Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 35 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seitt 4 [WMWM wmmm die Wahrheit Grund seiner persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen stellt er den Juden seines Vaterlandes das ehrende Zeugnis aus, das wir an die Spitze dieses Aufsatzes gestellt haben. Man machte oft die Juden verantwortlich für antireligiöse Strömungen. Dem Juden sei nichts heilig, er zerstöre den frommen Glauben und fördere antikirchliche Bewegungen. Mit Recht weist der Fürstprimas diesen namentlich gegen die ungarischen Juden erhobenen Vorwurf zurück. Er nennt die Juden seines Vaterlandes sogar b i g o 11. Es galt uns ja immer als eine bekannte Tatsache, daß gerade im Lande der ärgsten Judenfeindschaft die Frömmigkeit am besten gedieh. Von dem religiösen Eifer ungarischer Juden haben wir schon manche schöne Probe gesehen; wir verweisen nur auf die jüngt von uns gemeldete 1-Million-Dollar-Anleihe der Pester israelitischen Religionsgemeinde für den Bau von Synagogen, Schulen und Wohlfahrtsanstalten. Und diese ungarischen Juden bekennen sich mutig und freudig als Angehörige der ungarischen Nation. Ihre eben erwähnte letzte Großtat soll gleichzeitig zur Ehre des ungarischen Volkes dienen. Abgeordneter Dr. Gal schrieb dazu: „Der Anleihe-Beschluß ist mehr als die bloße Forderung des religiös-konfessionellen Lebens: die Synagoge, die Schule, das Spital werden ein Bollwerk des nationalen Charakters, der nationalen Kraft und der nationalen Wohlfahrt bilden; sie sind ein Opfer, dargebracht vom ungarischen Judentum auf dem Altar des ungarischen Vaterlandes." Es gehört wahrlich antisemitischer Wahnsinn dazu, um einer solchen ungarischen Judenschaft antireligiöse Gesinnung und mangelnden Patriotismus vorzuwerfen. Nein, ihr Bekenntnis zum Staate und zum ungarischen Volke läßt an Klarheit nichts zu wünschen übrig, und wir möchten, daß sich auch angesichts der neuen antisemitischen Vorfälle ein Fürsterzbischof fände, der dem so bedingungslos geäußerten Patriotismus seine Anerkennung nicht versagte und Abhilfe gegen die Judenhetze energisch fordert * * # Die ungarische Gendarmerie hat in verschiedenen ungarischen Grenzbezirken Fremdenrazzien veranstaltet, welche sich angeblich gegen verschiedene unerwünschte Elemente, welche in letzter Zeit überhand genommen haben, richteten. Dagegen wäre sicher nichts einzuwenden gewesen, denn jeder Staat hat das Recht, sich gegen Menschen zu schützen, welche seine Gesetze nicht beachten, und Personen, welche sich ohne Erlaubnis im Lande aufhalten, des Landes zu verweisen. Also nicht, was gemacht wurde, steht zur Diskussion, sondern, w i e es gemacht wurde, und da muß man wohl sagen, daß sich die ungarische Gendarmerie verschiedene Uebergriffe hat zuschulden kommen lassen, vor allem gegen die Juden, deren religiöse Gefühle dadurch sehr verletzt wurden, daß die Gelegenheit ihres Beisammenseins beim Freitag-Abend- Gottesdienst zu ihrer Perlustrierung benützt und der Tempel während des Gottesdienstes von allen Seiten von Gendarmen umstellt wurde. Wenn die Verwaltungsorgane tatsächlich unter der jüdischen Bevölkerung eine so große Zahl von Personen ohne AufenthalljsbewilMgjung vermutet haben, dann hätten sich ihnen sicher andere Möglichkeiten geboten, die Amtshandlung gegen dieselben ohne Verletzung der Gefühle der einheimischen jüdischen Bevölkerung vorzunehmen. Die Amtspersonen, welche die Perlustrierung vor der Synagoge angeordnet, bezwt. durchgeführt haben, erwiesen der Reputation ihres Landes keinen Dienst, indem sie die sich bietende Gelegenheit zur Befriedigung ihrer wahren Gesinnung benützten. Daß dieses System der Judenperlustrierungen aber auch nicht an vorgesetzter Stelle Gefallen findet, beweist folgende Erklärung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Prälaten Vaß, der folgendes zu den Meldungen über die skandalösen Razzien sagte: „Hier scheint eine regelmäßig sich wiederholende und leider unerläßliche Sicherheitsmaßnahme falsch gedeutet und in tendenziöser Weise aufgebauscht worden zu sein. Es handelt sich einfach um die ständige Inevidenzhaltung der im Lande befindlichen Ausländer und natürlich auch um eine Ueberprüfung dessen, ob sich unter ihnen nicht auch vom Gesichtspunkte der öffentlichen Ordnung etwa nicht wünschenswerte Elemente befinden. Von einer Belästigung friedlicher, unschuldiger Leute, oder gar von Maßregelungen antisemitischer Tendenz kann nicht die Rede sein. Solche würde ich auch gar nicht dulden!" Der Mann, der Ford zum Rückzug zwang. Aaron Sapiro, der Retter der Farmer. Napoleon, der große Realist, wurde einmal gefragt, was ihm an seinem Kaisertum das größte Vergnügen bereitet Er antwortete: „Ich darf reden, solange ich will, und die anderen müssen schweigen." Henry Ford von Detroit hat das Privileg seines Autokaisertums, reden zu dürfen und nicht unterbrochen zu werden, kräftig ausgenützt. Nachdem er bereits gefunden hatte, daß Musik Humbug sei, eröffnete er eines Tages, daß er an eine Verschwörung der Weisen von Zion glaube, die di'i Welt beherrsche. Auf diese Behauptung gründeten andere einen blühenden Betrieb. Aber das Unerwartete geschah. Ein Mann trat auf und verklagte Henry Ford wegen jener Zionsbücher auf Schadenersatz. Nicht nur die Angriffe in Fords Zeitung hätten ihn persönlich geschädigt, auch Fords ganze Theorie hätte seiner Karriere Abbruch getan, kurzum, er verlangte, nicht vom „Dearborn Irodependent", vielmehr von Henry- Ford selbst die feierliche Zurückziehung der ganzen Theorie und überdies eine Entschädigung von einer Million Dollar. Vor dem Gerichtshof von Detroit sollte die Verleumdungsklage ausgetragen werden. AbeT es kam nicht dazu, Ford zog in der verlangten, feierlichen und eindeutigen Form seine Theorie zurück, leistete Abbitte an alle diejenigen, die seine Bücher etwa gekränkt haben mochten, versprach seine wertvolle technische Mitarbeit bei der Ausforschung und Einstampfung seiner zurückgezogenen Bücher und zahlte Aaron Sapiro (immerhin) 140.000 Dollar. Wer ist Aaron Sapiro? Nicht der erste Beste! Zwei große Energien haben sich in Detroit gekreuzt, eine von ihnen mußte nachgeben. Nicht in allen Punkten war es Ford, der nachgegeben hatte. Kenner behaupten, daß erst eine Hauptverhandlung für Sapiro, den großen Redner, der hundertprozentig© Erfolg geworden wäre. Es gibt Leute, die Sapiro gut kennen und meinen, so wie die Dinge standen, habe Ford mit Ihm noch ein gutes Geschäft gemacht. Sapiro, heute ein Vierziger, war in einem Waisenhaus erzogen und zum Rabbiner bestimmt worden. Er sattelte aber um und wurde Advokat in Kalifornien. Vor zehn Jahren kannten nur wenige seinen Namen. Man wußte, daß er mit Harris Weinstock, dem staatlichen Marktdirektor, und Powell, dem Manager der kalifornischen Obstbörse, eng verbunden sei. In Kalifornien sind die Orangenfarmbesitzer zu einer Kooperative zusammengefaßt, die die Orangenproduktion standardisiert hat und den Verkauf besorgt. Die Idee Sapiros war nun. die fertig vorgefundene Idee der Kooperativen, den „citrus plan", auf alle Obstzüchter Kaliforniens, ja, auf die ganze Landwirtschaft der Vereinigten Staaten zu übertragen. Nicht ganz sein eigener Einfall; war es doch eine bedeutend! Konzeption. Zwischen 1919 und 1925 setzte ihn Aaron Sapiro im großen und ganzen durch. In diesen Jahren stieg er vom kalifornischen Rechtsanwalt zu einer nationalen Figur der amerikanischen Landwirtschaft auf. Er wurde der Retter der Farmer. Als 1919 Sapiro und Coykendall die Pflaumen- und Aprikosenorganisationen Kaliforniens auf der neuen Grundlage umbauten, da sprach man nicht mehr von einem „citrus plan", sondern bereits von einem „Sapiro plan". Sapiro verbrachte sein Leben nun auf der Eisenbahn, fuhr kreuz und quer durch die Staaten^ um die Farmer, womöglich alle Farmer Amerikas, zur Unterschreibung eines Sapiro-Vertrages zu bewegen: in diesem Vertrage sollten sie sich verpflichten,