Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 34 (19.8.1927)
- Date
- 1927-08-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064332--15636-3088432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10 mm die wAfflrami verdammen wußten, Woche für Woche in unserem eigenen Lande zutragen. Woche für Woche zieht in irgendeiner deutschen Stadt oder Landgemeinde eine Schar deutscher Männer und Jünglinge bei Nacht auf die Friedhöfe, stürzt die Grabsteine um, zerschlägt sie, besudelt die Gräber und schleicht sich wieder davon. Die Männer und Burschen, die diese feigen, verworfenen Handlungen begehen, sind nicht etwa lichtscheues, gesetzloses Gesindel. Sie halten sich für die Besten ihres Volkes, sie halten sich für Vorkämpfer des Deutschtums. Es sind ja jüdische Gräber, die sie zerstören. Zwar stehen auf ihren Steinen die ewigen Worte, die Gott und Mensch in schwerster Stunde zu tauschen pflegen. Aber sie sind in fremdartigen Schriftzedchen geschrieben, und deshalb halten sich diese deutschen Männer für befugt, sie zu beschmutzen. Deutsche Männer! Ruft ihr Handeln nicht den Schändern jener deutschen Soldatengräber im Ausland zu: „Seht, wir machen es gerade so wie ihr, also habt ihr recht getan?" Aber freilich, sie wissen nicht, was sie tun. Sie sind selber Opfer. Opfer einer Haßpredigt, die seit Jahren unser Land durchlärmt und die Anfälligen dazu verleitet, auch ihr letztes bißchen Menschentum dem Dämon in den Rachen zu werfen. Wie verhalten sich aber die übrigen Volksgenossen, deren klares Urteil über Grenzdinge des Menschentums noch nicht getrübt ist? Geht nicht eine Welle des Zornes, der Abwehr durch unser Land? Regen sich die Kirchen nicht? Erheben die Zeitungen nicht ihre Stimme, einerlei wie sie politisch stehen mögen, und rufen die öffentliche Meinung auf gegen Taten, die ein gesittetes Volk unter keinen Umständen dulden darf? Gegen keinen Feind, unter keinem Deckmantel, in keinem Interesse und von keiner Seite? Es gibt mehr Ketten, als tolle Hunde, sagt ein Sprichwort Wo sind die Ketten für diese Bestien, die den deutschen Namen in der ganzen Welt entehren? Für die kein Holz schlecht genug ist, um ihnen als Schandpfahl zu dienen? Die politische Mordseuche, die Deutsche gegen Deutsche wüten ließ, konnte doch auch endlich abgeriegelt werden. Ist diese neue Seuche, die Deutsche zu Grabschändern, zu nächtlich streifenden Hyänen und Schakalen werden läßt, etwa weniger schlimm? In den letzten vier Monaten sind nicht weniger als zehn Schändlichkeiten dieser Art vorgekommen. Ist das nicht genug, um die schärfste Abwehr auf den Plan zu rufen? Jüdische Grabsteine werden angegriffen, aber getroffen, geschädigt und gekränkt wird damit in erster Linie der Wert und Name unseres eigenen Volkes. Denn zu uns gehören die Täter, und auf uns, auf deutsches Volk und deutsches Wesen beruft sich die Haßgesinnung; deT solche Taten entspringen. Mögen also andere, die zum Reden berufen sind, schweigen: ich für mein Teil will aussprechen, daß ich mich als Deutscher jener Bestien bis ins Herz schäme, daß ich die Stumpfheit, die so Scheußliches erträgt, tief beklage, und daß ich die Predigt einer Haßgesinnung, die zu solchen Taten führt, für ein nationales Unglück halte. Nicht von dieser Haßgesinnung. ob sie auch noch so viel von ihrer DeutschJieit redet, können wir erfahren, wie ein wahrhaft deutscher Mensch zum Mitbruder steht wie er sich mit allen Nebenmenschen (und gerade im Tode) vor Gott verbunden sieht. Lieber als an jene Verderber, die anbrüchige Naturen vollends zur Entmenschung treiben, halte ich mich an Walther von der Vogelweide, dessen Gedicht „Gleichheit vor Gott" ich den Judenhassern ins Stammbuch schreiben möchte: Wer ohne Fürchten, Herre Gott, Will sprechen deine zehn Gebot, Und brichet die, das ist nicht rechte Minne. Dich heißet Vater mancher viel: Doch wer mich nicht zum Bruder will, Der spricht die starken Wort' aus krankem Sinne. Wir sind auf gleiches Ding gegründet: Speise frommt uns. die verschwindet, So sie durch den Mund uns fährt. Wer kann den Herren von dem Knechte scheiden, — Find't er ihr dürr Gebein im Sand, — Hab' er auch lebend sie gekannt, So Gewürme das Fleisch verzehret. I h 01 dienen Christen, Juden, Heiden, Der alle lebenden Wunder nährt. ^(W&tksSkeiten vom (Fa^^ Der „Probealarm". Die Wiener Straßenkrawalle vom 15. und 16. Juli waren aiso, wofern man der völkischen Presse in Oesterreich und Deutschland Glauben schenken darf, nichts anderes als ein „bestellter Probealarm der jüdischfreimaurerisehen Loge". Diese, wohl nur der in den letzten Tagen herrschenden wahrhaft tropischen Hitze entsprungenen, Hirnrissigkeiten und Fieberphantasien wagt die antisemitische Presse ihren Lesern zum Besten zu geben. Das Papier allerdings ist von einer sprichwörtlichien Geduldigkeit, die Leser scheinen jedoch noch viel geduldiger zu sein, wenn sie sich solchen Blödsinn bieten lassen von einer Presse, die offenbar nicht für Irrsinnige, sondern, außer im Falle strafgerichtlicher Angelegenheiten, für geistig als normal gelten wollende Menschen geschrieben wird. So zum Beispiel bringt das Organ Adolf Hitlers in München die Unruhen, welche in Wien herrschten, mit der Europareise des Bnet- Brith- Präsidenten Alfred Cohen in Zusammenhang, und zwar scheut sich der „Völkische Beobachter" nicht, unter Riesenüberschriften wie „Der Wiener Probealarm als bestellte Freimaurerarbeit" oder „Der Aufmarschplan der jüdisch-bolschewistischen Loge" seinen Lesern folgende weltpolitischen Ausblicke vorzusetzen: „Kurz vor dem Ausbruch des marxistischen Aufstandes hielt sich der Ordenspräsident des bekannten jüdischen Freimaurerordens Bnei Brith, Dr. Cohen, kurze Zeit in Wien auf. ... In den vier Wiener Logen der Universitätsstraß e, in, den Logen .Massada'. »Eintracht', .Wahrheit* und ,Wien* fanden eine Reihe von geheimnisvollen Besprechungen mit Dr. Cohen statt. Mit dem Großmaurer Cohen war gleichzeitig sein Logenbruder Towsendi aus Neuyork nach Europa gekommen, der "zur Zeit sich in Belgrad aufhält. Bei dem Gegensatz zwischen Belgrad und Rom gewinnen die Pläne Towsends, Sn Jugoslawien neue Bnei- Brirh-Logen zu gründen, besonderes Interesse. Offenbar dienen diese Bestrebungen, ebenso wie die versuchte Bolschewisierung Deutsch Österreichs (!) dem gleichen Ziele. Man erblickt nach wie vor im Balkan den günstigsten Boden, um Europa in Unruhe zu halten und den drohenden Zusammenbruch der bolschewistischen Herrschaft in Moskau durch die Revolutionierung Südost-Europas aufzuhalten. Es ist n auch kein Zufall, daß jetzt in Rumänien die Regierungsgewalt wieder in der Hand des Freimaurers Bratianu liegt. Und während man in Belgrad die nationalistischen Instinkte gegen Italien aufpeitscht, sucht man in Wien die bolschewistische Bewegung gegen den drohenden Faschismus zu entfesseln. Man hat es also mit einem großartigen, planmäßig vorbereiteten Aufmarschplan der jüdisch-bolschewistischen Loge zu tun. Der Marxistenputsch in Wien bildete im großen Rahmen dieser Pläne offenbar nur eine Generalprobe mit dem Zwecke, die Widerstandskraft der bürgerlich-parlamentarischen Regierung zu prüfen, sowie festzustellen, inwieweit die gewerkschaftliehen und marxistischien Organisationen funktionieren würden. . . . Bei dem Wien'er Pusch hatte man es mit einem .Probealarm' zu tun. dem der eigentliche Entscheidungskampf erst noch zu folgen hat. Der aber wird sich nicht auf Wien allein beschränken." Mit Rücksicht darauf, daß dieser Stumpfsinn, wi eer höher nicht mehr geht, just in München fabriziert wurde, kann man nur sagen: das Maß ist voll! So ehren sie ihre Toten. Eine selbst für hitlerianische Verhältnisse ungeheuerliche Gemeinheit leistet sich der „Illustrierte Beobachtet", der Bilder-Ableger des Münchener „Völkischen Beobachter s", in seiner Juli-Nummer. Unter der Sammelüberschrift „Von unser en Feinden" bringt er Bilder von der Rumänenkönigin, von japanischen Diplomaten. Bilder aus Frankreich, aus England — das von Hitler umschmeichelte faszistische Italien fehlt natürlich in der Reihe „unserer Feinde" — und mit dem Untertitel „So ehren sie ihre Toten" das Bild des Grabmals des im Felde gefallenen jüdischen Oesterreichers Oberleutnant Hugo Zuckermann in Eger. Das Grabmal des Dichters des „Oesterreichischen Reiterliedes", der sein Leben für das Vaterland einsetzte und hingab, spricht eine, zu