Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 35 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Kindergärtnerinnen ergreifen. 1889 gründete sie Kurse für Kinderpflegerinnen und Bürobeamtinnen. Während ihrer 40jährigen Tätigkeit im Mädchenunterstützungsverein verhalf sie einer unübersehbaren Schar jüdischer junger Mädchen zu wirtschaftlicher Selbständigkeit. 1900 wurde sie Mitbegründerin der Frauenvereinigung für soziale Hilfstätigkeit und Leiterin der Gruppe „Unterricht". Sie errichtete im 20. Bezirke einen Hort für schulpflichtige Mädchen, 1914 in den Räumen des Mädchenunterstützungsvereines Flüchtlingskurse, die einen überaus großen Zuspruch kriegsflüchtiger jüdischer Mädchen aufwiesen. Sie wurden den Gefahren der Straße entzogen und zu einem ehrbaren Berufe herangebildet Gegienwärtig ist unsere Jubilarin Vorsitzende der „Weiblichen Fürsorge", die von ihr geschaffen wurde und trotz der Not der Zeit aktiv, wie sie selbst agil ist, und Vizepräsidentin der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen. 25 Jahre lang war sie Chefredaktrice von Ulsteins „Blatt der Hausfrau". Noch heute arbeitet sie, z. T. leitend, an angesehenen Zeitungen des In- und Auslandes mit. Immer und überall trat sie in Wort und Tat für die Rechte, aber auch für die Pflichten ihrer Mitschwestern auf. Auch durch dieses Wirken in weiterem Kreise 'eine Zierde unseres Stammes- und Glaubensverbandes. Der Talmud sagt, die Jahre über 80 seien lästig. Sicherlich nicht, wenn man, wie unsere Freundin, sie nicht spürt, wenn man, wie sie, ein anderes Wort unserer Weisen wahrmacht, daß mit 80 erst die rechte „Gewura", die „Stärke", komme. Wer nimmt es an „Gewura" mit ihr auf, die noch heute bis zum Leichtsinn Wind und Wetter verachtet, wenn es einem geistigen Genüsse gilt, mit ihr, der eine stählerne Gesundheit zu Gebote steht, deren Körper an Elastizität mit dem Geiste wetteifert? Sie zeigt uns, daß der Geist stärker ist als jener meist unliebsame Gast, den man „das Alter" nennt, und der Wille mächtiger als Mißgeschick und Menschentrotz. Das zeigt sie uns und soll sie uns zeigen, — auch jenseits der 80! Wer, wie sie, neben der Sorge für eine große Familie Zeit und Energie aufbringt, vor den Schulbehörden die Meisterprüfung zu bestehen, der meistert auch in der Schule des Lebens jede Aufgabe und Prüfung. Mit den Worten Ovids an Germanicus wünschen wir darum Regine Ulmann nur eines: Dii tibi dent annos. de te nam caetera sumes. „Der Himmel gebe dir Jahre! Alles andere gibst du dir selbst." Personennamen der deutschen Juden. Von Regierungsrat Dr. Emil Weinberg. (Schluß.) Neue Namenschöpfung: Judennamen. „Seit dem 16. Jahrhundert wurden die Familiennamen alK gemein. Jedermann mußte im Interesse des Staates und der Rechtssicherheit eine solche Auszeichnung besitzen, die ihn schon von weitem kenntlich machte; wer keine hatte, bekam eine solche von Obrigkeits wegen zugesprochen. Ohne Zusatz war er ein Niemand. Erst mit Zusatz wurde er ein ordentliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft Das war der Fall bei den Juden, mit denen der Staat .seine liebe Not hatte, weil sie heirnat- und besitzlos, diese Entwicklung nicht teilten, es auch aus Gründen der Pietät ablehnten, andere als ihre alten heiligen, hebräischen Vornamen zu führen. Sie mußten von der Regierung gezwungen und mit Familiennamen wie mit Brandmarken versehen werden; das geschah zuerst in Oesterreich im Jahre 1782, unter Joseph II. Er betraute den Hofkriegsrat mit dem Geschäft: in allen Provinzen des Kaissrstaates wurden Kommissionen ernannt, die Juden zu Familiennamen verhelfen sollten. Da ging es an ein Schädelspalten, wie der Dichter sagt; jede Wiederholung innerhalb eines Sprengeis war zu vermeiden. Ein Stallmeister, ein Leutnant ein Auditor, dazu je ein christlicher und ein jüdischer Vertrauensmann aus der Gemeinde bildeten diese Kommissionen, die sich ihrer Aufgabe mit der nötigen Schneid entledigten. Worauf die Juden durch Patent vom 23. Juli 1787 zur Führung festbestimmter und erblicher Familiennamen verpflichtet wurden. In Frankreich geschah dasselbe unter dem ersten Napoleon (1808); herauf folgte Preußen (Edikt vom 11. März 1812, Hardenberg), Bayern (Edikt vom 10, Juni 1813) und Württemberg (Gesetz vom 25. April 1828). Seitdem datieren die modernen europäischen Judennamen. Von Stallmeistern wurden sie geschaffen, sie waren auch danach. Diese Kommissionen paßten zu dem Geschäfte wie der Esel zum Lautenschlagen. Wenn sie ein gewisses Verständnis gehabt hätten, so würden sie auf dem bereits gelegten Grunde weitergebaut und die Anfänge weiter entwickelt haben. Denn einen gewissen Anhalt boten ihnen die Juden selbst; einzelne Zunamen bestanden am Ende schon, wie sie sich überall bilden, wo Menschen sind. Mit ben, Sohn, gebildete Patronymika, wie Ben-ary. Ben-fey, Ben-levy; Amtstitel wie Halevy, will sagen: Levit und Kahen, Priester, gewöhnlich gesprochen: Kohen, Kohn und geschrieben: Cohn, ein Nachkomme Aarons, Wandernamen, hergenommen von den Ländern, woher sie kamen, zum Beispiel Reiser, Epheser, Franzos, ein polnischer Jude, der eine Zeitlang in Nancy gewesen. Aschkenasi — soviel wie Deutsch — Städtenamen wie Cassel und Häusernamen wie Hirsch und Löwe. Man sieht die Juden hatten wirklich ebensogut Familiennamen wie die Christen, sie brauchten nur behalten und offiziell gebucht und dann fortgesetzt zu werden. Statt dessen wurde täppisch und mechanisch zugegriffen und gutes Muts genommen, was in der Welt sonst einen Namen hatte, mochte es einen Sinn geben oder nicht. Als eine gute Quelle schienen sich den Kommissionsräten^ die schon manche Spuren davon vorfanden, die drei Naturreiche darzubieten, wo es von Namen wimmelte, und wo man nach Herzenslust abschreiben konnte, ohne etwas zu erfinden. Man schlug also die Naturgeschichte auf und ging das Tierreich, das Pflanzenreich und das Steinreich durch, um die Kinder Israel mit Namen zu versorgen: den nannte man Kuh, den Wolf, einen dritten Kanarienvogel, einen vierten Adler, einen fünften Wasserstrom, 'einen sechsten Mandelbaum, einen siebenten Silber, einen achten Rubinstein, einen neunten Bernstein oder Arnberman plagte sich wie ein Gott sechs Tage lang mit Gattungen und Arten, nicht ohne den wackeren Hebräern nebenbei etwas Kurzweiliges anzuhängen, sie meinetwegen Eselshaupt oder Rindskopf, Mandelblüt und Veilchenduft zu taufen. Reichte das noch nicht zu, so hielt sich der Hofkriegsrat an das ganze deutsche Wörterbuch und suchte sich ein paar hübsche Eigenschaftswörter aus, zum Beispiel das Adjektivum süß mit seinen Kompositionen. So kreierte man den Jud Süß, den Zuckersüß, den Zwiebelsüß, den Süssermann. den Sußmann und last not Teast! den Bankier Sieskind. Hirsch Lammfromm aus Buttenwiesen konnte sich mit Moses Himmelblau aus Krakau, Ernst Profitlich aus Unkel am Rhein mit Aaron Zentnerschwer, Isaak Kirschrot mit Rebekka Schamrot paaren. Ueberhaupt war es bei den Beamten Regel, den Leuten Prädikate von möglichst großer Besonderheit das heißt oft ganz verrückte Namen zu oktroyieren, mit denen sie spielten wie die jungen Hunde mit den Bammeln, PulverbestandteiL Temperaturwechsel, Kanalgeiuch und dergleichen. In Frankfurt am Main kommt der Jude Ephraim aufs Amt: wie heißen Sie? — I weiß net, rothen Sie's! — Nun, so wollen wir schreiben: Ephraim Rothensies. Unzählige Anekdoten knüpfen sich an diese ungeschlachte und blinde Namenmacherei. In Tarnopol wird ein Student zwei Jüdinnen vorgestellt, die eine heißt Sara Groberklotz. Die andere heißt: Rebekka Küssemich. — Zwei fromme Israeliten kommen von der Polizei, wo sie Namen erhalten haben. Der eine hat sich's etwas kosten lassen und auch einen schönen Namen bekommen: er heißt Weisheit Der andere heißt: Schweißhund. Warum Schweißhund? Haste nicht genug bezahlt? — Gott und die Welt! hab' ich gegeben mein halbes Vermögen für das einzige w! Zu allen diesen Unbilden der jüdischen Namenwelt kam nun noch ein Eingriff der Juden selbst, die. um sich unkenntlich zu machen, ihre hebräischen Namen gern verdeutschten und anderweitig verdrehtem und sie dann als Familiennamen brauchten. (War dies nicht ihr gutes Recht oder eine selbstverständliche Abwehr gegen das erlittene Unbill? Bemerkung des Unterzeichneten.) Aus Isaak entstand Itzig und Hitzig, aus Moses: Mosen oder Moser, Mosche, Mothes (englisch geschrieben) und Moritz; aus Aaron: Baron, aus Josua Julius. Wir sahen vorhin, daß der Name Cohn eigentlich Kahen lautet. Ein andermal wurde die Originalform beibehalten, aber Kahen in Kahn und Kahn wieder in Schiff verwandelt Hierher gehört der Name Löwe, den viele Juden führen und der gewöhnlich aus Lewi hervorgegangen ist; die Umwandlung lag um so näher, als Löwe eigentlich Lewe und usprünglich Leo lautete. In Heiliigienstadt lebt d!er Rabbiner und Schächter Levf» sein Sohn heißt: Louis Levi; in Stuttgart nennt er sich; Ludwig