Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 35 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 mit der Frage über die Abstammung Columbus' beschäftigt, daran, daß „nach den Schriftstellern seiner Zeit, den Aufzeichnungen seiner Freunde und auch den Briefen seines Sohnes Fernando — die in Sevilla im Indien-Archiv aufbewahrt sind — Columbus körperlich, geistig und moralisch alle Eigenschaften der jüdischen Rasse besaß, mit ihren Vorzügen, wie ihren Mängeln". Professor Noeli weist unter anderem darauf hin, daß eine Madrider Zeitung einen großen Preis für die beste Arbeit ausgesetzt hat, in welcher am schlagendsten die spanische Nationalität Columbus' bewiesen wird. Der spanischen -Zeitung und vermutlich auch der Jury, die sie eingesetzt hat, dürfte es kaum bekannt sein, daß der Rabbiner Dr. M. K a y s e r 1 i n g, der vor sieben Jahrzehnten in den Archiven zu Barcelona, Madrid, Saragossa u. a. Forschungen betrieb, die er auch in einem Buche „Christoph Columbus und der Anteil der Juden an den spanischen und portugiesischen Entdeckungen" verwertete, ein reiches Material gesammelt hat, aus dem die Abstammung des Columbus von Marrannen hervorgeht. Rabbiner Dr. Kayserling hebt auch mit Nachdruck hervor, daß Columbus mit Vorliebe immer die Bibel las und nach seiner eigenen Behauptung nicht durch die Wissenschaft, sondern durch die Prophezeiungen des Jesaias den ersten Impuls zu dem Plane seiner Entdeckungen gewonnen hatte. Wer auch nur das Werk Kayserlings liest, kann überzeugt sein, daß Columbus, wenn er heute lebte, keine Aussicht hätte, an der Wiener oder der Pester Universität eine Dozentur Geographie zu erreichen. * .,. * * Der Vertreter Ungarns bei einer offiziellen Veranstaltung in Washington hat auf eine peinliche Anfrage über den Numerus clausus folgende merkwürdige Antworten gegeben: Erstens: Der Numerus clausus hat nichts mit der konfessionellen, sondern nur mit der ökonomischen Frage zu tun. Zweitens: Die Juden müssen unter dem Numerus clausus leiden, weil unter den bolschewistischen Führern in Ungarn viele Juden waren. Es ist vielleicht überflüssig darauf hinzuweisen, daß von den zwei Antworten jede der anderen auf den Fuß tritt. Aber wenn man davon ganz absieht, so dürfte man doch fragen: Ist die ökonomische Lage in Ungarn ein Ding, welches nur Katholiken und Protestanten berührt? Und gab es nicht unter den bolschewistischen Führern auch Katholiken und Protestanten? Wenn man die seltsame, widerspruchsvolle Rechtfertigung des Numerus clausus in Ungarn ernst nähme, dürften an den ungarischen Universitäten nur — Ausländer studieren, aber sie dürften weder Juden, noch Katholiken, noch Protestanten sein. Ego. EinhebräischesFührerdrama. Jehuda Leo Landau hat fast zwei Jahrzehnte lang geschwiegen. Nachdem er einen Zyklus glänzender historischer Dramen abgeschlossen hatte, die mit dem Jugenddrama „Bar Kochba" begannen und bis zur Zeit des Herodes zurückreichten, und in dem getragenen Versstil, in klassischem biblischen Hebräisch gehalten waren, — vermißten die Freunde hebräischer Poesie lange seine Stimme im Chor der Dichter. Nur ein schmales Bändchen Lyrik, darunter einige wohlgelungene Uebersetzungen aus fremden Sprachen, ließ er erscheinen. Dem Drama schien er Valet gesagt zu haben. Er hatte sich inzwischen anderen Gebieten zugewandt Er wurde mmjmtmiümiiuiinmhiniinfinmnnnifniimnh^i/niTiiinn die Wahrheit Chief Rabbi der südafrikanischen Judenheit mit dem Sitz in Johannesburg und Professor an der dortigen Whitwatersrand Universität. Dort hielt er unter anderem Vorlesungen über die moderne hebräische Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, die von der genannten Universität im Druck herausgegeben wurden, wohl das erstemal, daß diese Literatur der Gegenstand von Vorlesungen an einer englischen Universität war. All das mochte ihn wohl von der dichterischen Produktion abgebracht haben. Schließlich kehrte er aber do;h zu seiner ersten Liebe zurück. Nun hatte er sich anderen Problemen und anderen Epochen zugewandt. Ein Drama, welches das Problem der „Väter und Söhne" auf dem Hintergrunde der zionistischen Bewegung dichterisch gestaltet, spielt in der jüngsten Vergangenheit in seiner Vaterstadt Lemberg. Zwei andere Dramen behandeln das psychologische Problem des Führers, welches auch in der modernen europäischen Poesie vielfach dargestellt wurde. Das eine dieser Dramen, das hier analysiert werden soll, hat Don Isaak Abarbanell zum Helden*), das andere R. Israel Baal-Schern. Kann man sich einen größeren Gegensatz denken, als den zwischen Don Isaak Abarbanell und Israel Baal Schern? Und beide waren Führer ihres Volkes. Der eine ein spanischer Grande aus der Blütezeit dieser Kaste, der andere ein jüdischer Dorfproletarier aus dem Polen des 18. Jahrhunderts. Der eine Sproß der Davidischen Dynastie — der Stammbaum der Abarbanells war vielleicht der einzige authentische, — der andere der Sohn eines armen podolischen Schankwirtes. Der eine gesättigt mit den feinsten Säften der Antike und der beginnenden romanischen Renaissance sowie der jüdischen Denker und Dichter des Mittelalters, der andere kärglich gefüttert mit Abfällen vom Tische polnischer Talmudschüler und den Gespinsten jüdischen und nichtjüdischen Volksglaubens. Der eine Verfasser einer großen Anzahl von Werken, die von hoher sprachlicher und gedanklicher Kultur Zeugnis ablegen; vom anderen ist uns nicht eine authentische Zeile erhalten, nur seine Jünger haben uns seine Gedanken und Geschichten überliefert, in einem Gewände, das nichts weniger als anmutig und reizvoll ist. Die Umgebung des einen eine kulturell und wirtschaftlich hochstehende Schicht, des anderen: eine verarmte, unwissende, hilflose Masse. An den beiden entgegengesetzten Polen der Geschichte und des Lebens stehend, waren beide Führer ihres Volkes. Beide erlebten innerlich ein tragisches Schicksal, welches die Geschichte nicht verzeichnet, welches zu gestalten einem Dichter gegeben ward. Das Abarbanell-Drama ist trotz alles Erschütternden auf einen helleren Ton gestimmt, entrollt ungleich anmutendere Bilder als das andere. Es spielt im Süden, unter sonnigen Menschen. Hochragende Paläste, leuchtende Berge, einer der herrlichsten Häfen des Mittelmeeres bilden den Hintergrund. Nach seiner Gewohnheit setzt Landau auch in dieser Dichtung eine Fülle von Gestalten in Bewegung, die den Hauptfiguren als Staffage dienen und zugleich die verschiedensten Menschentypen ihrer Zeit sehen und verstehen lassen. Dann kommen die großen Massen, der stumme Held, der Gegenspieler des dramatischen Heros, aber der eigentliche Träger des Schicksals. Don Isaak Abarbanell steht an der Spitze seines Volkes beim Auszug aus dem gelobten Lande Spanien — nicht in eine gesicherte Heimat, sondern in eine andere Herberge. Diesmal ist es Neapel, dessen kluger und vornehm denkender König Ferdinand die vertriebenen Juden eingeladen hat, sich in seinem Lande niederzulassen. Auf einem weiten Platz vor dem Hafen von Neapel haben die soeben gelandeten Juden ihr Lager aufgeschlagen. In den Szenen, die sich hier abspielen, wird mit vollendeter dramatischer Kunst der ganze historische Hintergrund des Schauspiels gezeigt. Einige der auftretenden Hauptpersonen charakterisieren sich in anmutiger Rede und Gegenrede so trefflich, daß sie lebendig vor uns dastehen und wir gespannt warten, wie sie im Verlaufe der lebhaft einsetzenden Handlung sich entwickeln werden. Die Intrige des Dramas ist geschickt ersonnen und zeigt im Erlebnis der einzelnen handelnden Personen, wie durch ein riesiges Vergrößerungsglas, das Schicksal des ganzen Volkes und der ganzen Generation. Dem Sohne Don Isaaks, Don Jehuda, und seiner Frau Lea wurde ihr einziges Kind entrissen und der Taufe überantwortet. Isabella und Ferdinand von Spanien gedachten nämlich auf diese Weise, den jüngeren Abarbanell, dessen Dienste als Arzt sie nicht entbehren mochten, zu veranlassen, sich von seinem Volke zu trennen und als Christ in *) Erschienen im Verlag der „Hebräischen Encyklopädie" J. D. Eisenstadt, New York, Canal Street 123.