Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 34 (19.8.1927)
- Date
- 1927-08-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Landauer: „Die Typen des deutschen Judentums in ihrer Beziehung zum Sozialismus". G. Maimonides, Hilchoth Teschubah. Hilchoth Deoth, verdeutscht und mit Noten versehen von B. S. Jacobson (Hermon- Bücherei II. 3) Frankfurt a. M. 1926, Hermon-Verlagsanstalt. In ansprechender Ausstattung werden hier, sachkundig kommentiert, in gewähltem Deutsch Perlen maimonidischer Weisheit dargeboten. Ein ungemein verdienstliches Unternehmen, wie jedes, das dem größeren jüdischen Publikum die erlesene Geistesarbeit dieses gewaltigen Denkers näherbringt. Wir möchten diese Gelegenheit nicht unbenützt lassen, wieder auf die Uebersetzung seines philosophischen Hauptwerkes, des More nebuchim, hinzuweisen, die der verstorbene Wiener Schulrat Dr. Ad. Weiß (Verlag Felix Meiner, Leipzig) geliefert hat. Mag man in Fachkreisen an dieser Riesenarbeit auch das eine oder das andere auszusetzen haben, als Bereicherung unseres jüdischen Schrifttums ist sie mit Freuden und dankbar zu begrüßen. In demselben Verlage erschien. J. H. Bondi. Aus dem jüdischen Rußland vor 40 Jahren. Auch diese Veröffentlichung verdient einen weiten Leserkreis. Je größer gegenwärtig die Gefahr des Unterganges dieses kernig-jüdischen Volkslebens, um so dringender ist das wissenschaftlich Gebot, die Erinnerung daran literarisch festzuhalten. Lebenswahr geschildert sind hier Typen, wie der „Maggid", „der Teitsch" u. a. Auf Eljokiim Zunser, dessen Autobiographie ein besonders beachtenswertes, geschichtlich bedeutsames Dokument bildet, hinzuweisen und in seine volkstümliche Kunst einzuführen, war hier durchaus am Platze. Die kleine Schrift weiß viel zu sagen, was der Beherzigung wert ist. G. Das psychoanalytische Volksbuch. Herausgegeben von Dr. Paul Federn und Dr. Heinrich Meng, Hippokrates- V erlag Stuttgart-Berlin-Zürich. Es wird viel über Psychoanalyse gesprochen, aber verstanden? Ein großer Teil hat gar keine oder besten Falles sehr verschwommene Vorstellungen, weiß vielleicht nicht viel mehr als die herumschwirrenden Schlagworte. Die Schuld daran trägt zweifellos der Umstand, daß es an geeigneter Literatur mangelte. Die vorhandenen Schriften waren naturgemäß in erster Linie für Fachpsychologen bestimmt und daher in einer Art und Weise aufgebaut, daß der Laie, wenn er sich schon herantraute, daraus niemals eine erschöpfende Erkenntnis dieser Seelenlehre gewinnen konnte. Dä erscheint nun dieses Buch. Diese Tatsache allein ist Dankes wert, die Ausführung erheischt Anerkennung. Das Buch besteht aus Einzelbeiträgen fünfzehn psychoanalytischer Praktiker, Aerzte und Pädagogen, und es ist das Verdienst der beiden Männer, die dieses Buch herausgaben, daß es trotzdem, abgestimmt und zu einem einheitlichen Werk aneinandergefügt, ein Ganzes büdet. Unterstützt wurden sie hierbei durch den durch alle Beiträge laufenden, verbindenden Faden, die Bewunderung für ihren Meister und Lehrer, Siegmund Freud, dem dieses Buch gewidmet ist und dessen Bäd es trägt. So ist dieses Buch geeignet, das Verständnis der Psychoanalyse unter die Masse der Laien zu tragen und Erkenntnis zu schaffen über Fragen des Seelenlebens, die für viele im tiefsten Dunkel liegen. Dr. Hans Kronengold. iiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuniiniuM Hertel Abonnenten lir „Die Witeit"! g< Tow Worte ~xü Jfodte^ Frau von Pollak und der Talmud. Wir lesen in der Prager „Selbstwehr": Berühmt ist jener unheimliche Typus von Menschen, die aufmerksam dem Erzählen allerlei Anekdoten lauschen, um zum Schluß ein kleines Mißfallen vortäuschend, ausrufen zu können: „Ach, das ist ja schon ein alter Witz!" Und dennoch sind sie nicht ganz im Unrecht. Denn der Kern aller Witze ist meistens in der Welt alt, sehr alt Vielleicht so alt wie die Geschichte der Menschheit selbst. Das gilt übrigens von der mythischen Heldin des weltberühmten Anekdotenkranzes der Frau von Pollak. Ueber das Alter, ebenso wie über die noble Herkunft dieser ehrenhaften Dame sind die Ansichten ihrer Freunde und Feinde geteilt. Doch liegen archäologische Dokumente vor, aus denen ersichtlich wird, daß Frau von Pollak kein Backfisch mehr sei, sondern bereits das sehr ansehnliche Alter von zumindest fünfzehnhundert Jahren überschritten haben dürfte. (Genau läßt sich freilich das Alter bei Damen nicht mit Sicherheit feststellen.) So erzählt der Talmud im Traktate Erubin. pagina 53 b, von einer Vornehmen, deren Namen die diskreten Rabbiner zwar delikat verschweigen, die aber kaum anders heißen konnte als Frau von Pollak. Sie will stets feine Ausdrücke, Fremdwörter und künstliche Satzgefüge gebrauchen, wobei es ihr dank ihrer Geschicklichkeit gelingt, immer etwas ganz anderes zu sagen, als sie es eigentlich beabsichtigt. So sagt sie ganz gemütlich zu einer Freundin: „Komm, ich werde dich den Löwen vorwerfen!" In Wirklichkeit wollte sie ihr bloß sagen: „Komm. Liebste, ich werde dir Milch geben." Doch die fatalen Fremdwörter, mit denen es ja so schwer zu hantieren ist! Sie hat das arabische Lehnwort laban, Milch, mit dem hebräischen labi, Löwe, verwechselt und statt des seltenen aramäischen schelubti, meine Liebste — scheluktik, ich werfe dich hin, gesagt. Als sie einst vor Gericht erschien, hielt sie folgende, sehr doppelsinnige Lobrede über ihren verstorbenen Gatten: „Mein Mann war ein Hausknecht, chiri, — sie wollte sagen: ein Herr, griechisch: kyri — und hatte einen Balken (tafla — sie wollte sagen einen Tisch, lateinisch: tabula)". Und zum Richter gewendet, setzte sie infolge ähnlicher Mißverständnisse ihre Liebenswürdigkeit fort: „Man hat dich von uns gestohlen (als ob der Richter ihr ehemaliger Sklave gewesen wäre), und wenn man dich draufgehängt hätte, so iiätten deine Beine nijht einmal zum Fußboden gereicht." — So lang war der „Balken" ihres Gemahls . . Die Kultusgemeinde und die Dispensehen. Entgegen der in einigen Tagesblättern erschienenen Notiz, wonach das Rabbinat der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien bei dem Wiener Magistrat gegen die Erteilung von Dispensen für die Wlederverehelichung bei Juden Einspruch erhoben habe, erklärt der Vorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde auf Grund der von ihm gepflogenen Erhebungen, daß dem Rabbinat der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde kein Fall bekannt ist, in welchem das Rabbinat gegen eine vom Magistrate erteilte Ehedispens Einspruch erhoben hätte. Die Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde (Wien 2. Bez., Ferdinandstraße 23) ist wieder für den Parteienverkehr geöffnet. Heinrich Teweles. Mit Heinrich Teweles, dem Prager Dichter und Schriftsteller, ehemaligen Chefredakteur des „Prager Tagblatt" und Direktor des Prager Deutschen Theaters, ist ein Mann gestorben, der in den vordersten Reihen des Prager liberalen Deutschtums gestanden ist und der ganz wesentlich zur Bildung des geistigen Profils dieses Deutschtums beigetragen hat. Daß er hierbei dem Judentum treu geblieben ist, davon zeugt das Festhalten am väterlichen Glauben in exponiert deutscher Stellung, sein Interesse für jüdische Dinge, und wohl auch eine seiner letzten literarischen Publikationen: „Goethe und die Juden", die seinerzeit in diesen Blättern aus-