Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 35 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 »«^ DIE WAHRHEIT Programm der Aufbauarbeit in Palästina entwerfen. Nach Erstattung des Berichtes dieser Kommission, der unter anderem Sir Alfred Mond als Vorsitzender, Dr. K1 e e, K. F r a n k e 1, Mr. Felix W a r b u r g und Herr Oskar Wassermann angehören und die ihre Tätigkeit bereits angetreten hat, soll im Sinne der Vereinbarung an die Schaffung der erweiterten Jewish Agency unter Zuziehung nichtzionistischer Kreise herangetreten werden. Eine der wichtigsten Aufgaben des kommenden Kongresses, vielleicht sogar die wichtigste, wird nun die Ratifizierung dieses für Palästina, den Zionismus und das Judentum nicht nur Amerikas wichtigen Abkommens bilden und im Zeichen dieser dem Kongreß gestellten Aufgabe haben auch die Wahlen zum Zionistenkongreß stattgefunden. „Pro" und „Contra Jewish Agency" lautete diesmal die Parole; denn wie alle ordentlichen Wahlen, so mußten natürlich auch die der Kongreßdelegierten eine Wahlparole, ein Schlagwort haben und konnte es für radikale Zionisten eine schönere Wahlparole geben wie „Gegen Weizmann!", „Gegen die Zusammenarbeit mit Nicht zionisten!", „Gegen die Ratifizierung des Abkommens mit den amerikanischen Juden!" Es scheint fast, daß die Herren, die gegen alles sind, was Weizmann in den letzten Jahren, im Interesse des Zionismus geschaffen hat, auf dem Standpunkte stehen: Wenn wir gemeinsam mit jenen Juden, welche sich unseren nationalen Anschauungen nicht anschließen können, Palästina aufbauen sollten, dann freut uns der ganze Wiederaufbau des Heiligen Landes nicht. Lieber wollen wir die große Idee unseres Führers Theodor H e r z 1, dessen Andenken aus Anlaß des dreißigsten Jahrestages des ersten Zionistenkongresses geehrt werden sollte, lieber wollen wir seine herrlichen Ideale opfern, bevor wir auch nur ein Quentchen von unserer nationalen Forderung preisgeben! Man sollte meinen, daß eine derartige, an politischen Fanatismus grenzende Anschauung bei uns kaum viele Anhänger zählen kann. Weit gefehlt! Oesterreich ist bekanntlich das Land, wo Radikalismus aller Art einen günstigen Nährboden findet. Wenn unsere Sozialisten radikaler sind als ihre Gesinnungsgenossen in anderen Ländern, wenn dasselbe bei unseren klerikalen und deutschnationalen politischen Gruppen der Fall ist, warum sollten nicht auch die österreichischen Zionisten radikaler sein als ihre Gesinnungsfreunde in anderen Ländern? Stand doch sogar an der Spitze der radikalen Zionisten der Präsident der zionistischen Landesorganisation Dr. Leo Goldhammer, der natürlich den ganzen Parteiapparat für die Zwecke der von ihm geführten Gruppe in Bewegung setzen konnte. Und trotzdem haben die radikalen Zionisten nur insgesamt 663 Stimmen erlangen können, während die Jewish Agency-Liste 551 Stimmen erhalten hat. Es werden daher die österreichischen Zionisten durch einen Radikalen, Dr. Leo Goldhammer, und einen Anhänger der Jewish Agency, Dr. Isidor Schallt auf dem Kongresse vertreten sein. Das ist also das Ergebnis eines erbittert geführten Wahlkampfes, an welchem sich nicht weniger als sechs zionistische Fraktionen beteiligt, welche insgesamt sage und schreibe 1781 Stimmen aufgebracht haben. Die Wählerzahl in den einzelnen Wiener Bezirken und den Provinzhauptstädten war, wie aus der uns vorliegenden Statistik der Hauptwahlleitung hervorgeht, eine so lächerlich geringe, daß sie an den zehn Das Koscher-Chaserfüssel. Von Dr. V. Kurrein. Das Schwein, obwohl es Soalthufer ist, ist es kein Wiederkäuer, unrein ist es euch; von ihrem Fleische sollt ihr nicht essen und ihr Aas nicht berühren. V, 14, 8 Obwohl die Thora bei den zum Genüsse verbotenen Tieren zwischen Kamel, Hase, Klippdachs und Schwein hinsichtlich der Strenge und Verbindlichkeit des Verbotes keinerlei Unterschied macht und alle die Aufgezählten auf eine gleiche Stufe stellt, ist das Schwein besonders in der volkstümlichen Auffassung des Judentums geradezu das Symbol des Verbotenen geworden. „Chasertrephe" sagt der Volksmund, wenn man einen Grad des Verbotenen, der alles andere übersteigt, kennzeichnen will. Mehr aber als vor allen anderen untersagten Tieren bestand vor dem Schwein noch ein Abscheu, der soweit ging, daß sich die nachbiblische Zeit sogar die Nennung des Wortes „chasir" versagte und dafür den Ausdruck „dowor acher", „fremdes Ding", einführte. Von allem, was das Speisegesetz dam Juden zum Genuß versagte, ist das verbotene Schweinefleisch auch in allen nichtjüdischen Kreisen am meisten bekannt, aber auch der Gegenstand, mit dem man die Juden am häufigsten in Wort und Bild verhöhnt und verspottet hat. Wohl hat das Schwein in manchem alten Kulte des Heidentums eine besonders bevorzugte Rolle gespielt, aber dieses kultische Moment ist nicht ausreichend imstande, die eigenartige Unterstreichung gerade dieses Verbotes wie den immer wedtergreifenden Abscheu speziell gegen dieses Tier zu erklären. Selbst die Zucht des Schweines war verboten und mit Fluch belegt. Aus dem Religionsgebote heraus ist dies allein nicht gekommen, wohl aber aus dem Gefühle einer von Rom verhöhnten und verfolgten Religion. Denn das Schwein ist in der nachbiblischen homiletischen Literatur des Judentums, in der sogenannten Agada, das Symbol für Rom, und dies nicht zufällig, sondern weil gerade die Legionen Roms, die in Judäa sehr traurige Erinnerungen zurückließen, den Eber in ihren Feldzeichen als Wappenbild führten. Schon R. Meir hatte den Namen „chasir" mit dem gleichklingenden Worte „zurückgeben" in Verbindung gebracht, um das Ende des scheinbar unüberwindlichen Rom zu verkünden. In den Kämpfen, die Hirkan und Aristobul um Jerusalem führten, kauften die Priester täglich um tausend Drachmen das Opfertier von den Belagerern, die es in einen Korb legten, der von der Mauer aus hinaufgezogen wurde, bis 'eines Tages das Unerhörte geschah. Die Belagerer legten statt des Opfertieres ein Schwein in den Korb, um so den Opferdienst im Tempel zu verhöhnen und unmöglich zu machen. Antiochus Epiphanes befahl dem Greise Eleasar verbotenes Fleisch vorzusetzen, und die Geschichte weiß zu berichten, daß es Schweinefleisch war. Der politische Kampf bemächtigte sich dieses religiösen Verbotes, um eine besonders scharfe Waffe gegen das religiöse Empfinden des Volkes zu schaffen. Die Gedankenverbindung von politischem Hasse und gläubiger Frömmigkeit erzeugte die an Abscheu grenzende Antipathie gegen das verbotene Tier. R. Pmckas hat im Namen R. Simons dieser allgemein gehegten Empfindung in einem unsterblichen Midrasch Ausdruck gegeben. Rom gleicht dem Schweine, welches die Füße mit den gespaltenen Hufen, dem Zeichen der Reinheit jedermann entgegenstreckt, als wollte es sagen: „Seht, ich gehöre zu den reinen Tieren", während es in der Tat zu den unreinen gerechnet wird. „Ebenso raubt, erpreßt das ruchlose Reich und stellt dann Richterstühle auf", so schließt der Vergleich. Das ist der Midrasch, der das geflügelte Wort vom „koscher Chaserfüssel" erstehen ließ, das sich gegen gieißnerischen Betrug, politische und gesellschaftliche Scheinheiligkeit wendet Denn all die verbotenen Tiere sind Wiederkäuer, nur fehlt ihnen das äußerlich sichtbare Merkmal, der Spaiihuf. Schon