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Die Wahrheit · 1927-08-19 · Heft 34 (19.8.1927) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 34 (19.8.1927)
Date
1927-08-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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t)lE WAHRHEIT ItölÄllfiM^ II Seite 9 Grüneberg hatte ursprünglich Pharmazie studiert, widmete sich aber bald naturwissenschaftlichen Disziplinen. Das bekonnte „amerikanische" Verfahren der Bleiweißgewinnung ist eigentlich eine Erfindung des jungen Grüneberg; den Amerikanern kommt lediglich das Verdienst zu, seinen Arbeitsgang verbessert zu haben. 1858 gründete er eine chemische Fabrik bei Deutz und bald darauf eine zweite in Straßfurt, in der vor allem Chlorkalum hergestellt wurde. Seinem Forschergeist gelang es nun auch, aus diesem Chlorkalium und dem in großen Mengen in der Natur vorkommenden Magnesiumsulfat das wertvollere Kaliumsulfat auf einfachem Wege herzustellen. Die sehr bekannte Methode, der Pottasche(Kaliumkarbonat)-Darstelluns aus Kaliumsulfat geht — in ihrer Anwendung in der Praxis — auf Grüneberg zurück. Schließlich machte er sich um die Einführung deT Düngersalze in die Landwirtschaft verdient. Den Nobel-Preis für Medizin erhielt 1908 Prof. Paul Ehrlich für die Erfindung des Isalvarsans, des ersten und besten Präparats zur Bekämpfung der Syphilis. (Salvarsan „Ehrlich-Hata-606" 33' Diamino 44' Dioxyarsenobenzoldichlorhydrat HCl NH2 C3H3 (OH). As: As CaH3 (0 H) NH2 HCl — dies für Liebhaber chemischer Formeln! Hata war Ehrlichs Mitarbeiter. „606" besagt, daß das Salvarsan nach dem 606. Versuch gefunden wurde; es ist ein „Organometall" — genauer: ein Organometalloid.) In der vorläufig abzuschließenden Artikelserie habe ich versucht, die Bedeutung deT Juden für die Entwicklung der chemischen Wissenschaft und Industrie zu skizzieren. Es sei noch bemerkt, daß eine derartige Arbeit — zumal im Rahmen einer Zeitung — nie' Anspruch auf Vollständigkeit erheben darf, da ja nur eine sehr beschränkte Anzahl von Erfindern und Erfindungen Berücksichtigung finden kann und überdies die Auswahl derselben immer subjektiv bleiben muß. Auch soll die Schwierigkeit berücksichtigt werden, die sich dem Thema dadurch bietet, daß einerseits sehr viele jüdische Chemiker (und das gleiche gilt auch für andere Persönlichkeiten, die — mehr oder weniger — Großes leisteten), ihr Judentum ängstlich verbargen und verbergen, anderseits das biographische Quellenmaterial aus vielen Büchern, Zeitschriften und Zeitungen zusammengetragen werden muß. _ Materialien zur Geschichte der Entstehung des Kultusgemeindebezirkes Wien XXI. (Floridsdorf)*) Von Rabbiner Dr. M. R 0 s e n m a n n. (Fortsetzung.) Unter unsagbaren Schwierigkeiten ist der Bau des Tempels begonnen, fortgesetzt und zu Ende geführt worden. In der Schindlergasse 4 (von der anderen Front Holzmeistergasse 12) fand am 13. Oktober 1875 die Grundsteinlegung zum Gotteshause statt. Die Urkunde, die hierbei versenkt wurde, hatte einen kurzen hebräischen und nachfolgenden längeren deutschen Text, dessen Verfasser Oberlehrer Ignatz Low gewesen sein dürfte. Sie lautet: „Mit Hilfe Gottes und durch die Opferwilligkeit der hiesigen Minjan-Vereinsmitglieder wurde der Grundstein zum Bau dieses Tempels gelegt, am Erew Sukkoth im Jahre 5636 (13. Oktober 1875) unter der Regierung seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I., unter der k. k. niederösterreichischen Statthalterschaft Konrad v. Eybisfeld, unter dem k. k. Bezirkshauptmanne Matzal, unter dem Ortsbürgermeister Georg Puffer, unter dem Vereinsvorstande: Leopold Wimmer, Ignaz Low, Gerson S. Kamperl, Max Neu mann, Ignaz B ö c k, Jakob D u 1 d n e r und Jakob Wagner, und des zu diesem Bau ernannten Komitees: Moritz Grünwald, Samuel D e u t s c h, Simon Prag an, Alois Schlesinger und Nachman K o p a 11." *) In Nummer 32 hat es zu heißen: Gollerstepper Ignaz; Redlich Adolf (1874). Der Bau wurde ausgeführt durch den Baumeister Schäffer aus Döbling nach dem Entwürfe des Architekten Andreas Streit in Wien. Der Bau wurde mit unzulänglichen Mitteln ins Werk gesetzt und mußte daher mehrmals unterbrochen werden. Max N e u m a n n, der unermüdliche Förderer jeder religiösen Institution, unternahm es nun, bei den reichen Glaubensbrüdern in der nahegelegenen Hauptstadt Geldmittel aufzubringen. Aber auch diese Sammlungen konnten wegen der ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse, die in Wien nach dem Jahre 1873 herrschten, keinen genügenden Ertrag bringen. Zwei Jahre lang dauerte dieser ungewisse Zustand, da griff das durch Frömmigkeit und Hingebung ausgezeichnete Gemeindemitglied Simon P r a g a n ein. Dieser streckte einen für die damaligen Verhältnisse bedeutenden Betrag (6000 Gulden) vor und das Gotteshaus wurde 1877 fertiggestellt. Das Jahr 1877 bildete auch sonst einen wichtigen Markstein in der Geschichte des Kultusgemeindebezirkes Floridsdorf. In diesem Jahre entstand die Chevra Kadischa und wurde der eigene Friedhof angelegt. Ein opferfreudiger Angehöriger der weitverzweigten Familie Grünwald, Jakob G r ü n w a I d, hatte wohl in Jen Sechzigerjahren in Deutsch-Wagram auf eigene Kosten einen jüdischen Friedhof errichtet. Die Verstorbenen von Floridsdorf hinzuführen war aber mit vielen Schwierigkeiten und namhaften Kosten verbunden. Die erstarkte Judenschaft schritt daher zur Erwerbung eines eigenen Bodens in dem nahegelegenen Neu-Leopoldau. Im Archiv der Muttergemeinde Wien befinden sich die Akten über den Ankauf des Grundes. Denselben ist zu entnehmen, daß der Vereinsvorstand, bestehend aus Moriz G r ü n w a 1 d, Max N e u m a n n und Simon Pragan einen Aufruf an die israelitische Bevölkerung von Floridsdorf und Umgebung gerichtet hatten, „für diese Zwecke Beiträge zu leisten, der den Erfolg hatte, daß von 59 Personen der Betrag von rund 950 Gulden gespendet wurde". Am 31. Jänner 1877 fand in Groß-Enzersdorf der Abschluß des Kaufvertrages statt, und zwar zwischen Moriz Grünwald, Simon Pragan und Michael Grünwald einerseits und Karl Hofmann und Elisabeth liofmann als Verkäufer anderseits. Als Zeugen dieser wichtigen Transaktion zeichneten Jakob Hahn und Salomon Hahn. Zur Ausgestaltung des Friedhofes trugen — nach dem schriftlichen Berichte des Dr. Jakob König — hauptsächlich Jakob Glaser und Samuel Deutsch bei. Die zwei wichtigsten Voraussetzungen eines festbegründeten Gemeindelebens waren mit dem Jahre 1877 gegeben: Gotteshaus und Friedhof. Die Entwicklung sollte nunmehr schneller nach aufwärts gehen. (Fortsetzung folgt.) Kampf gegen Gräber. „D'er Morgan" (Herausgeber Prof. Dr. Julius Goldstein. Darmstadt) veröffentlicht in seiner Juninummer einen bemerkenswerten Aufsatz aus der Feder eines christlichen deutschen Denkers Wilhelm Michel (Darmstadt) zu den überhandnehmenden Schändungen der jüdischen Friedhöfe, der nun nach der neuen Friedhofschändung in Köln, über welche wir bereits berichtet haben, besondere Aktualität gewinnt. Wir entnehmen dem Artikel folgende Stellen: Es gibt eine letzte menschliche Solidarität, die selbst im härtesten Kampf gewahrt zu bleiben pflegt Sie steht jenseits aller Gegensätze, die Menschen entzweien können; jenseits auch aller moralischen und geistigen Unterschiede, die in so zahlreichen Abstufungen vom Verworfenen zum Edlen führen. Vor der Hilfsbedürftigkeit des Kindes, vor der Majestät des Todes verhält sich der Edelste nicht grundsätzlich anders als der gemeine Verbrecher. Denn hier ergeht Appell an Grundgefühle, die mit dem Indwiduuni und seinem besonderen Wesen nichts mehr zu tun haben; Grundgefühle, die der Art Mensch gemeinsam sind. Die selbst der Wahnsinn nicht auslöscht Ja, die so tief liegen, daß sie fast noch in die Schicht unserer Tierverbundenheit hinabreichea Mit dem Ausdruck tiefer Empörung haben deutsche Blätter vor Jahren Bilder von den Zerstörungen veröffentlicht die im ehemals feindlichen Ausland an deutschen Soldatengräbern, verübt worden waren. Und nun erleben wir. daß sich genau dieselben Handlungen, die wir an andern so hart zu

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