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Die Wahrheit · 1927-08-26 · Heft 35 (26.8.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 35 (26.8.1927)
Date
1927-08-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT ffllll Seite 5 einer Kooperative beizutreten und ihre Produkte durch eine Reihe von Jahren nur dem Agenten dieser Kooperative zu verkaufen. Die Deflation der Nachkriegsjahre1 hatte den Farmern arg zugesetzt. Da startete Sapiro zu einem Unternehmen, das später, nicht ohne sein Hinzutun, sein Kreuzzug für die Farmer genannt wurde. Er organisierte die Besitzer derBaumwollplantagen von Texas, die Tabakpflanzer beider Carolina, die Kartoffelbauern von Maine und griff, indem er auch die Weizenfarmer von Saskatchewan organisierte, sogar nach Kanada über. Er sprach vor großen Farm er Versammlungen, vor Geschäftsleuten und Bankiers, vor Parlamenten. Verbot das Gesetz eines Staates die Absdiließung eines Sapiro-Vertrages, so warf er sich auf die Agitation und drückte ein neues Gesetz durch. Die Kooperative wurde das Evangelium der Farmer und Sapiro ihr Apostel. Es war seit Menschengedenken die größte Bewegung in der amerikanischen Landwirtschaft. Und den größten Erfolg hatte Sapiro im Süden, der für ihn (gesellschaftlich) schwerer als der Norden zugänglich war. Seine Mittel waren Scharfblick und zäher Wille, unterstützt von einem geradezu außerordentlichen Rednertalent. Stunden- und stundenlang saßen und standen die nicht leicht zu nehmenden Farmer in seinen Versammlungen und jubelten ihm zu. Es gibt nur ganz wenige Amerikaner, die die Massen: so stark wie er beeinflussen können und vielleicht keinen einzigen Redner, der sie so beherrscht wie er. Und Sapiro gebraucht nicht eigentlich Massenmethoden; er wendet sich an die Vernunft In Ausschußsitzungen sitzt er schweigend in einer Ecke, bis sein Stichwort fällt. Dann redet er, nicht um aufzuklären, sondern um zu gewinnen. Er redet übrigens einen Ausschuß von fünf Menschen nicht anders an als eine Versammlung von Fünftausend. Daß er hier und dort viel Zahlen, viel Tatsachen ins Treffen führt, schließt nicht aus, daß er ..spectacular" wirkt. Ja, er geht auf diese Wirkung aus. er ist theatralisch und hat seinen Erfolg oft der Art zu verdanken, wie er das ist Als er in der ersten Vorverhandlung des Fordprozesses in Detroit auftrat da „nahm der Saal Farbe an." Der Reporter, der das verzeichnet, hat auch beobachtet, daß, als Sapiro zu sprechen begann, gegenüber im Zuschauerraum die Augen einiger hübscher schwarzer Frauen feurig aufglühten. In der Hauptverhandlung würden es wohl noch mehr hübsche schwarze Frauen gewesen sein (und vielleicht nicht nur schwarze). Aber um iihner schönen Augen willen wollte Sapiro doch keinen Schritt tun, den er für falsch hielt. Vulgärfreudisten — welcher amerikanische Journalist ist das heute nicht? — haben versucht, Sapiros Haltung und Erfolg aus einem Messiaskomplex abzuleiten, ohne leugnen zu können, daß Geld bei ihm eine Rolle spiele. Er nimmt kein Geld für seine Organisationsarbeit an und sagt das den Fa.rmcrn oft in den Versammlungen, doch, wenn die Kooperativen juristischen Rat brauchen, so läßt er sich ihn bezahlen. Er ist keine Persönlichkeit aus 'einem Guß. Der innere Konflikt, der 'durch das amerikanische Leben von heute geht, ist auch der seine. Man nimmt seine nervöse Beweglichkeit leicht für jugendlichen Enthusiasmus, aber man hat das Gefühl, daß sein Lächeln eine ständige und sehr intensive innere Erregung verbergen soll. Hinter seiner anscheinenden Weichheit ist etwas, was manchmal mit geradezu erschreckender Härte aufglänzt. Seine Anschlußfähigkeit inmitten der großen Menge steht in merkwürdigem Gegensatz zu seiner seelischen Isoliertheit im Kreise von zwei oder drei Menschen. Sein Humor ist nie leicht, sein Ernst immer überernst. Einst glaubten die Radikalen, daß er der ihrige sei, aber bald darauf druckte ein Magazin, das nur „Erfolgreiche" (also Nichtradikale) behandelt. Sapiros Lebenslauf und bei einem Diner sagte er zu dem Präsidenten des Stahltrusts: „Richter Gary, wenn wir Farmer jetzt gut stehen, so ist es nur, weil wir ein Blatt aus ihrem Notizbuch gerissen haben." Das mit dem Messiaskomplex wird man wohl fallen lassen müssen. (Der vorstehende interessante Artikel wurde in der „Berliner Montagpost" veröffentlicht.) Restauration in Salzburg Hermann Kohn WolidtelrlctisfraSe Nr. 14 näßige preise! Mflftlge Preise! Jüdische Frauenideale. Regine Ulmann zum 80. Gebartstage (I. September 1927.) Zunächst Aeußerüchkeiten, die Erscheinung, wie sie redet, wie sie Versammlungen leitet, wie sie der Fremde sieht. „Die Frau Direktor" gehört zu den Seltenen, die nie enttäuschen. Mancher gefeierte Redner hat, stürmisch beklatscht, den Vertrauten verraten: „Die Rede war gottsjämmerlich, aber man zehrt halt vom Kredit." Auch der Gewandteste braucht. Brücken über solche Lücken. Nur sie nicht Immer sattelfest, immer schlagfertig, immer Herrin der Situation, nie ein Versagen oder Entgleisen, wer macht ihr das nach? Aller Anfang ist schwer. Dem Redner freilich oft schwerer, aufzuhören, den wirksamen Abgang zu finden. Wenn s i e sich aber erhebt, und dieser Anfang fällt ihr bei der Zierlichkeit ihres Figürchens gewiß nicht schwer, dann ist man sicher: das rechte Wort am rechten Ort zur rechten Zeit Alles wie am Schnürchen. Und wie beredt weiß sie — zu schweigen! Ein Lächeln hat sie, das vernichtet, eine Undurchdringlichkeit der Milde, die einem mitten im rauschenden Redestrom den Atem verschlägt, ein Stirnkräuseln, wie Unheil drohende Gewitterwolken; aber auch einen Ernst verständnisinnigen Mitdenkens, der Gedanken beflügelt und zu Worten ermutigt. Und ihr Blick! Dieser Blick, in dem der Kobold der Kritik mit den Grazien ein neckisches Tänzchen — Menuett natürlich — aufführt. Solche Zuhörer hatte das geistige Wien der Grillparzer- und Schubert-Zeit. Wie Blick und Wort, ist Mittel und Hoheitszeichen ihrer neidlos unbestrittenen, von ihr so spielend leicht getragenen Herrscherwürde — ihre Tat. Unter diesem Matronenscheitel, stets soigniert, wie ihr ganzes Milieu immer „aufgeräumt4', wohnen Geist, Kraft und Wille eines Organisators. Die geborene „Regina". Dieser ..kleine" NnprMeon Weiherrock beschämt viele alte Weiber in Hosenrollen. Wer ließe sich aber die sanfte Gewalt ihres Szepters nicht gern gefallen? Man pariert ihrer Ueberlegenheit, wie Bismarcks Hofräte, „daß die Rockschöße nur so fliegen". Vor Zeiten sprach man in solchen Fällen von einem Zauber, von geheimnisvoller „Charme". Wir Juden nennen, es „C h e n" und wissen, daß keine andere Sprache einen Gegenwert dafür aufweist. Unsere Freundin besitzt ihn, unbewußt natürlich, wie man Augen im Kopfe hat. Damit allein schon ist sie Jüdin. Die Jüdin zu posieren und zu outrieren hat sie nicht nötig. Man glaubt sie ihr ohne Tamtam. Der widerstrebt, ebenso, wie die ihn schlagen, für sich eder andere, unserer unnachahmlichen Meisterin des Taktes. Nie findet sie harte Worte wie über diese politisierenden Zirkuskünste. Von ihr kann man gelten lassen, was Karl von N o s t i z der Rahel nachrühmt: „Glücklich unterschied sie sich von ihren Berlinischen Stammgenossen durch gänzliche Abwesenheit des jenen eigenen, widrigen Hanges zu forcierter Witzelei und linkischer Eitelkeit. Rahel war natürlich, ungezwungen, gutmütig, voll einer sozusagen instinktartigen Einsicht. Dennoch ging ihrem Geiste der pikante Glanz orientalischer Abkunft nicht ab." Was ihr aber unbedingt und dauernd Anrecht auf indischen Dank sichert, wie sie selbst ihren Mitarbeitern zu dnnken keimen Anlaß ungenützt läßt, ist, was sie als Jüdin Bleibendes geschaffen hat. Würdic vertritt sie die Jüdin in der Wiener Gesellschaft und zugleich das beste Altösterreich in seiner vornehmen Gediegenheit neben den großen Jüdinnen des Auslandes. Mancher von ihnen steht sie c^<rar in persönlichem Erleben nahe. Auch sie hat die Not zur Helferin des Nächsten geschmiedet. Mit sieben Jahren stand sie mutterlos da. Frühzeitig cr>zial gerichtet, rief sie 18iährig im Bunde nv"t ilr-er Cousine Marianne Benedikt und anderen Freundinnen den Mädchenunterstützuntrsverei" ins Leben, der sich die- Aufgabe stellte, mittellose jüdische Mädchen durch Unterricht bürgerlichen Berufen zuzuführen. Sie gründete Kurse für MaschinstricVen. Weißnähen. Kleidermachen, Kolorieren, Frisieren u a. m. A's »ranz »ungo Fr-'i mußfe c5e. d"* M?nn d1^ Of>-*- und damit zum großen Teil die Erwerbsfähigkeit eingebüßt hatte, durch eigene Arbeit ihr Haus erhalten, sech«? Kinder großziehen, die ietr.t ihren bererMiffen Stolz h'Wen. E;ne P»- d?gr«rin. die selbst die rirenm Kinder?w erziehen wußte! Sie wnrd" Direktorin der Fran^ngewerheschule ien^s von ihr gegründeten Vereines, wozu natürlich alle erforderlichen Prüfungen an der staatlichen LehrerinnenbiWungsanstalt abgele^ werden mußten. 1869 ließ sie zuerst mit bestem Erfolge jüdische Mädchen den damals in Oesterreich noch unbekannten Beruf der

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