Revolution—eine „Judenmache0c. Die Redaktion der Berliner „C. V.- Zeitung" hat den Schriftäeiter unseres Blattes Oskar Hirschfeld als Sekretär der „Union deutschösterreichischer Juden" ersucht, zu den Verleumdungen und Lügen der antisemitischen Blätter im Zusammenhang mit den Wiener Schreckens tagen in einer ausführlichen Erwiderung Stellung zu nehmen. Wir gegeben diesen Artikel gekürzt wieder. Nach dem furchtbaren Unglück, das Wien, die Stadt des Frohsinns, am 15. und 16. Juli d. J. durch die blutige Revolte heimgesucht hat, ist nun wieder die Ruhe in unsere friedliebende Stadt eingekehrt, deren sie zur Wiederherstellung ihrer schwer erschütterten Weltgeltung dringend bedarf. Nur einer Partei geht diese Beruhigung der aufgeregten Gemüter gegen den Strich: unseren Antisemiten. Sie hetzen stärker als zuvor und werden durch ihre reichsdeutsch en Gesinnungsgenossen würdig unterstützt. Vor mir liegt eine Anzahl völkischer Zeitungen, die in gehässiger und herausfordernder Form über die Wiener Vorfälle berichten und die Ausschreitungen sowohl in ihrer Entstehung als auch in ihrer Durchführung als Ergebnis der Bemühungen jüdischer Hintermänner hinstellen. Man könnte, ein Wort unseres Bundeskanzlers Dr. Seipel aus seiner großen Parlamentsrede nach den Unruhen, „daß noch nie eine Regierung und ein ganzes Land unschuldiger in blutige Wirren hineingestoßen wurden als diesmal", variierend, das Gleiche auch von den Juden behaupten, aber was nützt dies, unsere Antisemiten wollen ernster genommen werden, und so seien ihre haltlosen Anwürfe hier ausführlicher widerlegt Was hat die Wiener Revolution mit den österreichischen Juden zu tun? Natürlich ist ihre Anteilnahme an dem Unglück, das ihren Staat getroffen, als seine treuen Bürger, sehr groß; sie haben auch drei Tote zu beklagen, bei deren ehrenvoller Bestattung durch die Wiener Kultusgemeinde auffallenderweise kein Vertreter der Regierung und der Stadt Wien zugegen war. Aber wo bleibt die ihnen angedichtete Urheberschaft, wo ihre aktive Teilnahme an den Ausschreitungen? Die Völkischen wollen sie beweisen. Zunächst wird sogar die Tatsache geleugnet, daß auch Juden unter den Opfern der Revolution seien. So schreibt die „Nymphenburger Zeitung". „Frage und Antwort: In Wien hat der rote Terror 150 Menschen das Leben gekostet, und über 1000 Menschen wurden verwundet. Befindet sich darunter ein Jude? Nein! Wäre einem Juden etwas passiert, so wäre die ganze Welt voll von dem Gezeter der Jidden über ein Pogrom." Sodann wird bestritten, daß das Urteil im SchattendoTfer Prozeß die Ursache der Empörung gewesen sei. Wohl stellte selbst der Landeshauptmann vom Burgenland erst unlängst in der Trauerkundgebung des Burgenländischen Landtages fest, daß „die verhängnisvollen Schüsse in Schattendorf den Anlaß zu der Explosion in Wien gegeben haben", aber viel genauer kennt die Ursache Herrn Hitlers „Völkischer Beobachter" („Die Schwesterrepublik demonstriert"): „Nicht das UrteM im Schattendorfer Prozeß, sondern der 138. Jahrestag der Erstürmung der BastHle war der Anstoß zur dritten österreichischen Revolution." Ausgerechnet der 138. Jahrestag! Dieses Rechenkunststück hat — abgesehen von seiner Hirnrissigkeiit — nur einen Fehler: die Erstürmung der Pariser Bastille fand nämlich am 14. Juli 1789, nicht am 15. statt Noch besser Bescheid weiß Graf Reventlows „Reichswart" („Das Sturmzeichen von Wien"): ,J3en eigentlichen Schlüssel bildet die folgende Tatsache: Die Furcht vor der erstarkenden Verbindung des sozialistischen mit dem nationalen Gedanken." Diese Bemerkung zwingt den Kenner der österreichischen Verhältnisse zu herzlichem Lachen. Bei uns ist bekanntlich das ohnehin nicht große Lager der Hakenkreuz 1 e r noch in vzwei Teile gespalten, die sich untereinander auf das heftigste befehden, in die österreichischen Nationalsozialisten und in die „Hitler- Bewegung". Die zwei Gruppen sind auch bei den Wahlen getrennte Wege gegangen, aber * beide gleich — durchgefallen. Das ist die angebliche „Erstarkung"! Der Augsburger „Deutsche Michl" („Der Wiener Skandal — Judenmache") schreibt: „Das Volk, so hieß es — während es in Wirklichkeit hätte heißen müssen: die Wiener Juden und die von denselben verhetzten Massen — war über diesen Freispruch empört, und nun ist es sehr interessant zu hören, daß größtenteils Arbeiter und Mitglieder der sozialdemokratischen Gewerkschaften bei diesem Freispruch mitgewirkt haben. Diese und ähnliche Feststellungen lassen aber die Judenblätter kalt, sie verschweigen absichtlich die Namen der Geschworenen." Das ist bewußte Unwahrheit. Alle Wiener Tagesblätter, von rechts bis links, brachten zu Beginn des Prozesses und größtenteils auch bei seiner Beendigung die Liste der Geschworenen; von ihnen war nur ein kleiner Teil Arbeiter, die der „Deutsche Michl" wider besseres Wissen zu „Mitgliedern der sozialdemokratischen Gewerkschaft" macht. Der „Deutsche Michl" bringt weitere „Beweise": „Daß der Saustall (sehr pietätvoll!), der in Wien inszeniert (!) wurde und wobei (sie!) eine Reihe Menschen den Tod gefunden haben, nichts weiter als eine Judenmache war, dürfte seinen Beweis darin finden, daß der erste Ansturm der verführten Massen sich gegen die Universität gerichtet hat, allerdings mit einem Erfolg, den die Judenmeute nicht erwartet haben dürfte. Die aufgestellten Maschinengewehre ließen erkennen, daß die Studenten mit sich nicht spassen lassen." Wieder eine Lüge! Maschinengewehre wurden während der ganzen Revolte — selbst seitens der Polizei — nicht benutzt; auch die völkischen Studenten hatten keine aufgestellt, und es war überhaupt von diesen sonst so radaulustigen Helden an diesem Tage keine Spur zu finden. Die Arbeiterordner und die Wache schützten vielmehr die Universität; ihre Bestürmung findet ihre Erklärung darin, daß sie, wie auch in diesen Blättern des öfteren dargelegt wurde, der Herd der österreichischen Reaktion ist und daß die dort mit Einwilligung des Rektors abgehaltenen Schießübungen die Arbeiterschaft schon seit langem empörten. Der „Deutsche Michl" kennt aber einen anderen Grund für den Angriff auf die Universität: „Warum sich der Zorn der Juden gerade in erster Linie gegen die Universität richtete, findet seinen Grund darin, weil es noch nicht lange her ist, daß der Eintritt, beziehungsweise die Aufnahme von Judenabkömmlingen abgelehnt worden ist." Hier ist der Wunsch der Vater des Gedankens; die Numerus-clausus-Bestrebungen der hakenkreuzlerischen Studenten blieben bisher trotz aller ihrer Krawalle und Drohungen ohne jeden Erfolg. * Haarsträubende Einzelheiten wissen die völkischen Blätter natürlich über die verschiedenen Episoden der Schreckenstage zu berichten; sie alle aufzuzählen, verbietet der Raummangel. Aber einzelne Beispiele mögen aufgeführt werden:

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