Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 35 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064333--15652-3088449- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m VW. WAHRHEIT Seite 9 Spanien weiter zu leben. Zum Werkzeug dieses Kindesraubes hat sich einer der Famiiiaren der Inquisition, Don Gomez, hergegeben, der an Lea wegen verschmähter Liebe Rache nehmen will. Mit einem eisernen Brief Torquemadas ausgerüstet, ist er nun den jüdischen Flüchtlingen nach Neapel vorausgeeilt, fährt fort, hier Lea mit seiner Zudringlichkeit zu verfolgen, und da er immer wieder von Lea abgewiesen wird, will er alle Juden seine Rache fühlen lassen, wühlt das Volk von Neapel gegen sie auf, indem er verbreitet, daß die jüdische Hexe Lea hergekommen sei, um durch ihre Zauberkünste Verderben über die Stadt heraufzubeschwören. Und als im Lager der schwergeprüften Flüchtlinge Krankheiten ausbrechen, hat Don Gomez es leicht, die Wut des Volkes so weit aufzustacheln, daß der schauerlichste Pogrom in der Luft schwebt. Allein Don Gomez hat sich infolge seiner unbändigen Geilheit hier bereits in eine unsaubere Affäre verstrickt, die ihm beinahe den Kopf kostet. Der König wendet seinen Schutz von den Juden nicht ab. König Ferdinand weiß nämlich nicht nur die ökonomische Bedeutung der jüdischen Einwanderer für die Hebung des Handels und der Wohlfahrt seines Landes zu würdigen, er legt auch hohes Gewicht darauf, daß Don Isaak Abarbanell in seine Dienste trete als Diplomat und Finanzmann. Don Isaak, der im 55. Jahre seines Lebens steht, hat hinter sich eine ruhmreiche Läufbahn als Finanzminister Portugals und Spaniens, er ist in den Staatsgeschäften sehr erfahren, und sein bewährter Rat hat schon manch verwickeltes Diplomatenspiel meisterhaft gelenkt. Der König von Neapel behandelt ihn mit wahrhaft fürstlicher Zuvorkommenheit und bietet alles auf, um ihn an sein Land und seinen Hof zu fesseln. Don Isaak Abarbanell ist eine tiefe und komplizierte Natur, ein Mensen mit seinem Widerspruch. Zwei Seelen kämpfen in seiner Brust, die des Gedankenmenschen und die des Tatmenschen; er fühlt sich zu den Problemen der Wissenschaft hingezogen und möchte sich dem kontemplativen Leben widmen; gleichzeitig aber drängt ihn die aktive Seite seiner Natur, in das Getriebe des lebendigen Lebens einzugreifen, den Gang der Dinge nach seinem besseren Wissen und Können zu regeln und der Geschichte seiner Zeit das Gepräge seines Geistes aufzudrücken. Dieser Drang zur Tätigkeit ist um so stärker, als er durch die Dienste, die er dem König und der Politik erweist, die Möglichkeit gewinnt, seinem Volke zu nützen und ihn in der Stunde der Gefahr Schutz zu gewähren. In außerordentlich subtilen Farben werden uns hier jene Stimmungen der Sehnsucht gemalt, die bisweilen Don Isaak beschleichen, die Stimmungen der Sehnsucht nach dem friedlichen Reich des reinen Gedankens, aus dem ihn immer wieder das Pflichtgefühl des Führers auf die Arena des praktischen Handelns hinaustreibt; sein Volk bedarf seiner, er hat nicht das Recht, sich ihm zu entziehen. Als er aber die bittere Enttäuschung erleben mußte, daß alle seine Verdienste um das spanische Königspaar ihm nicht geholfen hatten, das Verhängnis von seinem Volke abzuwenden, wächst in ihm die Sehnsucht nach ruhiger, wissenschaftlicher Arbeit, und in ihm erwacht die Hoffnung, diese Sehnsucht erfüllt zu sehen, sobald er das Schicksal der Flüchtlinge auf süditalienischem Boden unter dem Schutze des Königs Ferdinand gesichert hat. Doch der Preis dafür ist eben, daß er der Freiheit entsagt und sich dem Dienst des Königs widmet. In der äußerst lebhaften Schlußzsene, als das Volk erfährt, daß der König selber sich dafür eingesetzt hat, die Verleumder der Juden zum Schweigen zu bringen und seinem Führer, dem es diese Wendung verdankt, eine geräuschvolle Ovation darbringt, stellt ihn eben dieses Volk auch für die unbegrenzte weitere Zukunft an die Spitze, bürdet ihm die Lasten und die Verantwortung des Führers auf und ertötet in ihm den letzten Funken der Hoffnung, daß er einmal in die ruhige Stille sich würde flüchten können. Mit grammerfüllter Stimme flüsterte er: „Hab' ich nicht an einer Knechtschaft genug? Bin ich nicht schon wieder Minister des Königs? Soll ich auch noch Knecht der Menge bleiben?" Er bleibt ihr Knecht, denn er ist ihr Führer. Sigma. Wanderfürsorge. Oesterreich ist von jeher das Durchzugsland von Ost nach West gewesen. Für Polen, das trotz seiner großen räumlichen . Ausdehnung infolge der ungünstigen wirtschaftlichen Lage für einen Großteil der ausgebildeten. jüdischen Handwerker keine Erwerbsmöglichkeit bietet, ferner für Ungarn, wo infolge der antisemitischen Einstellung der Landbevölkerung in den kleineren Ortschaften am flachen Land© sogar landwirtschaftlich praktisch geschulte Menschen und wegen des Numerus clausus an den Hochschulen vielfach auch Intelligenzler zur Auswanderung gezwungen werden. Eine ungeheure Vermehrung dürfte diese Wanderuns noch nach Oeffnung der Grenzen von Sowjetrußland erfahren, wo sich eine fast vollständige Proletarisierung des jüdischen Mittelstandes vollzogen hat. Diese Wanderung dürfte Oesterreich nur insoweit berühren, als die dazwischenliegenden Staaten die Durchwanderung gestatten werden. Hingegen müßte Deutschland darauf gefaßt sein, diesen Wanderstrom zu regeln, um von ihm nicht überflutet zu werden. Nur ein Zusammenschluß der jüdischen W anderfürsorgeorganisationen kann hier Abhilfe schaffen; es müßte durch diese Zentralorganisation in Durchzugsländern, wo keine Wanderfürsorgeorganisation besteht, eine solche geschaffen werden. Die jüdische Wanderfürsorgezentrale für das Deutsche Reich in Berlin umspannt mit ihrer festgefügten Organisation das ganze Reich von Grenze zu Grenze mit Hilfsstellen; diese hat zuerst erkannt, daß es nicht genügt, Menschen mit Fahrkarten zur Weiterreise den Nachbargemeinden, bzw. dem Nachbarstaate zuzuschieben, sondern durch Schaffung von gutfunktionierenden Arbeitsnachweisen, zwecks Beschaffung von Arbeitsplätzen die Wanderarmen möglichst produktiv zu machen. Dem Vernehmen nach besteht auch die Absicht, durch Gründung von landwirtschaftlichen und gärtnerischen Betrieben in der Nähe von großen Städten, nicht nur die Arbeitsmöglichkeit zu vermehren, sondern sogar diejenigen Wander armen, die sich körperlich hierfür eignen, durch Beschäftigung in diesen Betrieben, einer Berufsumschichtung zu unterziehen. Einen Beitrag zur teilweisen Lösung des Wanderproblems will ich durch nachfolgende Anregung geben: Durch die Konzentration der Industrie und des Handels in den Städten, ferner durch die Vergenossenschaftung der Bauern (Raiffeisenkassen) zur gemeinsamen Verwertung der Bodenprodukte; haben die Verdtenstmöglichkeiten für die jüdischen Kaufieute am flachen Lande* fast ganz aufgehört, so daß man beobachten kann, daß wo früher große jüdische Gemeinden bestanden haben, heute nur noch ein paar jüdische Familien vereinzelt wohnen. Da wäre der Hebel anzusetzen. Es wäre in diesen kleinen Gemeinden zu erheben, für welche Handwerker, bzw. Familien, Verdienstmöglichkeiten bestehen und ob seitens der ansässigen Juden die Geneigtheit vorhanden sei, jüdische Familien und Handwerker anzusiedeln. Es müßte eben die umgekehrte Entwicklung vor sich gehen, und zwar die Abwanderung der überschüssigen jüdischen Stadtbevölkerung aufs flache Land und teilweise auch deren Berufsumschichtung, daß man die Elemente der Wanderarmen, die zur Landwirtschaft tauglich sind, auf Erbpachtgründen, die durch Parzellierung großer Güter gewonnen werden könnten, ansiedelt; ferner daß Handwerker, denen nur soviel Boden gegeben würde, als sie zur Fechsung des eigenen Bedarfes an Bodenprodukten nötig haben, darüber hinaus den weiteren Lebensunterhalt durch Ausübung ihres Handwerkes dazu erwerben. (Jüdische Kolonien in der Heimat!) Die Solidarität der Juden aller Länder ist stark genug, um dieses Projekt Wirklichkeit werden zu lassen; denn was in Mittelalter möglich war, als die Wanderung eine konstante war, die Juden durch Austreibungsedikte von Gemeinde zu Gemeinde; von Land zu Land gehetzt und gejagt wurden, wie die in den verschiedenen Ländern noch vorkommenden Städtenamen als Familiennamen wie „Wiener" in Deutschland, „Frankfurter" in Polen und Ungarn, „Morpurgo (Marburger) in Italien, ferner die spanischen und portugiesischen Namen der holländischen Juden beweisen, daß dieser Wanderstrom immer von den verschiedenen Gemeinden aufgesogen wurde, ist vielleicht auch heute noch möglich. Unterbringungsmöglichkeiten bestünden in Teilen der Tschechoslowakei und Jugoslawien. Hierzu wäre die Schaffung eines Büros in Wien notwendig, welches die Erhebungen und Vorarbeiten in dieser Richtung zu leisten hätte. Das Wiener Büro hätte auch durch Bereisen der betreffenden Gegenden, die Unterbringungsmöglichkeiten an Ort und Steile zu studieren. Mernes Erachtens wäre es trotz der Absperrungsmaßnahmen der hierfür in Betracht kommenden Staaten möglich, im Verhandlungswege zu erreichen, daß die Einwanderung produktiver Elemente in obgeschilderter Weise zugelassen würde. Der jüdischen Oefientlichkeit zur Diskussion. Rabbiner Bela Fischer.